Donnerstag, 19. November 2020

Die Bedeutung der neoliberalen Revolution

 

 

 

Die Kolonialmächte und Nazideutschland kämpften zwar gegeneinander, aber für die gleiche elitäre Weltordnung; der wahre ideologische Gegner waren die egalitären Gesellschaften der UdSSR und der USA, die schließlich gewannen. Die neoliberale Revolution 1979 war der Beginn der Rückkehr der elitären Weltordnung.

Die elitäre Anthropologie geht davon aus, dass Menschen sich grundsätzlich unterscheiden, etwa nach Rasse und Klasse, die egalitäre Anthropologie geht von der grundsätzlichen Gleichheit der Menschen aus: Menschen sind unterschiedlich reich und mächtig, aber grundsätzlich gleich.

Wer heute lebt und vor ca. 1970 geboren wurde, für den ist die egalitäre Sichtweise selbstverständlich, auf dieser gründen sich die humanistischen Werte der westlichen Wertegemeinschaft. Wer später geboren wurde, ist mit zwei Ideologien aufgewachsen, die sich gegenseitig ausschließen und dennoch als eins und dasselbe präsentiert werden. Das logisch Unvereinbare sollte psychisch ununterscheidbar sein; dort nimmt das Zerreißen der westlichen Gesellschaft seinen Anfang.

Radikal egalitärer Feminismus stellt Frauen als die grundsätzlich bessere Menschenart gegenüber Männern dar, radikaler Liberalismus der Chancengleichheit macht aus reichen und armen Menschen zwei verschiedene Spezies, radikal egalitärer Antirassismus erfindet die rassistische Identitätspolitik. Die elitäre Ideologie stellt sich als die Vollendung der egalitären Weltordnung dar.

 

Die Ersetzung von Science Fiction durch Fantasy im öffentlichen Bewusstsein kann nicht unerwähnt bleiben. Egalitär-humanistische Science Fiction wechselte ins nihilistische Horror-Genre (Alien, 1979), mit der Star-Wars-Trilogie und für Kinder mit Harry Potter wurde das psychopolitisch Positive, der Zukunftsoptimismus, in den Bereich des elitären Fantasy-Genres verlagert.

Dienstag, 27. Oktober 2020

Die Krise unserer Zeit

 

 

 

Seit der neoliberalen Revolution von 1979 häufen sich Pogrome gegen die Mittelschicht: in den 80-ern Lateinamerika, in den 90-ern der Ostblock und das weiße Südafrika, in den 00-ern Nordamerika und Westeuropa. Politik als Mittel der Reichen und Superreichen, den alten Abstand zwischen den Klassen wiederherzustellen, damit aus Wohlstandsunterschiedenen weiterhin Machtunterschiede werden.

Die systematische Zerstörung der Mittelschicht scheint in der Corona-Pandemie weltweit ihre Vollendung gefunden zu haben, der wirtschaftliche Ruin des demokratischen Kerns der Völker scheint gewollt. Die Eliten wollen prekär lebende und politisch unmündige Massen. Deshalb wurde natürlich das Coronavirus in die Welt gesetzt!

Was haben wir Glück, dass es nicht die Pest ist! Mit naturwissenschaftlichem Analphabetismus und verschwörungstheoretischer Überrationalisierung zufälliger oder systemintern notwendiger Vorgänge hätten wir längst unser Grab geschaufelt, zumindest die Gräber von 2 bis 4 Milliarden Erdbewohnern. Nein, das Coronavirus ist keine Erfindung irdendwelcher Verschwörer, und ja, natürlich nutzen die Mächtigen opportunistisch jede Möglichkeit, ihre Macht zu verteidigen und zu konsolidieren.

Der Kapitalismus hat eine systeminterne Logik, die keine Politik machende und in wirtschaftlicher Sicherheit lebende Mittelschicht zulässt. Es muss ständiger Lohndruck bestehen, zu gut lebende Millionen bedeuten die Abkehr der Gesellschaft vom Diktat des Geldes und damit eine Herausforderung des kapitalistischen Systems. Wirtschaftskrisen, inszeniert oder tatsächlich systembedingt entstanden und von den Mächtigsten ausgenutzt, sind so alt wie das kapitalistische System.

