Donnerstag, 27. April 2017

Das Wirkliche




Gedankenprotokoll zu einer vom Kopf auf die Füße gestellten Realphilosophie. 

 
Das Wirkliche ist das Vernünftige, sagt Hegel in der Vorrede seiner Rechtsphilosophie (Philosophie des freien Willens, der Intentionalität). Die Vernunft erkennt das Wirkliche, und unterscheidet es vom Unwirklichen. Das Wirkliche wird von der Vernunft bestimmt, kommt aber nicht selbst zum Bewusstsein seiner Vernünftigkeit, und erscheint dadurch als das bloß Reale (keineswegs das Faktische oder Positive, denn dieses ist eine Verstandesabstraktion wider die Vernunft). Das Wirkliche ist weder im Subjekt noch im Objekt, es konstituiert vielmehr den Rahmen der Welt, in der Subjekt und Objekt existieren. Da das Wirkliche vernünftig ist, hat es sowohl die Seite des Subjektiven als auch des Objektiven an sich; da es nicht die Vernunft selbst ist, hat es nicht die Beschaffenheit einer Idee, sondern zerfällt in Phänomene. Einige dieser Phänomene werden hier durch die Vernunft in ihrer Wirklichkeit untersucht, und mit dem bloß Realen, der konkret zufälligen und abstrakt notwendigen Existenzweise des Wirklichen, verglichen. Die Darstellungen spiegeln nicht die Meinung des Autors wider, sondern die tiefensoziologischen Phänomene; die affirmative Darstellungsweise dient der deskriptiven Darstellung. Es kann hier kein übergeordnetes normatives Urteil fallen, da das Normative selbst eine der hier untersuchten Erscheinungsformen des Vernünftigen im Wirklichen ist.



13.3.2014. Das Lächcheln

Das Lachen ist maskulin: es ist klar, offen, im Lachen ist kein Geheimnis. Ein lächelnder Mann ist ein dezent lachender Mann. Das Lächeln, erstes Derivat des Lachens, ist die Negation des Lachens, ein nichtlachendes Lachen. Das nichtlächelnde Lächeln ist das zweite Derivat des Lachens, die Negation der Negation des Lachens. Es ist ein Nichtlächeln, aber auch kein Lachen, doch zugleich auch kein Nichtlachen. Wenn das Lachen maskulin ist, ist das Lächeln mystisch-feminin (mystisch sei hier die Negation genannt, die an die Stelle des Negierten nicht das Nichts, sondern etwas unbestimmt oder zufällig Anderes setzt). Das Lächcheln ist dramatisch feminin (dramatisch sei hier die ihr bestimmtes Komplement fordernde Negation genannt). Die Trichotomie des Maskulinen, Mystisch-Femininen und Dramatisch-Femininen ist eine Abwandlung einer Trichotomie (im "imaginaire") von Gilbert Durand.



13.3.2014. Das Unantastbare

Das Mädchen ist heilig im Sinne von unantastbar (das passiv Heilige, - das aktiv Heilige ist der moralisch vollkommene Mensch). Hände sind das Äußerste, das Antastbarste, der Kontaktpunkt der Intentionalität (des Willens) mit der äußeren Welt. Die Hände des Mädchens tasten nur Reines an: das Mädchen selbst und alles was sonst noch rein ist. Alles, was profan und unrein ist, wird von Mädchenhänden nicht angetastet. Je mehr ein zufälliges Mädchen dem wirklichen Mädchen entspricht, umso dekorativer fallen ihre Hände aus: sie sind ausschließlich dazu da, um etwa mit dem Haar zu spielen oder in unwillkürlichen Gesten vors eigene Gesicht gehalten zu werden. Die Bewegungen der Mädchenhände sind weich und sanft, niemals spiegeln sie Intentionalität oder Zweckmäßigkeit wider. Je natürlicher (ungekünstelter, ungewollter) das Nichtantasten der Außenwelt ist, umso mehr entspricht ein zufälliges Mädchen dem wirklichen Mädchen. Weil Hände das Äußerste des Körpers sind, sind Mädchenhände das Symbol für die Reinheit und Unantasbarkeit des Mädchens. Mädchenhände sind, weil sie das Symbol der Reinheit sind, nicht nur symbolisch, sondern auch physisch rein und selbstverständlich völlig makellos.

