Dienstag, 31. März 2026

Cc 19: Ontologie des Nichts

 Vor seiner Weltreise ohne Widerkehr, Ende 49, trägt Ninlinii in einem Vorvortrag am 12.2.1921 in Ceachelle vor:


Die ontosophischen Einstellungen des Bewusstseins zum Nichts sind dreierlei:


1. Das Nichts ist das Höchste und gegenüber dem Sein grundsätzlich zu bevorzugen.


2. Das Nichts ist die Mitte: Es gibt ein besser und ein schlechter als Nichts.


3. Alles ist besser als das Nichts.


Das Nichts ist dabei stets eine ontologische Asymptote. Das ontosophisch Beste ist eine voraussetzungsreiche Kombination von 1 und 2, dagegen ist 3 grundsätzlichst ultraharam.


28.4.1921. Diine Yiihhi: 


1. Ontologischer Pessimismus. Das Nichts ist das Beste; Seiendes ist graduell hierarchisiert, aber diskret oder kontinuierlich ungleichwertig?


2. Die Nulllinie ist eine Asymptote, muss aber überschreitbar sein.


3. Fauler Pantheismus: Euphemistik des Schlechten oder ästhetisch haltbar bei strenger und stufendiskreter Hierarchuie? Die Voraussetzung wäre ein bereits über Null liegender Mindestweltwert.


Und übrigens, lächelt Diine, hat Gol Shingol Gottes Segen. Amen quadramen kubamen.



29.4.1921: Unmittelbare und vermittelte Phänomenologie des Nichts (Diskussion).



Diine Yiihhi, 30.4.1921:


Das Bewusstsein ist, als Seiendes betrachtet, Nichts.


Sein ist eine ruhige Tätigkeit: bewusst sein oder sein für das Bewusstsein.


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1-4.5.1921. Kurvendiskussion des Nichts.


Es wäre ein Wunder, wenn es sich nicht so verhielte, argumentiert van Anderten: alles korrekt mit einem Verb zu Beschreibende ist Nichts im Sinne der Substanz; in der Hochniedlichkeitsphysik, wo alles unbeobachtbar klein ist, sind Tätigkeitsquanta und deren Substanzsubstantivierungen komplementär. Yiihhi fragt nach dem Täter, van Anderten verweist auf bereits existierende und noch zu erfindende Maschinen als automatisch tätige Algorithmen.


Ilf und Bernard haben das transzendentale, positive, negative und ursprunggebende Nichts sprachimmanent nachgewiesen. Das Nichts als ontologische Kategorie ist fest in der Kultur verankert und wird erst bei Kategorienfehlern explizit entdeckt (z. B. wenn das Nichts nach dem Tod mit dem Nichts als Fehlen von etwas verwechselt wird, oder Nichts vor der Geburt mit dem konkreten Nichtsein dieser einzelnen Existenz).


Aller Geheimnisse Kleinstes ist, dass das Nichts selbst als Asymptote unzulässig substantiviert wird, sagt Aurele. Was nicht bedeutet, dass das Nichts kein Gegenstand des Bewusstseins sein kann, antwortet Irr. Augen seien vor der Tatsache unverschliessbar, dass etwas nur im Nichts existieren kann und alles, egal wie objektiv niedlich es ist (sei es nur ein Pikometer, Kätzchimeter oder Mäuschimeter), von anderen Objekten, ob naiv-realistisch oder empirisch-realistisch bei transzendentalem Idealismus, durch reales Nichts voneinander getrennt ist, spricht Rui. Selbst wenn es im Äther oder im Netz der grundlegenden Quantenquadrate existiert, fragantwortet Yiihhi.



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Seit dem Zweiten Symposium von Reburt haben Aurele, van Anderten und andere fleißig an neuen Sprengstoffen gearbeitet und lachen am 24.7.1921 in einer durch den bekannten Terroranschlag in Arenkord halb zerstörten und vorerst so belassenen Hafenkneipe laut auf, als sie aus dem Radio erfahren, dass Mun jetzt sogar Gol Shingol übertrifft. So „verhandelt man nicht mit Terroristen“, affirmiert der Barkeeper, alter Kriegsveteran, die Massakratur.





