Sonntag, 7. Oktober 2018
Die Abtreibung unter den Umständen der conditio humana
Es ist ein beliebtes Hobby vieler unterdurchschnittlich intelligenter Zeitgenossen, gegen das Recht der Frauen auf Abtreibung zu protestieren. Sie wollen angeblich menschliches Leben schützen und schrecken gar vor religiösem Terror nicht zurück. Wie problematisch die religiöse Basis des Schutzes von Embryonen ist, zeigt das Dilemma einer vergewaltigten Frau, deren Würde aufs Schwerste verletzt worden ist, die aber zur Mörderin wird, wenn sie die Frucht der Vergewaltigung abtreibt. Wenn Gott die menschliche Sexualität so eingerichtet hat wie wir sie vorfinden - warum hat er nicht dafür gesorgt, dass aus Vergewaltigung kein Leben entstehen kann? Warum kann jeder mit jedem jederzeit ein Kind zeugen? Warum müssen wir in der Regel verhüten, weil wir Angst vor ungewollten Befruchtungen haben? Gott hätte es gewiss so arrangieren können, dass ausschliesslich verheiratete Paare mit im ergreifenden Gebet artikuliertem Kinderwunsch die Ehre hätten, neues Leben zeugen zu können.
Nun hat sich Jupiter anders entschieden und die menschliche Sexualität von der Sexualität der Hunde und Ratten überhaupt nicht differenziert. Bei Mensch und Hyäne wird nach den gleichen Regeln gepoppt und der biologische Vorgang der Befruchtung verläuft identisch. Damit gilt es klarzumachen, dass menschliches Leben als biologisches Phänomen keine höhere Würde für sich beanspruchen kann als das Leben einer Feldmaus. Wenn unsere Nutztiere erkranken, schlachten wir sie ab. Wenn kranke Menschen abgeschlachtet werden, sprechen wir von Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Offenbar gibt es doch einen Unterschied- aber worin besteht er? Er besteht allein in der Tatsache, dass Menschen Personen sind, und nur Personen kennen so etwas wie Würde. Das biologische Leben kommt prächtig ohne Würde aus, Vergewaltigungen bei Katzen sind an der Tagesordnung, aber keine Katze hat je einen Kater deswegen angezeigt. Das biologische Leben folgt seinen eigenen Regeln, welche für das Leben der Personen, die wir Menschen vermutlich als einzige Tierart auf Erden sind, nicht mehr gelten. Die Gemeinschaft der Personen unterliegt Gesetzen, die im Tierreich keine Bedeutung haben, da der Code dieser Gemeinschaft dem Tierreich unzugänglich ist. Nur Personen kennen Liebestragödien und Fragen der Ehre, nur unter Personen macht es Sinn, bei einer Tötung von Mord zu sprechen, eine ungerechte Tötung mit diesem bösen Wort markierend. In der Natur gibt es weder Recht noch Unrecht, weder gut noch böse, dies ist einzig und allein unser menschlicher Code, der die Regeln der Biologie ausser Kraft setzten kann, soweit wir als bewusst handelnde Wesen unsere biologische Natur kontrollieren können.
Die Würde des Menschen ist die Würde der Person, die der Mensch ist. Ab wann ist es sinnvoll, von einer Person zu sprechen? Ist ein Embryo eine Person? Ist ein vier Monate alter Fötus eine Person? Ist ein Neugeborenes eine Person? Ich fürchte, die Antworten auf diese drei Fragen lauten jeweils nein, nein und nein. Wir tun so, als ob Neugeborene schon Personen wären, um keine Gesetzeslücke entstehen zu lassen. Wenn wir Säuglinge betrachten, gilt für uns, dass sie Menschen wie wir sind, also mit einem Recht auf Leben und unantastbarer Würde. Gilt aber unser Code für sie? Behandeln uns Kleinkinder so wie eine Person eine andere Person nach unserem Code zu behandeln hat? Nein, aber sie lernen es, und zwar indem wir es ihnen beibringen.
Von Allein tut sich nichts, Wolfskinder sind keine Personen und die Geheimnisse unseres Codes mit den seltsamen Konstruktionen wie Norm und Sittlichkeit, wie Scham und Schuldgefühl, werden sich ihnen niemals offenbaren.