Die derzeitige Krise kann von Staat und Gesellschaft zusammen gegen die Wirtschaft gelöst werden, anstatt wie üblich von Staat und Wirtschaft gegen die Gesellschaft (oder beim Zerfall der UdSSR von Wirtschaft gegen Staat und Gesellschaft). Dafür muss der Staat das Primat der Politik erklären und scheinbare wirtschaftliche Notwendigkeiten durch freie demokratische Entscheidungen ersetzen. Wo der Staat sich vom Diktat der Finanzmacht befreit, gibt es eine friedliche Zukunft, wo der Staat zu schwach ist, folgt der Bürgerkrieg.

Die globale Wirtschaft muss zusammenbrechen, ansonsten droht der Weltbürgerkrieg. Es sind keine Lösungen der Krise auf Kosten der Gesellschaft mehr möglich, der neoliberale Möglichkeitsraum ist ausgereizt. Die globale Ungleichheit, auch länderintern, hat ein Ausmaß erreicht, bei dem der Großteil der Bevölkerung nichts mehr zu verlieren hat. Die Staaten haben nun die Entscheidung, ob sie die Wirtschaft oder die Gesellschaft retten wollen. Die Rettung der Wirtschaft führt zwangsläufig zu Krieg zwischen den Staaten, die Rettung der Gesellschaft zur multipolaren Welt anstatt der Neuen Weltordnung und zu Autarkie und Protektionismus.

Mittwoch, 23. September 2020

Barock

 

 

 

War die Renaissance die Wiederkehr der klassischen Antike, so war die Reformation die Wiederkehr der christlichen Spätantike. Kaiser Theodosius besiegte am Frigidus das unchristliche Heidentum, die frigide Zeit Luthers und Calvins besiegte das humanistische Christentum. Die Renaissance-These, in vollem Ernst zu behaupten, der Mensch sei das Maß aller Dinge (nicht nur zum Spiel wie einer der antiken Sophisten), gechallengt durch die Antithese „Alles ist eitel“ ergab die Neuzeit im engeren Sinne: das Barock.

Barock war die Behauptung Giordano Brunos, das Weltall sei unendlich. Barock waren der Hamlet Shakespeares und die Sonette Greifs. Am Barocksten war der Neuanfang der Philosophie durch Descartes. Da schlug die Stunde der Neuzeit und begann das Zeitalter der Neuanfänger: es gab keine Philosophie vor Leibnizens Monadologie, nein, es gab keine wahre Philosophie vor Kants Kritik der reinen Vernunft, nein, alles war nur Vorgeplänkel bis zu Fichtes Wissenschaftslehre! Physik, die kleine Schwester der erhabenen Metaphysik, wurde zur selbstständigen Wissenschaft. Naturforscher entdeckten die Welt neu. Das flachere, extrovertierte Pendant waren die Entdeckungsreisen.

Die klassische Musik schlechthin, das sind Bach, Händel und Vivaldi, und Pachelbel, musse nicht vergesse, Pachelbel. Die der abendländischen Kultur der Neuzeit eigentümliche Kunst ist die Musik. Da ist die Kultur des Atheismus bzw. Humanismus bzw. Szientismus besser als alle anderen. Ihre Musik macht diese Kultur einzigartig. Alles andere beeindruckt viel weniger. Kein Werk Shakespeares „zieht“ so wie Elektra oder Antigone des Sophokles. Die bildende und bildhauende Kunst sind „okay“. 

Der Stachel des „Alles ist eitel“ durchbohrt unentwegt die barocke Selbstgefälligkeit. Savonarola ist im Blut, Calvin in den Nerven. Der Mensch ist sterblich und als Individuum am sterblichsten. Das sensible, todesfürchtige und -besessene, lebens- und erlebnishungrige originelle Ich betritt im neuzeitlichen Barock die Bühne der Weltgeschichte, und weiß es: Die Welt ist eine Bühne.

Montag, 21. September 2020

Philipp II gegen die Zeit

 

 

Intrigant, Lebemann und Taugenichts, Sohn des eigentlich Herrn der Welt, Philipps II von Spanien, stirbt Don Carlos 1568 und inspiriert zwei Jahrhunderte später Schiller zu seinem berühmten Drama. Die Stimme der Vernunft mahnt, der König des universal herrschenden katholischen Spaniens soll zwar mit Gewalt um den universalkatholischen Frieden kämpfen, aber nicht um den Preis des Friedens eines Friedhofs. Der arrogante Herzog Alba führt sich sehr standesgemäß in Flandern auf, doch hat keinen Erfolg. Spanien überdehnt seine Kräfte über den ganzen Globus und ist mehrmals pleite. Der alte König stirbt in Qualen nach langem Leiden an diversen Krankheiten. Und doch war die Vergeblichkeit das Traurigste daran. Der große Maler El Greco lebt und malt zu ebendieser Zeit. Das lebesbejahende Zeitalter des Barocks wurzelt auf den Gipfeln der katholischen Melancholie.