Die Genitalien sind abstrakt-symbolisch (sakral) rein, - da sie das Verborgenste sind, sind sie nicht das Symbol der Unantastbarkeit, und verlieren durch physische Unreinheit (Menstruation) auch nicht ihre sakrale Reinheit. Die männlichen Genitalien sind das negative Komplement zu den weiblichen, und damit abstrakt-symbolisch (sakral) unrein, wie sehr sie auch gehegt und gepflegt sein mögen. Die Vereinigung bei der Vaginalpenetration beschränkt den Kontakt zwischen Mann und Frau auf das Sakrale, welches sich in das Reine und Unreine dirimiert, und in der Vereinigung zur Gleichheit der Natur zurückfindet, welche durch die Befruchtung die ursprüngliche Diremtion wiederherstellt: das Kind wird das Unreine, Tätige, Verzehrende, die Mutter wird das Reine, Passive, Verzehrte.

Nun können nicht nur Genitalien in Kontakt gesetzt werden, sondern z. B. weibliche Hände und männliche Genitalien oder das weibliche Gesicht und das männliche Glied. Hier wird das primäre bzw. das sekundäre Symbol der Reinheit durch das abstrakt-symbolisch Unreine berührt. Damit wird die Frau nicht als natürliche Weiblichkeit, sondern als heilige Weiblichkeit entweiht, und diese Entweihung stellt die natürliche Gleichheit nicht wieder her, sondern bewirkt eine Gleichheit im Unreinen: die Genitalien der unreinen Frau werden, selbst ohne in einem solchen Akt berührt zu werden, dadurch unrein, dass ihre Hände die Genitalien des Mannes berühren. Die Frau ist jetzt symbolisch (nicht bloß faktisch) entweiht und Dirne.

Im Gegensatz zu Tieren werden Menschen nicht gleich nach der Geschlechtsreife geschlechtlich aktiv, sondern warten auf ihre soziale Geschlechtsreife. Empirische Ausnahmen zeigen das Verlassen der wirklichen Menschheit, und somit eine Rückvertierung. Bei Menschen aber sind für die soziale Geschlechtsreife komplexe Initiationsrituale erforderlich.



13.3.2014. Die Immädchenation

Die weibliche Initiation der Geschlechtsreife ist die Entmädchung des Mädchens, die Enttabuisierung des weiblichen Realkörpers für die männliche Berührung. Der weibliche Symbolkörper (primär als das konkrete Symbol die Hände, das unantastbare und nichtberührende Berührenkönnende, sekundär als das abstrakte Symbol (nicht das Abstrakt-Symbolische!) das Gesicht, das Sehende und Gesehene) bleibt weiterhin unantastbar. Somit ist eine abstrakte Initiation für den Realkörper und eine konkrete Initiation für den Symbolkörper als Gegenstand symbolischer Berührung (z. B. Küssen) erforderlich. Während die abstrakte Initiation das Körperliche als Körperliches zum Gegenstand hat, und daher mit abstrakten Riten auskommt, hat die konkrete Initiation das Körperliche als Ideelles zum Gegenstand, und muss auf körperlicher Ebene stattfinden.