Wollen wir nun allem Leben die Würde zusprechen, die für uns als Personen gilt? Wie steht denn das Leben zu diesem Vorschlag? Würde es sich an unsere moralischen Werte halten, würde es unseren Code annehmen? Nein. Wir können gern Tiere schützen, aber es wäre ratsam, nicht zu vergessen, dass es Tiere sind. Man kann seinen Hund gern haben, aber die Frage nach Recht und Unrecht würde den Hund überfordern. Das biologische Leben kann nicht in die Gemeinschaft der Personen aufgenommen werden, weil es ihre Gesetze nicht erfüllt. Und wir überschreiten unsere Kompetenzen, wenn wir Tieren Würde zusprechen, welche für sie keine Bedeutung hat.
Еntwicklungsbiologisch gesehen fällt die Bilanz der Nachforschungen darüber, ab wann ein Mensch eine Person ist und etwas davon hat, dass seine Würde angeblich unantastbar ist, fällt ernüchternd aus. Wir müssen uns nicht nur von der romantischen Anbetung von Föten verabschieden, sondern zugeben, dass einige der Wesen, die wir mit Selbstverständlichkeit als Personen betrachten, gar keine sind. Die Geburt ist eine künstliche Trennlinie, die von unserer Zivilisation als der Beginn des Menschseins postuliert wird. Mann kann diese Trennlinie aber in beide Richtungen unterwandern- wem das Leben an sich heilig ist, und ich halte ausdrücklich fest, dass es sich um ein Phänomen handelt, welches im biologischen Sinn als Leben angesehen wird - denn jede andere Definition von Leben als diese wäre reine Spekulation, ausser wenn man den Rahmen erweitern oder verengen, also entweder die Viren als Lebewesen oder die Insekten als Bioroboter definieren würde – der sollte nicht erst den Fötus als schützenswert betrachten, sondern schon bei den Eizellen und den Spermien anfangen, was zur Folge hätte, dass Verhütung und Masturbation nicht anders als Verbrechen bezeichnet werden dürften; wer aber erst die Person als des Schutzes würdig erachtet, kann sich einen Dreck um Babyleichen der Mütter wider Willen scheren – wenn er es denn kann, denn wir können von unserer instinktiven Veranlagung her nicht anders, als unmündige dumm schreiende Säuglinge als uns im Menschsein, womit auch im Personsein, ebenbürtig zu betrachten.
Zurück zu den denkfaulen Antiabtreibungsaktivisten. Diese bedauernswerten Menschen haben ein so geringes Selbstvertrauen, dass sie auf ihrer Suche nach einem Feind den denkbar schwächsten Feind wählen, nämlich meist sehr junge Frauen in Notsituationen. Was für eine Heldentat, eine siebzehnjährige Vergewaltigte als Mörderin zu bezeichnen, weil sie die Frucht der Schandtat abreiben lassen will. Abtreiben lassen - also Vorsicht, noch mehr Feinde lauern, nämlich Ärzte, die den Frauen in Notlage helfen, diese halbwegs so zu meistern, dass sie weiter leben können.
Der Bauch der Frau gehört derselben Frau, keinem Gott, keinem Mann und keiner religiös-fundamentalistischen Bande von charakterlich kleinen Feiglingen, die mit ihrem eigenen Leben nicht klarkommen und noch schwächere Menschen zu mobben suchen, um sich gross vorzukommen.
Mittwoch, 26. September 2018
Auf wessen Seite ist Gott?
Es gibt Sachen, die dem Gefühl unmittelbar einleuchten: zu morden und zu vergewaltigen ist nicht bloß deshalb böse, weil es jemandem weh tut, sondern aus einem absoluten, nicht relativierbaren, nicht verhandelbaren Grund. Dem Verstand leuchtet aber unmittelbar ein, dass es einen solchen transzendenten Grund weltimmanent nicht geben kann. Das Weltgeschehen ist die Summe kontingenter amoralischer Ereignisse.
Aber nein doch, es gewinnen am Ende immer die Guten! Ja, so scheint, es, weil die Geschichte von den Siegern geschrieben wird. Auch Hitlers Erben wären heute die Guten, wenn Hitler damals den Krieg gewonnen hätte. Und was ist mit dem Holocaust? Vergessen. Geschichte kann umgeschrieben werden, Unrecht geleugnet, Opfer zu Verbrechern erklärt. Das wollen wir nicht wahr haben, das können wir nicht.
Wir fordern, dass Gott auf der Seite der Schwachen, der Entrechteten sei. Gott ist aber kein endliches Wesen, und kann als Kriegspartei nicht in das Weltgeschehen eingreifen. Aber es kann doch nicht sein, dass alles Gute vergebens ist, und das Böse am Ende triumphiert! Doch, kann es. Dann kann es aber auch keinen Gott geben! Geschenkt, es gibt keinen Gott.