Auf den Resignationsdefätisten Montaigne folgt der Neuanfänger Descartes, sekundiert von lebemännisch-lebensklugem La Rochefoucauld. Frankreich übernimmt die Führung, die Spanien verloren hat. Aber hatte das große Reich des fundamentalistischen Christianismus überhaupt eine Chance? Philipp II herrschte von 1556 bis 1598, sein diokletianesk unheimlicher Vater, der legendäre Karl V, dankte vor seinem Tode noch ab, und teilte Spanien und das HRR unter den Söhnen Philipp und Ferdinand. Schon zu diesem Zeitpunkt war Philipp nicht der Eine, sondern einer von zwei: zwei Habsburgern. Die Dynastie wird geteilt bleiben; die spanischen Habsburger verlieren, die österreichischen gewinnen an Bedeutung, die Gesamtmacht der Familie sinkt.

Und wer waren Philipps Zeitgenossen? Seine Besiegerin Elisabeth I von England, eindeutig bedeutendere Königin. Iwan dem Bedrohlichen von Russland war sie nicht hochgestellt genug, er soll sie als Braut verschmäht haben. John Dee, der Zeitgenosse, der den Ausdruck "Britisches Empire" prägte, war nicht begeistert. Er träumte von einem 360-Grad-Reich am oberen Ende der Nordhemisphäre. Süleyman der Gesetzgeber war Philipps Zeitgenosse, ein größerer König mit einem mächtigeren Reich. Die Osmanen wurden 1571 bei Lepanto besiegt, was für sie aber kein spanisches 1588 war. Frankreich hatte Fieber, kämpfte Bürgerkrieg für Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Hugenotten, und war dennoch nie zu schwach, um Spanien in Schach zu halten. Im Dreißigjährigen Krieg zeigte es, wer auf dem Kontinent der Boss war. Das ferne Ming-China bemerkte die großen Habsburger nur als Randnotiz, und Indien? Ladies and Gentlemen, Jalaluddin Muhammad Akbar, der größte Herrscher seiner Zeit. Kam im selben Jahr wie Philipp II auf den Thron und regierte bis 1605, da war sogar Elisabeth schon eine tote Frau. Der Großmogul des Mogulreichs regierte zur Entstehungszeit Don Quijotes das reichste und mächtigste Land der Welt.

Sonntag, 13. September 2020

Das Tausendjährige Reich

 

 

 

Das Tausendjährige Reich des Herrn begann in der Krise des 3. Jahrhunderts. Gott, figurativ gesprochen, sandte die Cyprianische Pest, und konnte es dicker nicht auftragen: es war wahrscheinlich Marburg, jedenfalls ein Filovirus. Aus der Krise des 3. Jahrhunderts erstand kein spätantikes Imperium Romanum, sondern ein christlich-mittelalterliches „oströmisches“ Reich. Das späte 3. und das ganze 4. Jahrhundert hindurch steigt das Christentum aus seiner marginalen Existenz zur Dominanz auf. In Indien derweil scheitert der Buddhismus: da alle fremden Eroberer der letzten Jahrunderte Buddhisten waren, wird Buddhismus mit Fremdherrschaft assoziiert und abgestoßen. Das klassische hinduistische Gupta-Reich begründet ein goldenes Zeitalter Indiens, vergleichbar mit dem goldenen christlichen Frühmittelalter von Konstantin bis Justinian.

Der Gott der Christen schenkt also nicht nur Europa, sondern der ganzen indoarischen Rasse eine geile Zeit. Doch dann zürnt er wieder: 541 ist es ihre Majestät Yersinia Pestis höchstpersönlich, die aufräumt. Der oströmische Katechon übernimmt sich, das dritte goldene Reich des magischen Zeitalters, das persische Sassanidenreich (wiederum zur eigenen klassischen Religion zurückgekehrt: dem Zoroastrismus), scheitert ebenfalls. Das Machtvakuum füllt der neugegründete Islam, der von Iberien bis zum Indus die Herrschaft übernimmt. Zeitgleich steigt das mächtige Tang-Reich in China auf: das sind die wahren Big Players des Mittelalters, nicht die ersten Drei. Ein Gott, unbeständig wie das Wetter, und letztlich hat die unbesiegbare Sonne doch nur die Gebete erhört; die Menschen waren noch nie vorsichtig damit, wofür sie beteten.