Denkbar wäre etwa eine Vernaschung der angehenden Frau durch erfahrene aber durch Männer unberührte junge Lesben (je symbolischer der Akt, umso wirkungsvoller die Initiation, weshalb sich nongenitales BDSM hierfür besonders eignet). Wichtig ist, dass die Frau beim ersten Geschlechtsakt Frau und kein Mädchen mehr ist; Initiationsrituale ziehen im Allgemeinen eine Grenze zwischen Kind und Erwachsenem. Der Initiationsakt muss zugleich sexuell (um aus dem Mädchen eine Frau zu machen) und nichtsexuell sein (weil es noch ein Mädchen ist (längst geschlechtsreif aber soziologisch ein Kind)). Das Nichtsexuelle wird durch die Unberührtheit der Zeremonienmeisterin gewährleistet, das Sexuelle durch den Akt selbst. Barbarisch ist, wenn der Mann das Mädchen zur Frau macht. Dieser Brauch ist teilweise Kindesmissbrauch (da die Nochnichtfrau soziologisch ein Kind ist), und befördert durch diese Unmittelbarkeit indirekt sexuellen Missbrauch von Kindern.



14.3.2014. Die anthropologische Trias

Jedes Lebewesen strebt nach Selbstbehauptung, Selbsterhaltung und Arterhaltung. Das Streben nach Selbstbehauptung drückt die Bestimmung der einfachen Negation im Ich aus: abstrakt ist das Ich die Negation von allem, was es nicht ist. In diese Negationsleistung fällt auch die aktive Selbsterhaltung des Einzelnen. Die passive Selbsterhaltung findet in Essen und Verdauung statt. Die Arterhaltung wird durch Balztänze und Kopulation gewährleistet.

Jedes Element der Trias neigt zur Unterdrückung der anderen zwei Elemente, und fordert diese zugleich mit den ihm selbst eigenen Bestimmungen: Selbstbehauptung ist sehr voraussetzungsreich, denn sie setzt voraus, dass sich der nach Selbstbehauptung strebende Einzelne passiv am Leben erhält, und dass die Arterhaltung auch in seinem Fall stattgefunden hat. Auch der sich passiv Erhaltende muss gezeugt und geboren worden sein, und um sein Essen kämpfen (als Säugling etwa schreien, später werden diese Kampfrituale komplexer, und münden in Arbeit und Krieg). Um zu kopulieren muss man sich selbst erhalten und behaupten.

Als andere ausschließendes Element ist die Selbstbehauptung das männliche Prinzip. Das Paradigma der Selbstbehauptung ist der Tag, das scheidende Prinzip, - seine Ideologie ist der Logos, der auf dem Identitätssatz (A=A) und der Unterscheidung von Ich und Nicht-Ich basiert. Das (mystisch-weibliche) Paradigma der Selbsterhaltung ist die Nacht, die Alleinheit, die keine Trennung von Subjekt und Objekt kennt. Das Mysterium der Nacht ist die Überwindung der Trennung (das Gegessene wird zum Essenden selbst; der Essende wird, was er isst). Das (dramatisch-weibliche) Paradigma der Arterhaltung ist der Abend, der weder Tag noch Nacht ist. Die Sonne ist nicht mehr da (Gott ist tot), aber das Licht der Unterscheidung ist noch nicht erloschen (Nihilismus mit vom göttlichen Logos gegebenen logisch-ontologischen Voraussetzungen). Es gilt nicht mehr A=A oder A=B=C, sondern alle Bestimmungen erhalten ein Fragezeichen, werden ein Unentschiedenes, alles Wissen ein Vorläufiges. Hier herrscht das Vielleicht und der Tanz.

Neurobiologisch dient das Hirn drei Herren: Essen, Sex und Macht. Für die basale Hirntätigkeit sind diese Attraktoren komplementär und verstärken sich gegenseitig. Für das aktive Handeln, die höhere Hirntätigkeit, konkurrieren diese Attraktoren miteinander. Denkbar sind Lebenseinstellungen, in denen Sex und Macht dem Essen (das sich zu Reichtum transzendiert) dienen (wie beim typischen Milliardär, der ein mütterliches, asexuelles Wesen ist), oder dass Essen und Macht dem Sex untergeordnet werden (wie beim Macho, der charakterologisch ein Weib ist, genauer eine Dirne), oder aber dass Essen und Sex dem Machtstreben dienen (Politik im weitesten Sinne, der Krieg als das genuin Männliche). Der gemeine Mensch neigt dazu, die Befriedigung der drei Grundimpulse zu simulieren: das Essen wird durch Fresssucht von seiner logischen Weiterführung, dem Erwerb von Reichtum, abgehalten (der Arme frisst sich voll und ist für kurze Zeit befriedigt; Armut hängt mit der Unfähigkeit, sich für ein happigeres Stück zu gedulden, zusammen); der Sex wird durch Pornographie (Illusion der Kopulation) und durch gemütliches Beisammensein (sinnloses Gefasel unter Bekannten und Freunden bei endlosem gemeinsamen Essen und Trinken, Illusion von Nähe und von Tanz (im rhetorischen Spiel der Worte)) simuliert; Macht lässt sich weniger leicht simulieren, und ihre Befriedigung muss in Tagträume oder in Zwangsneurosen (Illusion der Kontrolle) flüchten.