Bleibst du dabei, dass zu morden und zu vergewaltigen böse ist, wenn du davon ausgehen musst, dass es Gott - zumindest in dieser Welt - nicht gibt? Bleibst du dabei, dass mit aller Härte gegen jene gekämpft werden muss, die Kinder missbrauchen, selbst wenn es keine höhere Gerechtigkeit gibt? Warum es nicht selbst tun, wenn der größte Held und der übelste Schurke nach dem Tod einfach aufhören zu existieren, und alles Gute vergessen, und alles Böse vergeben wird? Warum nicht rausgehen und Menschen töten? Warum nicht eine korrupte, opportuinistische Hure des Schicksals werden?
Warum nicht? Wer sich diese Frage nicht stellt, steht nicht im Verdacht, seinen Verstand zu gebrauchen. Die Dummen beiseite, aber ein denkender Mensch, ein Gedankenverbrecher, wird sich natürlich die Frage stellen, warum es angesichts erdrückender Sinnlosigkeit nicht erlaubt sein soll, ein hedonistischer Extremist zu sein, - und da das Leben eines Jeden zu großen Teilen aus Leid besteht, wird Hedonismus auch rachsüchtigerweise Sadismus bedeuten.
Ich kann es nicht. Nicht, weil ich Angst hätte: gerade Angst müsste ich nicht mehr haben, wenn es für höllische Taten keine höllische Vergeltung gibt. Nicht, weil ich nicht nachgedacht hätte. Nicht, weil ich die Konsequenzen einer Welt, in der nichts heilig ist, verdrängt hätte. Ich kann es nicht, weil ich es nicht bin: ich bin nicht dieses Wesen, das nach der Pfeife des Zuckerbrotes und der Peitsche tanzt; ich bin im tiefsten Innern angeekelt von der Ansicht, Recht auf all das zu haben, wozu ich die Macht hätte. Ich kann Gott leugnen, aber ich kann mich selbst nicht leugnen.
Ich weiß nicht, ob es Gott gibt, und auf wessen Seite er ist, wenn es ihn gibt. Ich weiß aber, auf wessen Seite ich bin. Hier stehe ich, und will nicht anders. Ich kann anders, denn sonst wäre ich nicht frei, und meine Entscheidung wäre nicht meine. Ich will nicht anders, als die bloße Macht für nichtig zu achten. Ich will nicht anders, als mich vor dem, was mir heilig ist, tief zu verneigen, ungeachtet dessen, dass es nicht die geringste Macht hat, ja völlig wehrlos ist.
Freitag, 7. September 2018
Wie dankt man Gott?
Deutschland ist - woran die Mainstreammedien seit Jahren nicht den geringsten Zweifel lassen - von Sinnen. Bevor Deutschland sich abschafft, dachte ich mir, schenke ich dem deutschen Volke einen zweiten Planeten Erde ohne Putin, Obama und den irren Kult um wen oder was auch immer. Ein teures Geschenk übrigens. Ich bin ja nur ein Mensch, - wieviel Menschenarbeit allein im Terraforming steckt, ist in Papiergeld gar nicht auszudrücken. Ein ganzer Planet, nur für die Deutschen! Müssten sie mir nicht auf ewig dankbar sein? Aber halt, das war nur ein Scherz. Den Planeten behalte ich, aber dafür vollbringe ich eine andere Großtat: ich lasse mich öffentlich hinrichten, damit es nie wieder Krieg auf Erden gibt.
Ein Tod für den ewigen Frieden! Ein Mensch opfert sein Leben, damit die Menschheit in Zukunft vom sinnlosen Tod verschont bleibt, - eine Heiligsprechung wäre da kaum zu vermeiden. Irgendwas Großes werde ich auf jeden Fall schon noch vollbringen, aber vorher sollten die Milliardäre dieser Welt ihre Kohle mal zusammenlegen, und mir gemeinsam eine Billion Euro schenken, - mit der Auflage, dass ich das ganze Geld in zehn Jahren verbrauchen muss. 1000 Milliarden Euro für zehn Jahre: die Luxusnutten für dieses Budget müssten erst noch am Computer entwickelt und mit dem Biodrucker geklont werden. Und vergessen wir nicht, die ganzen Milliarden sind nicht nur gestohlen und geraubt: manche Milliardäre haben ihr Leben lang hart dafür gearbeitet.