Die 200-jährige biologische Dominanz des Pestbakteriums endet zeitgleich mit dem Omijjaden-Kalifat und der eigentlichen Tang-Dynastie, die nach der An-Lushan-Rebellion nie wieder zu alter Größe zurückfindet. Ab jetzt laden die Tang-Kaiser Uiguren ein, um chinainterne Aufstände zu unterdrücken, nebenbei plündern die Gäste die chinesischen Großstädte. Schließlich zerstören die Kirgisen das Uigurenreich, gründen aber kein eigenes. Ach ja, und der dritte Big Player neben den Tang und den Omijjaden? Natürlich die Göktürken. Um 750 hört man auch von denen nichts mehr. Die dritte Phase des Mittelalters beginnt. Die Geheime Geschichte der Mongolen lässt die Khalkha-Mongolen, das Volk Temudschins, von der mythischen Figur Bodoncar abstammen: die große Krise des 10. Jahrhunderts hat in der Welt der Nomaden sogar die Erinnerungen an die früheren Reiche getilgt. Xiongnu? Göktürken? Nie gehört. Aber die Oghusen machen sich schon auf den Weg und in einem der sprichwörtlichsten Niemandsländer der Welt, dem Territorium zwischen dem Kaspischen Meer und dem Aralsee Zwischenstation.

Die Merowinger als eurasisches Spielzeuggroßreich der ersten Phase werden von dem etwas weniger niedlichen Karolingerreich abgelöst, die dritte Phase gehört nicht den Kapetingern, sondern dem großen Basileus von Konstantinopel und dem kleinen Otto dem Großen von Sachsen. In der vierten Phase entsteht erst die westeuropäische Zivilisation des Mittelalters: die großartigen Kathedralen in Frankreich und Flandern, das Angevinische Reich, die Tigerstaaten des iberischen Christianismus. Die treibende Kraft der vierten Phase in Europa sind die Normannen: als England im Westen und Kiewer Rus im Osten nehmen sie Europa in die Zange. Die militärische Schwäche und kulturelle Glanzzeit Chinas während der Song-Dynastie fällt in ebendiese Zeit. Auch wirtschaftlich ist das wehrlose China ein Gigant. Indien zerfällt in in der Regel drei über den Subkontinent herrschende mittelgroße Reiche, bis die Ghuriden die Dekadenzzeit des Hinduismus beenden und die islamische Fremdherrschaft in Indien etablieren. Die islamische Welt selbst zerfällt sukzessive ab dem frühen 8. Jahrhundert, der Islam als wichtigste Religion des magischen Zeitalters gewinnt indessen die Oghusen und andere Turkvölker, die der Welt des Islam zwar nicht die Einheit, aber die militärische Dominanz zurückbringen. Die Kreuzzüge scheitern. Chinas wirtschaftlich-kulturelle Arroganz scheitert. Die Eroberung Nordchinas durch die Jurchen erweist sich als Blauphase für den Untergang Chinas.

Das christliche Mittelalter ist welthistorisch ein östlich dominiertes Zeitalter, das mit den großen drei Kaisern Aurelian, Diokletian und Konstantin beginnt und mit dem Untergang der globalen mittelalterlichen Welt im 13. Jahrhundert endet. Die Pest des 14. Jahrhunderts räumt nur noch auf, die Zerstörung ist zu diesem Zeitpunkt schon geschehen. Da es eine Zeit der Schwäche für Europa ist, da im Westen kein Großreich das große Römerreich beerbt, wird die antike Tradition nicht zerstört, sondern als dem magischen Zeitalter überlegen weitergeführt. Daran kann der Humanismus des 14. Jahrhunderts anknüpfen. Das 1000-jährige Reich des christlichen Mittelalters war also ein Urlaub Europas von der Geschichte. Gut erholt kommt es schließlich zurück und erobert die Welt.   