14.3.2014. Drohnen und Phantasien

Geschlechtsverkehr reduziert sich in der Postmoderne auf zwei Drohnen, die zufälligerweise genitalienkompatibel sind. Im Haushaltssex besteigen sich gegenseitig zwei Turner. Es findet keinerlei rituelle Handlung statt, auf Tanz wird völlig verzichtet. Haushaltssex ist lustloser als zwanghafte Masturbation und ästhetisch abscheulicher als jede Vergewaltigung. Ein erfüllter sexueller Akt braucht keine Perversionen, er ist selbst eine Perversion: er ist das äußerste Bewusstsein von Mann und Frau, wobei das Behauptungs-Ja nicht mit dem Zustimmungs-Ja kopuliert (dieses wäre mütterlich), sondern mit dem Vielleicht (das dirnenhaft Weibliche). So entsteht der Tanz, dessen Kulminationspunkt für den Mann die Einführung des Gattungsschwerts in die Gattungsscheide ist (ein allgemeines Ereignis), und für die Frau das endgültige Sterben des Vielleicht in der Bestimmtheit dieser Einführung. Die Vergewaltigungsphantasie ist weiblich (und kommt - auch in der aktiven Rolle - nur bei weibischen Männern vor), sie ist die Bestimmung als Äußeres; männlich ist dagegen die Verwöhnungsphantasie: eine oder mehrere Frauen verführen den Mann zum Fortpflanzungsakt, bei dem es aber um die Befriedigung des Mannes, und nicht um die Fortpflanzung geht. Je weiter ein Geschlechtsakt in der Vorstellung von der Fortpflanzung entfernt ist, umso befriedigender ist er für den Mann. Wie üblich sind mit Mann und Frau das männliche und weibliche Prinzip gemeint, und nicht empirische Männer und Frauen (deren Gender mit dem biologischen Geschlecht nicht notwendigerweise übereinstimmt).



18.3.2014. Liga und Pokal

Das ontologisch Männliche dirimiert sich in das platonische Prinzip des Vaters und das aristotelische Prinzip des Sohnes. Der Vater steht für die ewige (platonisch) oder zeitliche (aristotelisch) Hierarchie. Der Sohn steht für die tabula rasa vor der offenen Schlacht. Im Pokal ist das Ergebnis der letzten Runde ohne Bedeutung, es zählen nur die - nehmen wir Fussball als Beispiel - 90 Minuten mit möglicher Verlängerung und Elfmeterschießen. Die Entscheidung fällt nicht über einen längeren Zeitraum, sondern in diskreten einzelnen Spielen. Die saisonale Ordnung ist dem Pokal äußerlich, er kann auch an einem einzigen Tag ausgespielt werden. Das diskrete robinsonische Individuum der neuzeitlichen nominalistischen Weltordnung ist das grundsätzliche Paradigma im Reich des Sohnes.