Ein zu großes Opfer? Durchaus, doch ist nicht jedes Opfer für einen Sterblichen zu groß? Früh am Morgen pünktlich aufstehen und zur Arbeit gehen, das Zimmer aufräumen, einkaufen, joggen, sich waschen und rasieren: allein das schon ist für jeden ehrlichen menschlichen Koala unzumutbare Mühe. Kinder großziehen, ein Unternehmen gründen, ein Leben lang für ein Ideal kämpfen, - das ist doch etwas für Masochisten! Denken, die schwerste aller Arbeiten, und die brotloseste aller Künste! Und die Quelle der höchsten Freude, wie man nicht erst seit Aristoteles weiß. Sein Gott ist einer, der nichts anderes tut, als zu denken, - er hat es nicht nötig, Welten zu erschaffen und eifersüchtig auf andere Götter zu sein. Der Gott der Christen hat sich aber entschieden, eine Welt zu erschaffen. Das hat angeblich eine Woche gedauert. War es schwer, ging es mit unvorstellbarer Mühe und unzumutbaren Entbehrungen einher?
Wieviel kostet es ein allmächtiges Wesen, jemandem einen Planeten zu schenken? Wie groß ist das Opfer für einen Unsterblichen, wenn er sich kreuzigen lässt und zwei Tage auf tot macht? Wie dankbar für ein Geschenk von 1000 Milliarden Euro muss jemand sein, der im wörtlichen Sinne alles hat? Es ist absurd, Jesus zu verehren, weil sein Tod am Kreuz so schmerzvoll war, es sei denn, man hält ihn für einen gewöhnlichen Menschen. Dann ist er aber kein größerer Held als etwa Jan Hus oder Alexander Matrossow. Es ist albern, Gott zu verehren, weil er eine so große und komplexe Welt erschaffen hat. Wäre ich allwissend und allmächtig, hätte ich mindestens genausoeine erschaffen. Doch ich kann mir nur Welten ausdenken, die schön und gut, aber nicht real sind, während Gottes Gedanken unmittelbar Wirklichkeit werden.
Wenn der Dank dem Geschenk angemessen sein soll, dann kann Gott von den Menschen weder unmenschliche Mühe noch unvorstellbare Opferbereitschaft erwarten, denn das Geschenk des Seins und der Erlösung von der Sünde haben ihn nichts gekostet, und wir könnten ihm auch nichts geben, das er nicht schon hat. Aber in der Willensfreiheit sind wir ihm gleich. Wir können uns frei für oder gegen das Gute entscheiden, und weil er es - symbolisiert durch die Erlösungstat Jesu - gut mit uns meint, schulden wir ihm nichts als eine gute Gesinnung. Diese kostet uns nichts, und doch ist sie unendlich viel wert.
Mittwoch, 29. August 2018
Ausführung aus der Philosophie
Nach erfolgreichem Einsatz biologischer Waffen feindesseits steht ein verwirrtes Menschlein, Hartmut oder Weichfeigheit, im hastig über den furchtsamen oder furchtlosen schönen oder alternativästhetischen Körper aufpräservatierten Schutzanzug in der Gegend und sein kluger oder nichtzudiskriminierender Verstand zittert sich durch die Geistesgeschichte der Kultur, nicht der Barbarei, auf der Suche nach der letzten Gewissheit, dem tödlichen Virus entkommen zu sein.
So versichert Parmenides, dass wenn das tödliche Virus nicht im Schutzanzug drin ist, dann ist es nicht drin, und wenn es drin ist, dann ist es drin. Wenn es aber nicht drin ist, so ist es falsch zu sagen, es sei drin, und wahr zu sagen, es sei nicht drin. Und, so weiß Aristoteles, ist das Virus entweder drin oder nicht drin, es kann aber nicht zugleich drin und nicht drin oder nicht drin und drin sein. Ist es nicht drin, so ist es nicht drin, denn sonst könnte man ja sagen, es sei drin, wenn es nicht drin ist, und warum entledigt man sich dann nicht sogleich des bewegungseinschränkenden Ganzkörpercondoms.
Platon juckt es den Ausschlag, ob das Virus nun drin ist, oder vielmehr nicht drin, denn der Idee nach muss das Virus zwangsläufig draußen sein, sonst wäre der Schutzanzug kein Schutzanzug. Und falls das Virus doch drin ist, so ist es nur eine Täuschung der Sinne, in Wahrheit aber ist das Virus nicht drin, sobald der Schutzanzug aufgesetzt ist. Kant nach, und zwar nach Kant, wird der Anzuganziehende im Endeffekt sterben, aber solange er lebt, kann er prinzipiell nicht wissen, ob das Virus nun drin ist. Es kann so scheinen, als sei es drin, aber es kann genauso nicht drin sein, und es kann so scheinen, als sei das Virus nicht drin, und da juckt trotzdem was. Das Virus an sich ist eh unsichtbar, man kann nur das Jucken wahrnehmen.