Ceachelien



28.11. - 4.12.1769. 1. Ceachelium: „Nihilismuskonferenz“ (Coona).

20-25.5.1779. Cc2: Ontologische Trias (Dark).

14-18.10.1785. Cc3: Weltenportale (Ane).

8-16.8.1795. Cc4: Weltenachse (Loken).

14-18.8.1802. Cc5: Ontomoralischer Sinn existenzieller Ungewissheit (Crouch).

17-22.12.1811. Cc6: Dienst und Dünkel (And One).

30.9. - 4.10.1821. Cc7: Funktionsontologie der Freiheit (Drenthe).

30.4. - 4.5.1831. Cc8: Liebe und Gerechtigkeit funktionsontologisch (Frightfear).

24-28.11.1839. Cc9: Tiefenpsychologische Zyklenhistoriographie (Bumm).

2-8.11.1847. Cc10: Religionshistoriologie (Lawrie).

4-8.8.1856. Cc11: Funktionelle Tiefenpsychologie (Selff).

16-20.12.1866. Cc12: Lebensphilosophische Wertetheorie (Aniaine).

23-29.8.1874. Cc13: Tiefenpsychologische Systematik der Ontologischen Trias (Ingret).

25.5. - 1.6.1881. Cc14: Lebensphilosophische Systematik der Ontologischen Trias (Ingret).

29.12.1887. - 3.1.1888. Cc15: „Zweite Nihilismuskonferenz“ (Ingret/Aurele).

16-22.12.1899. Cc16: Ontologische Empirie und narrative Ordnung (Aurele).

3-6.1.1906. Cc17: Kategorienlehre der Ontologischen Trias (Aurele).

18-24.7.1912. Cc18: Achsen der Qualiaemergenz (Ninlinii).

28.4. - 4.5.1921. Cc19: Ontologie des Nichts (Yiihhi ).

E. N. Einigis (1741-1794)

 Der wie der Naturmagier Huckenstein (1536-1589) Dreiundfünfziggewordene philosophierte durch Sprüche. Er war durch und noch durcher Wissenschaftler, der Philosophie blieb er als ein Captain Obvious der alexanderklugeendmusikartigen Lakonik enthalten.


Er war kein Whataboutist oder Thereisnosuchthingist. Reduktionismus war gerade kein Merkmal seiner Lakonik. Zur Gottesvorstellung als ein höheres Wesen, das durch Gebote, Verbote, Regeln und Strafen regiert sagte er: „Wozu braucht Gott Macht? Er ist Gott“. Ein Wesen, egal wie powerful, zeigt sich gerade im Machtstreben und in der Machtausübung als ein nicht-göttliches Wesen. Aber auch Gott kann sich selbst nicht lieben. Zur Liebe braucht es ein Du. Das so als Hint; ein Religionskritiker war Einigis nicht, denn es war für ihn offensichtlich, was heilig ist und was profan.


Je nordöstlicher hinein ins Ostcolochmetien, umso kultfigürlicher wird Einigis. Seine Sprüche sind lokales Kulturerbe. Er war ein ungelehrter Unvisersalwissenschaftler, hatte für „Romane“ (so nannte er jedes Schriftstück länger als 160 Wörter) keine Zeit. Die ontologische Trias von Alien Dark bereicherte er bereits ab 1767 mit natürlichen und mathematischen Triaden. Er erfand immer bessere Rechenmaschinen, und sagte, dass wenn das Prinzip verstanden sei, es nur noch automatische Rechenleistung erforderte. Diese Arbeit war für ihn nicht geistig, es war stupide Nervenarbeit, vergleichbar mit frondienstlicher Muskelarbeit.


Er wollte alles durchmechanisieren, wollte den Dritten Stand durch Maschinen ersetzen. Er hatte kurz und knapp aphorisierte Befürchtungen, die andere dann zu großen dystopischen Erzählungen weiterverbreiteten; seine Alpträume hießen Demokratie, Promiskuität, Kapitalismus, Egalitarismus, Säkularismus. 