Das Mittelalter

Phase 1: Magische Goldene Zeit
Mitte des 3. Jh. bis Mitte des 6. Jh.
Großreiche: Oströmisches Reich, Sassanidenreich, Gupta-Reich
Religiöse Dominanz: Christentum, Zoroastrismus, Hinduismus

Phase 2: Das sogenannte Frühmittelater
Mitte des 6. Jh. bis Mitte des 8. Jh.
Großreiche: Omijjaden-Kalifat, Tang-China, Göktürken-Großkhanat
Religiöse Dominanz: Islam, Buddhismus

Phase 3: Die Krise des Mittelalters
Mitte des 8. Jh. bis Mitte/Ende des 11. Jh.
Großreiche: keine; vielleicht Ostrom unter der Makedonischen Dynastie
Religiöse Dominanz: keine, stattdessen interne Kämpfe 

Phase 4: Hochmittelalter
1066 oder 1071 oder 1095 bis Mitte des 13. Jh.
Großreiche: keine; viele mittelgroße Reiche wie in Phase 3
Religiöse Dominanz: keine, dafür Religionskriege (Kreuzzüge)

Mittwoch, 19. August 2020

Die weibliche Affirmation

 

 

 

Es soll weder eine logo- euro- und phallozentrische Zuschreibung noch ein patriarchaler Zwang stattfinden: das Wesen des Weiblichen kann auch aus der Empirie erschlossen werden. Die Frau ist grundsätzlich lebensbejahend und hedonistisch (sinnlichkeitsbejahend), passiv idealistisch (liebbar) und aktiv sensualistisch (verführerisch). Die erste weibliche Affirmation ist somit die Affirmation der Sinnlichkeit.

Sinnlicher Genuss und Selbstgenuss korreliert mit der natürlichen Neigung zur Körperpflege und sinnlicher Verzärtelung. Es muss angenehm sein, eine Frau zu berühren, so wie die Frau sich selbst gern mit Genuss berühren will. Das männlich-idealistische Ideal des Schönen wird aufgeweicht durch die weibliche Neigung zum Angenehmen; nicht der Zwang zum sterilen Idealismus, sondern ein Kompromiss zwischen Logos und Eros macht das Weibliche aus: Die Frau ist schön angenehm und angenehm schön.

Das Angenehme für sich selbst und andere beschränkt sich nicht auf die Sinnlichkeit: die Frau muss auch angenehm handeln; es muss angenehm sein, sich in ihrer Nähe zu befinden. Die meisten Männer empfinden heute genau das nicht: die Frauen sind unangenehm anstatt soft, schwierig anstatt nice, anastatt zärtlich antagonistic, anstatt zart rude. Viele Frauen rauchen, saufen, sind tätowiert, groß und übergewichtig; nicht alles davon ist gleichermaßen selbstverschuldet, aber es bedingt sich gegenseitig.

Die zweite weibliche Affirmation ist die Affirmation der Weiblichkeit: „Ich bin eine Frau“. Das bedeutet eben nicht, weibliche Privilegien zu fordern, ohne die Weiblichkeit zu leben. Ein Mädchen verprügelt man nicht, weil ein Mädchen keinen verprügelt. Prügelnde Mädchen zu schlagen ist keine Schande, sich gegen sie nicht zu wehren, macht einen Jungen zur Pussy.

Was ist Weiblichkeit? Ein positives Selbstverhältnis ist vor allem ein positives Verhältnis zur Schwäche. So bedeutet Weiblichkeit Zartheit: die Selbstaffirmation als schwach und verletzlich. Daraus folgt die Zärtlichkeit, die kostbare Fähigkeit, andere als verletzlich wahrzunehmen, und ihre Schwächen bejahend, nicht angreifend anzunehmen. Das bedeutet nicht, dass echte Frauen schwache Männer mögen. Aber jeder Mensch ist (nicht ausschließlich, aber auch bzw. einschließlich) schwach, denn jeder war Kind, und wer nicht innerlich tot ist, hat kindliche Anteile in seiner Persönlichkeit, und es sind gerade diese Persönlichkeitsanteile, die den Vitalitätsfluss vom Es zum Ich generieren.

Das Mütterliche gehört zum Weiblichen dazu, aber ist nicht das Ideal des Weiblichen; den anderen anzunehmen, wie er ist (in seiner Kindlichkeit und Schwäche), ist nicht bloß mütterlich, sondern genauso mädchenhaft (an der Person des anderen interessiert, zärtlich-verspielt, kindlich-empfänglich); die dritte Affirmation ist die Affirmation der Empfänglichkeit. Dies bedeutet neben der Annahme des anderen auch sich lieben und beschützen zu lassen (die Emanze schreit: „I´m a strong and independent woman!“), sich ansehen und schönfinden zu lassen (die Feministin brüllt: „That´s male gaze!“); schließlich ist die Frau für den Mann attraktiv, weil sie gerade nicht männlich ist. Nun kann man das Weibliche philosophisch-idealistisch als leer definieren (wie Otto Weininger: Mann ist Sein, Weib ist Nichts), oder aber das Weibliche empirisch ergründen, was auf ein bestimmtes Frauenideal hinauskommt, welches eben nicht sozial konstruiert und beliebig ist.