Descartes würde gewiss zuallererst zweifeln, ob der Schutzanzug überhaupt einer ist; fertiggezweifelt, würde er nur zum weiteren Zweifel vordringen, nämlich ob das Virus überhaupt ist. Wenn es Gott gibt, dann gibt es auch biologische Waffen, und wenn es biologische Waffen gibt, so ist auch dieser Schutzanzug echt. Leibniz würde ruhig durch die menschlichen und tierischen Kadaver hindurch stolzieren, denn in der besten aller möglichen Welten hätte er den besten aller möglichen Schutzanzüge. Freilich hätte er es auch mit der effektivsten aller möglichen Biowaffen zu tun.
Aus dem dogmatischen Schlummer risse unseren sterbenden Überlebenden kein Hume, wenn nicht Hegel, dem das Virus so gut drin ist, wie es draußen ist, denn insofern das Virus als draußen seiend bestimmt ist, ist es durch diese Erkenntnis ins Rein eingedrungen, und wenn es nur nicht drin und nicht drin sein könnte, dann könnte niemals gesagt werden, es sei nicht drin, denn bestimmte Rede behauptete immer das Gegenteil zugleich, wie Schelling beihusten würde. Was dem Hegel verführerisch ist, ist dem Schelling leibhaftig. Ohne Rücksicht auf topologische Vernunft, oder aber gerade angesichts dieser, wüsste Schelling zu meinen, dass das Drinseiende draußen wiewohl das Draußenseiende drin ist, denn sonst wäre es, was auch immer, gottlos, und da alles Seiende in Gott enthalten ist und Gott enthält, so ist der im Schutzanzug Seiende im Virus enthalten wie sein Schutzanzug das Virus enthält. Existentiell wäre nur, dass das Ansteckende den Anzusteckenden zum Angesteckten ansteckte. Käme Camus, so wäre Heilung Sysiphusarbeit.
Dienstag, 28. August 2018
Todesstrafe oder nicht?
0. Die Frage "Bist du für oder gegen die Todesstrafe?" ist eine Fangfrage, die zum Ziel hat, die Person, die für die Todesstrafe ist, als böse darzustellen, ohne sich auf Argumente einzulassen. Im freien Meinungsaustausch müsste man antworten: "Ich bin kein Sadist, kein Antisemit, kein Nazi, kein Tierquäler, kein Kinderschänder. Tut mir Leid, wenn ich dich damit enttäusche". Ernsthaft: Meinungen sind blosses Gerede. Der eine Mörder hatte eine schlechte Kindheit, der andere Mörder eine gute. Beide haben gemordet. Man kann natürlich meinen, dass der Mörder mit der guten Kindheit eigentlich auch eine schlechte Kindheit hatte, die nur nicht so aussah, als sei sie eine schlechte Kindheit gewesen. Es wird nach Gründen - nach Entschuldigungen - gesucht. Diese Einstellung hat aber die Voraussetzung, dass der Mensch nur ein Spielball der äußeren Verhältnisse ist und selbst nichts für sein Handeln kann. Da die Voraussetzung selbst nicht bewisen ist, ist die Suche nach Gründen sinnlos. Man kann sich vielleicht darauf einigen, dass eine Kindheit per definitionem schlecht ist und somit jeder eine schlechte Kindheit hatte und niemand für sein Handeln verantwortlich ist. Die eigentliche Frage lautet also: Ist der Mensch für sein Handeln verantwortlich oder nicht?
1. Der Mensch ist für sein Handeln nicht verantwortlich. Der Mörder kann nichts dafür, dass er gemordet hat. Dann hat aber die Allgemeinheit, die ihn bestraft, ebenfalls nichts dafür, was sie mit ihm macht. Es sind auch bloss Menschen, die den Mörder bestrafen, und somit sind sie für ihr Handeln auch nicht verantwortlich. Wird der Mörder mit dem Tode bestraft - kann keiner etwas dafür. Wird er überhaupt nicht bestraft - dann war das Wetter vielleicht so schön, dass man sich darauf geeinigt hat, ihm seine Tat einfach mal zu verzeihen. Wenn man annimmt, dass der Mensch für sein Handeln nicht verantwortlich ist, kann man kein Argument gegen die Todesstrafe mehr vorbringen. Die Todesstrafe wäre genauso zufällig wie der Mord und keiner wäre dafür verantwortlich. Warum Todesstrafe? - Warum nicht?