Die karierten und die linierten Wissenschaften haben nach Einigis unterschiedliche Wahrheitskriterien, Erkenntnisse können nicht direkt übertragen werden, und dennoch können sich karierte und linierte Wissenschaften intuitiv bereichern. Aus der Grammatik schließt Einigis auf die Fundamentalität von 1, 2 und 3, und nennt sie, zusammen mit der 0 „ursprüngliche Zahlen“. Alle anderen Zahlen nennt er „emergente Zahlen“. Die dezimale Systementalistik hat für ihn einen ästhetischen Wert; der binären Janeinistik zieht er die „grammatische Vollständigkeit“ vor und entwickelt eine Ursprünglichkeit der Zahlizität. Doch er warnt auch vor der Zahlenmystik, und zeigt an den Beispielen von Huckenstein auf, dass es ihm um „automatisches Kopfrechnen“ ging, und eben nicht um versteckte magische Bedeutungen.


Der Weg von der 0 zu 1 ist grundsätzlich nicht fassbar. Die intellektuelle Anschauung zeigt, dass die 1, sobald sie ist, nicht die 0, sondern die Nicht-1 sichgegen hat, und das führt zur 2. In der 3 kommt dieser Dualismus zur Ruhe, und ab der 4 kann der Verstand die emergenten Zahlen weiterverfolgen. 


Karierte Wissenschaften sind Anwendungswissenschaften, linierte Wissenschaften sind Erklärungswissenschaften, so Einigis. Unreflektierte Anwendungswissenschaften sind in der Sohngeneration nur noch Technik (Gebrauch ohne Verstehen), und in der Enkelgeneration Magie. Unreflektierte Erklärungswissenschaften sind in der Sohngeneration Weltwissen und in der Enkelgeneration Märchen. 


Einigis kritisierte einseitige Heftigkeit und fo/örderte im Bildungssystem die Gleichheftigkeit von Kariert und Liniert; er selbst sah ein, dass er zu wenig im linierten Bereich wusste, und erkannte das als ein epistemisches Problem auf der Reflexionsebene. 

Sonntag, 15. März 2026

Die Dritte Ruhige Kugel

 

 

 Lile. Das Stadion des CV Lile wurde am 1.6.1920 fertiggestellt. Eine hohle Steinkugel mit dem Durchmesser von 222 cm wurde symbolträchtig vom Anstoßpunkt zum Nullpunkt (literarische Bezeichnung) des Higeilles-Parks gerollt. Anroller war der legendäre General Riki, für keinen Unsinn zu alt.

Der fertiggestellte Teil des Parks wird in großer Kürze Schauplatz der Dritten Ruhigen Kugel sein.


5-8.6.1920. J. M. Higeilles trägt in kleiner Runde mit leiser Stimme Elfenlyrik vor. Selbst Eichörnchen hören zu.


Lockere Gesprächsrunden bis zum Monatsende. Die größten Denker arbeiten. Der schon etwas ältere und kaum noch aktive Wolf Irr liest aus dem jüngst geborgenen Nachlass von Gravelaine. Magic Moment, wie T-1000 durch Gitter, ist, als er liest: „Ich habe nur noch Angst. Ich habe Angst, dass sie gewinnen, und wir so werden wie sie. Ich habe Angst, dass wir gewinnen und so werden wie sie“. [Das Schriftstück erweist sich 1942 linguistisch und 2026 physikalisch als eindeutig ein Original].


Willi Mun, erster Präsident der Rechtsrepublik Vengria, legt am 30.6.1920 hier vor den Colochmeten seinen Amtseid ab. Der Bund von Finstern und nebellungentreue Verbündete vereinbaren für die Zukunft, dass ein gemeinsames politisches Staatsoberhaupt gewählt werden soll [Spoiler: es wird erst am 3.4.1961 passieren, bis dahin wird diesbezüglich eine ruhige Kugel geschoben]. 