Sonntag, 16. August 2020

Nazivergleicher sind Nazis

 

 

Der Kontext, in dem heutige Nazivergleiche stattfinden, müsste jedem klar sein, der kein sogenannter Holocaustleugner ist: das Naziregime verschuldete einen Krieg mit 55 Millionen Toten, über die Hälfte davon Zivilisten. Über 10 Millionen Menschen wurden gezielt ermordet, weil sie Homosexuelle, Behinderte, Zigeuner, Slawen oder Juden waren. Wenn heute Linke gegen Rechte den Nazivergleich als Totschlagargument benutzen, dann behaupten sie, ihre Gegner würden den Nazi-Unmenschen im Dritten Reich gleichen.

Rechte und Konservative gleichen in Wirklichkeit eher den Rassisten der US-amerikanischen Gesellschaft der 1950-Jahre. Amerika unter Eisenhower war ein zutiefst rassistisches Land, das 100 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei immer noch eine Bürgerrechtsbewegung nötig hatte. Was waren aber die schrecklichsten Greueltaten dieser Gesellschaft? Gab es eine Massenvernichtung der schwarzen Bevölkerung? Es gab einzelne Lynchmorde. Wurde während des Krieges gegen Japan die japanische Bevölkerung der USA massakriert? Sie wurde interniert, was man damals schon kritisch betrachtet hatte. Zur gleichen Zeit gab es in der BRD Adenauer und Filbinger. Da von Nazis und Rassisten gehasste Minderheiten schon während des Krieges vertrieben oder ermordet wurden, gab es sie in Deutschland nicht. Der Nazi-Wahn und Rassenhass flossen harmonisch in die Propaganda des Kalten Krieges mit ein. Viele Naziverbrecher blieben in Deutschland an der Macht.

Die Neue Rechte, die Alt Right und all die antiislamischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Bewegungen im heutigen Westen sind weit entfert von dem Zivilisationsbruch der Nazi-Unmenschen. Sie sind vielfälitig, keine Einheit. Einige sind friedlich, andere nicht. Viele haben ein diskriminierendes Menschenbild, beruhen auf Rassismus und Intoleranz. Aber wo ist die rechte Bewegung, die nur einen Bruchteil der Nazi-Greueltaten zu tun beabsichtigt?

Es ist klug, den Anfängen zu wehren. Deshalb muss man sich ehrlich fragen, ob es heute noch Menschen mit dem Nazi-Mindset gibt, und wo sie zu finden sind. Ein amerikanischer Rassist oder ein französischer Nationalist sind keine Nazis. Sie denken diskriminierend, aber nicht eliminatorisch. Welche Gruppe behandelt aber ihre Gegner als etwas, was es nicht geben darf? Das ist der linksgrüne Mainstream unserer Zeit. Seit der Kulturrevolution der 1960-er Jahre hatte der totalitäre Ungeist allmählich die Flagge gewechselt: der Vater war in der NSDAP, der Sohn, ganz der Vater, kam bei den Grünen unter. Nur Schwäche, Feigheit und Hedonismus hindern die Kinder- und Enkelgeneration daran, ihre Gegner nicht nur mit Shitstorms und Boykotten, sondern auch physisch zu vernichten.

Dass der Faschismus, wenn er wiederkommt, sich Antifaschismus nennen wird, ist ein geläufiger Aphorismus. Lippenbekenntnissen sollte nicht geglaubt werden, man sollte besser prüfen, wes Geistes Kind die besten Deutschen aller Zeiten im besten Deutschland, das es je gab, wirklich sind. Damals wollten die Nazis ihre politischen Konkurrenten mit der Bolschewismus-Keule mundtot machen. Heute macht der linksliberale Ungeist, der weder links noch liberal ist, alle Andersdenkenden pauschal zu Nazis. Eine Ungeheuerlichkeit angesichts der Ungeheuerlichkeiten, die von historischen Nazis begangen wurden! Und im Kampf gegen ursprüngliche, „rechte“ Nazis, ein kontraproduktiver Zug, der gerade den Nazis im rechten Spektrum ein sicheres Versteck in der Masse all derer verschafft, die pauschal als Nazis diffamiert werden. So, als ob der Antifaschist gerade den „wahren Nazis“ heimlich helfen wollte, vielleicht weil der Sohn die Niederlage des Vaters rächen will?