2. Der Mensch ist für sein Handeln verantwortlich. Der Mörder muss die Verantwortung für den Mord übernehmen, die Strafe muss seinem Verbrechen angemessen sein. Was ist sein Verbrechen? Mord. Was ist Mord? Mord ist vorsätzliche Tötung eines Menschen. Sie hat den Tod des Mordopfers zur Folge. Was die angemessene Strafe für Mord ist, ist klar.
3. Dennoch bin ich persönlich gegen die Todesstrafe. Die Justiz ist fehlbar, ein Irrtum kann Menschenleben kosten. Die Todesstrafe ist irreversibel und die Revision nach ihrem Vollzug somit sinnlos. Die Verantwortung für Unrecht, welches aus Justizfehlern resultieren könnte, wäre Todesstrafe geltendes Recht, würde ich selbst nicht tragen wollen, und hätte somit kein Recht, es von anderen Menschen im Dienst der Allgemeinheit zu verlangen.
Samstag, 11. August 2018
Die Würde des Menschen
"Die Würde des Menschen ist unantastbar", so der allererste Satz im Grundgesetz der BRD. Um dieser Verpflichtung Folge leisten zu können, muss die Politik, die Gesellschaft und schliesslich jeder Einzelne wissen, was denn genau die Würde des Menschen ist. Die Würde des Menschen ist nicht empirisch nachweisbar, sie liegt jenseits des Reichs der Naturwissenschaften, im Reich der Ideen, das ausschliesslich in der individuellen sowie kollektiven Phantasie, und nirgendwo sonst, existiert. Das Reich der Ideen ist uns durch unser Selbstbewusstsein zugänglich. Wir nehmen nicht nur die Aussenwelt mit ihren Reizen und unsere Körper mit ihren Bedürfnissen, Lüsten und Schmerzen wahr, wir wissen auch noch, dass wir sie wahrnehmen. Der Mensch ist das einzige uns bekannte Lebewesen, das um seine Existenz weiss, aber ebenso weiss der Mensch um seine Sterblichkeit. Da niemand vor seiner Geburt existiert hat, kann sich niemand seine Nichtexistenz vorstellen, denn alle Vorstellung ist ausschliesslich durch die Erfahrung innerhalb der konkreten materiellen Existenz entstanden. Der einzelne Mensch weiss um seine Sterblichkeit und kann sich zugleich die Welt ohne seine Existenz nicht vorstellen. Der Zustand nach dem Tode ist mehr als nur unbekannt, es wird niemals eine Kenntnis dieses Zustandes existieren. Dies steigert die Angst vor dem Tode als eine dem menschlichen Geist immanente Furcht vor dem Unbekannten ins Unendliche.
Der Tod darf nicht sein obwohl er unvermeidlich ist. Das Leben wird angesichts des Todes zum höchsten Gut und die Erhaltung des Lebens zu seinem Sinn. Der Sinn des Lebens ist der letzte Zweck desselben, über welchen kein Zweck mehr gedacht werden kann, und welcher daher als letzter Zweck nur Zweck und nicht zugleich Mittel zu einem weiteren Zweck ist. Der todesbewusste Mensch lebt, um den Tod zu überleben, und weiss im Gegensatz zum Tier, welches instinktiv dasselbe Ziel verfolgt, dass ihn irgendwann der Tod doch ereilen wird und dass sein Lebenszweck damit absurd ist. Der Mensch braucht also eine Idee, die den Tod transzendiert, und ihn trotz des unvermeidlichen Todes weiter leben lässt. So denkt er sich eine unsterbliche Seele aus und konstruiert einen Gott, damit die selbst ausgedachte Seele nicht mehr die selbst ausgedachte Seele, sondern von einem allmächtigen Wesen geschaffene und damit wirklich unsterbliche Seele ist. So scheint es. In Wirklichkeit aber bedarf der Mensch einen Gott aus anderen Gründen. Er weiss, woher die Idee der unsterblichen Seele kommt, und keine Erweiterung dieser Idee um etwa einen allmächtigen Schöpfer vermag diese Vorstellung real werden zu lassen. Egal ob sich der Mensch einen Gott vorstellt oder nicht, er wird sterben. Und er will nicht sterben. Die beste Voraussetzung für das Nichtsterben ist der Frieden, welcher nur dann erreicht ist, wenn alle Menschen denselben ethischen Grundsätzen folgen. Wie ist dies zu erreichen? Am Besten durch die Imagination eines Schöpfers, des allmächtigen Gottes, eines Richters, der die Seele nach dem Tod entlohnt oder bestraft. Das Gesetz, nach welchem der Mensch durch seinen Gott gerichtet wird ist dasjenige Gesetz, welches am Besten für den Menschen selbst ist. Es ist das Gesetz der Wahrung und Erhaltung des Lebens, das Gesetz der Nächstenliebe, das Gesetz, welches aus der Lebensrettung die grösste Tugend macht, die ein Mensch praktizieren kann. Ein allmächtiger Gott wird zum Zweck der moralischen Institutionalisierung des Lebenserhaltungsprinzips konstruiert.