Kontextum minimum: 1848 als Adelsrepublik gegründet, wird Vengria nach dem zusammen mit den Colochmeten-Staaten und Keria gewonnenen Krieg von 1911-1914 und den Folgescharmützeln immer unregierbarer. Bevor ein Bürgerkrieg ausbricht, einigen sich die Vortrefflichsten der Adligen auf eine Verfassubgsreform, das Bürgertum einbeziehend. Der kulturelle und religiöse Einfluss der Colochmeten ist derart überwältigend, dass diese als Meister anerkannt werden (im Meister-Schüler-Verhältnis).



Aurele und Bernard lobten 1918 die neue vengrische Rechtsphilosophie, und bestätigten die Korrektheit der Dark- und Ingret-Rezeption; „…aber seid nicht nur Zaungäste“, bemerkte Aurelius 1919. Am 3.7.1920 stellt den Nordvenger Len Ede (*1888) sein neues Buch über die Geschichte der westlichen Philosophie vor:

“Und es fängt doch mit Kjelde an!“

Die Argumentation Edes ist, dass die wissenschaftliche Philosophie in dem Sinne Meta-Physik ist, als dass sie, wie die Mathematik, eine Fortsetzung der Erkenntnis des Seienden mit abstrakteren Mitteln ist. Er trennt sie daher von der Philosophie an sich, die keine strenge Wissenschaft sein kann, sondern die Kreismitte des Weltbezugs, umkreist von Kunst, Psychologie und Moral, darstellt. Über ihr steht die Religion, unter ihr der Krieg, und so wird aus dem Kreis eine Kugel.


Kjelde ist der erste neuzeitliche Philosoph in diesem engen Sinne, nach ihm kommt Geavelaine, dann weniger prominente Denker, dann Juni Jungkind…


…und dann liest Ede einen dreiseitigen Abschnitt vor, in dem immer mehr der Ton von Ilf Ill erkennbar wird. Endschliesslich führt Ede die Quelle an: Ill, 1921. Ede hat also Ill aus der Zukunft zitiert. In dem Buch, das Ill erst nächstes Jahr veröffentlicht, geht es darum, dass alle geistesgeschichtlichen Zuordnungen arbiträr sind und sich nach dem richten, was für den jeweiligen Rezipienten das Wesentliche ist. Das Lachen dauert lange, dann aber gesteht Ill, Teile des Manuskripts Ede gezeigt zu haben. Ede stellt den Rest seines eigenen Buches vor und erklärt, dass für ihn der positive ontologisch skeptische Nihilismus die einzige Form des Weltbezugs ist, also sind nur für ihn allein, für Leonhard Ede, Kjelde, Gravelaine, Jungkind, N. N. Denn und als letzter Vertreter dieser Linie der anwesende Ilf Ill die bestimmenden Denker der Geistesgeschichte.


6.7.1920. Eric Bernard warnt vor monokausalistischen Verengungen. Sich auf den historischen Roman "Rom" (1824) von Roman Rim beziehend, zeigt Bernard, dass die am Ende des Romans über ein Imperium in einer fiktiven Welt gestellte Frage: "Warum haben die Eliten Roms das Christentum angenommen?" zu monokausalen Erklärungen einlädt, die zwangsläufig kontrafaktisch sein würden. 


Doch der im selben Roman erwähnte "Occams Taschenmesser", eine Methode, die alle tatsächlichen Gründe für ein Ereignis einbezieht, und keinen Grund auslässt, führt in Erklärungsnot, da sich dadurch jedes Ereignis als ultrakontingent erweist. Also bedarf es absichtlicher Auslassung valider Gründe. Das tut allerdings der Wahrheit im klassischen Sinne von Übereinstimmung von Sache und Vorstellung über die Sache Abbruch. 


Eine geschichtswissenschaftliche Vorlesungsreihe über die beiden Extreme Monokausalität und Ultrakontingenz wird Bernard im Herbst 1920 in Preteria halten.