Der Mensch ist von Natur aus egoistisch wie jedes andere Tier. Ein konsequenter Egoismus kann lebensgefährliche Konflikte verursachen, welche um den Zweck der Wahrung des Lebens dringend zu vermeiden sind. Der Einzelne muss sich als zu einem Kollektiv zugehörig empfinden, wodurch er ersten sich selbst in Lebenssicherheit wähnt und zweitens das Nichtsterben der Anderen durch ihr Nichttöten garantiert. Der Humanist braucht für die Errichtung eines solchen Kollektivs keinen Gott, er erfasst die rationalen Gründe der Vorteile des Gemeinsinns gegenüber dem Eigensinn und bringt die Idee der Menschheit hervor. Das Tötungsverbot kommt nun nicht mehr von einem personifizierten jenseitigen Gott, es wird vom neuen Gott, der Idee der Menschheit, abgeleitet. Die Idee der Menschheit aber neigt dazu, den Einzelnen dem Kollektiv unterzuordnen, so dass im Falle eines Interessenkonflikts zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv der Einzelne aufgeben muss, und es kann in einem extremen Fall das Aufgeben des Lebens gemeint sein. Ist die Tötung von einem oder mehreren Individuen für eine Gemeinschaft vorteilhaft, so ist sie geboten. Wie kann der Einzelne sicher sein, niemals zu diesen Opfern an den Gott Menschheit gehören zu müssen? Der Einzelne kann dessen nur relativ sicher sein, zu einer absoluten Sicherheit verhelfen weder Besitz noch Macht. Es bedarf einer neuen Idee, die dem utilitaristischen Gemeinsinn übergeordnet ist. Diese Idee muss jedes Individuum vor jedem anderen Individuum und der Gemeinschaft, sowie die Gemeinschaft vor jedem Individuum schützen. Diese Idee muss den absoluten Verbot des Tötens postulieren. Es ist die Idee der Würde des Menschen. Ein Mensch darf nicht getötet werden, weil er ein Mensch ist, und einen Menschen ist die Menschenwürde immanent.
Der Selbsterhaltungstrieb ist der grundlegende Trieb, ohne welchen der Fortpflanzungstrieb und der Ernährungstrieb nicht denkbar wären, weil sie der Selbsterhaltung als Voraussezung für ihre Entfaltung bedürfen. Der Verstand befriedigt den Selbsterhaltungstrieb, indem er der Selbsterhaltung auf eine besonders anspruchsvolle Art dient. Er universalisiert das Prinzip der Selbsterhaltung und schützt das Leben in einem viel umfangreicheren Masse, als es etwa den nicht selbstbewussten Lebewesen möglich ist. Er konstruiert die Würde des Menschen als eine vermeintlich dem Leben übergeordnete, in Wirklichkeit dem Zweck der Lebenserhaltung dienende Idee.
Der Mensch erkennt seine Würde weder aus der Natur noch aus der Selbstreflexion, er konstruiert sie zum Zweck der Selbsterhaltung. Was ist aber die Würde? Worin besteht sie? Sie besteht hauptsächlich in der Selbstbewusstheit, in der Ich-Empfindung, die der Mensch als einziges Lebewesen zu vernehmen vermag, die keine natürlichen Grenzen kennt und daher regelrecht in einer Hybris mündet, die Unsterblichkeit, absolute Glückseligkeit und schliesslich Erhabenheit über die ganze restliche Welt zu fordern weiss. Die Würde des Menschen besteht in der empfundenen Unmöglichkeit des Ich-Todes, in der Wahnvorstellung der Unsterblichkeit, die uns allen immanent ist und daher keine Wahnvorstellung mehr ist. Sie ist Religiosität, Moralität, Menschlichkeit. Die Würde des Menschen ist unantastbar- weil meine Würde unantastbar ist, und weil ich ein Mensch bin.
Mittwoch, 8. August 2018
Freie Wahl der Religion
Vor zehn Jahren drückte ich aus Langeweile die Select-Taste hinter dem linken Ohr, und mir erschien im Geiste eine transparente Benutzeroberfläche. Ich stellte fürs Erste eine andere Helligkeit ein, veränderte die Farbsättigung, wählte dann die Taste "Optionen" und des Weiteren "Religion wählen". Ich dachte, Buddhismus wäre eine coole Religion, oder warum nicht Islam? Nein, dachte ich, ich wähle eine Religion, deren Anhänger die niedrigste Geburtenrate aufweisen, sprich im Durchschnitt die wenigsten Kinder auf diese glücksferne Welt setzen. Später besann ich mich und wählte die Religion mit den höchsten und komplexesten moralischen Werten, mit den größten Freiheiten und der konkretesten Bestimmung der Menschenwürde, mit der höchsten Autonomie des Menschen vor Gott, dem Staat und dem kulturellen Milieu, und so wurde ich Christ.
Das Christentum war gewitzt genug, nach der Aufklärung nicht auseinanderzubrechen, sondern alle Werte, alle kulturellen und ethischen Errungenschaften in sich aufzunehmen, die einst von nicht selten atheistischen Freigeistern aufopferungsvoll gegen das institutionelle Christentum durchgesetzt wurden. Wäre das Christentum sich treu geblieben und hätte auf seinen frühmittelalterlichen Werten beharrt, gäbe es heute entweder kein Christentum oder keine freiheitliche zivilisierte "westliche" Welt. Zur Koexistenz von Menschenrechten und Hexenverbrennung gehört jedenfalls mehr Phantasie, als eine Gesellschaft aushalten kann.
Da sich die Geschichte so und nicht anders abgespielt hat, ist heute Christsein kein Widerspruch zu den Menschenrechten, sondern deren Bestätigung, und darum bin ich Christ. Im Übrigen bin ich gegen Kopftücher in geschlossenen Ortschaften bei Tempo 120 und darüber, für den Verbot des Raucherverbots in Eckkneipen mit Muezzin, für die Gegner der Kreuze im Schwimmbad für Klassenzimmer mit Migrationshintergrund und gegen Regenwälder, die für überflüssige Bücher abgeholzt werden. Etwas ist mit mir nicht in Ordnung, wenn ich eine Religion praktiziere, die den ohne sie bereits bestehenden Werten und Normen nichts hinzufügt außer schlechten Märchen und phantasiearmen Mythen.
Moral ist etwas für Kinder, damit sie sich in einer Wertegemeinschaft sozialisieren können und diese, alsbald erwachsen, mittragen. Moral ist, was gut für das Ganze ist, den Einzelnen hält sie am Leben und am Funktionieren, sie gibt seinem individuellen Leben keinen besonderen Sinn. Wenn wir uns einigen, einander nicht umzubringen und gemeinsam in eine Rentenkasse einzuzahlen, dann brauchen wir dazu keine Religion, sondern das Wissen der Massenpsychologie und der Volkswirtschaftslehre. Religion hingegen ist der Egoismus in Reinform, so pur, dass er glänzt.
Religion beantwortet mir die Frage, woher ich - ich als der ich als ich bin, nicht als homo sapiens - komme, wohin ich - ich persönlich - gehe, wer und was ich bin. Moral brauche ich, um geregelt und gesittet leben zu können, Religion brauche ich, um in Würde sterben zu können. Sobald es persönlich wird, sobald es mir in meiner geistigen Privatsphäre um mich selbst geht, um den Sinn meines Lebens, um meinen persönlichen Umgang mit meiner Sterblichkeit, muss der religiösen Toleranz gekündigt und der Relativismus über den Haufen gescheitert werden. Ich bin Christ, weil ich mich so entschieden habe. Für mich. Der somit persönliche Charakter meiner Auffassung davon, wo ich herkomme, wo ich hingehe und was ich bin, ist, anders als es scheint, genau das Gegenteil eines Relativismus, der jedem seine Wahrheit zugesteht. Ob der homo sapiens vom Affen oder vom Fisch abstammt, ist interessant, mir aber letztlich egal; was mich persönlich nach meinem irdischen Ableben erwartet oder worin mein persönlicher Sinn des Lebens besteht, ist - süßer, nicht bitterer - Ernst. Ich kann in dem, was ich für mich persönlich glaube, keine Rücksicht auf Ethik, Moral oder Recht nehmen, kann in meiner Einsamkeit angesichts des Todes mit niemandem solidarisch sein und habe beim Sterben kein Recht auf Leben und im Jenseits keine Menschenrechte.
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