Die Liga mit einer bestimmten Anzahl von Mannschaften repräsentiert die väterliche Hierarchie: der Tabellenführer wird nach vorherigen Ergebnissen berechnet und steht dauerhaft an der Spitze: die Zeit zwischen den Spielrunden ist nicht diskret, sondern erfüllt, und es macht einen großen Unterschied, vom welchem Platz aus eine Mannschaft in das nächste Meisterschaftsspiel geht. Die eigenen Gesetze des Pokals stehen hingegen für die Negation der väterlichen Ordnung durch den Sohn, der keine Hierarchie anerkennt, sondern hierarchielos Erster sein will (einerseits Erster unter Gleichen, andererseits aut caesar aut nihil, denn der Verlierer nimmt im Pokal, anders als in Liga, am Ende keinen bestimmten Rang ein).



18.3.2014. Die Stände

Das Elend menschlicher Zustände erklärt sich durch die falsche Hierarchie der Stände. Jede menschliche Gesellschaft besteht in Wirklichkeit (nicht in zufälliger Existenz) aus dem Lehrstand, dem Wehrstand und dem Nährstand. Der Lehrstand herrscht ohne Gewalt, da er die wahre und somit göttliche ontologische Hierarchie anführt; der wahre Staat (der weder wirklich noch existent sein muss) repräsentiert die Menschheit als Selbstzweck. In der wahren Hierarchie ist der Stand, in dem die Zweckbestimmung am größten ist (Lehrstand, Menschheit als Zweck an sich) der Herrschende, und der Stand, der der Zweckbestimmung am wenigsten gerecht wird (der Nährstand, der Mittel-Stand), ganz unten und dient nur.

Gesellschaften, in denen der Wehrstand herrscht, sind barbarisch (moralischer und religiöser Terror findet statt) und misogyn. Herrschaft ist hier stets Gewaltherrschaft, Söhne töten den Vater und wetteifern darum, noch gewalttätigere Tyrannen zu werden, als der ermordete (wirkliche, aber unwahre) Vater. Gesellschaften, in denen der Nährstand herrscht (und das Mittel zum Selbstzweck wird, was das Prinzip der kapitalistischen Produktionsweise ist), sind amoralisch und misandrisch. Der Nährstand ernährt nur noch sich selbst; der Sinn des menschlichen Daseins sinkt zum bloßen (tierischen) Leben und Überleben herab. Diese Devolution mündet in der Herrschaft einer Schicht, die keinem Stand mehr angehört, den anomischen asozialen nicht-mehr-Menschen. Diese Schicht lässt sich (in traditionellen Vorstellungen) durch Massen kriminellen Abschaums angeführt von gesetzlosen Warlords versinnbildlichen, oder aber (technisch-fortschrittlich gedacht) durch transhumane Wesen, die nicht mehr menschlich sind, oder überhaupt keine Menschen mehr (denkende Computer, Cyborgs).



18.3.2014. Standesgemäße Mythen

Die große Erzählung unserer Zeit ist wohl leider "Harry Potter". Bezüglich dessen, was wir alles zu fressen haben, werden wir von unseren Vorfahren und Nachkommen womöglich beneidet, aber sie schämen sich nichtsdestotrotz für unsere Kulturlosigkeit. Wer bekäme das Mädchen, wenn "Harry Potter" eine Erzählung aus der väterlichen Perspektive des ersten Standes wäre? Der, der des Mädchens würdig ist. Wer bekäme das Mädchen in der großen Erzählung des Sohnes, der symbolisch für den zweiten Stand steht? Derjenige, der im Kampf um das Mädchen den Sieg über alle Herausforderer errungen hätte. Wer hat das Mädchen tatsächlich bekommen? Wer es weiß, schämt sich fremd.

Die Perspektive des dritten Standes, des Nährstandes, erzählt uns den großen Mythos von der alle zufriedenstellenden Distribution; die Welt wird ausschließlich aus der Perspektive der Ökonomie gesehen. Die Auflösung der Harry-Potter-Geschichte ist das Musterbeispiel des Sozialstaates. Peinlichen Unsinn redet, wer sagt, das Mädchen hätte selbst zu entscheiden, wer ihr Erwählter wird, denn erstens hätte das Mädchen in der Erzählung des ersten bzw. zweiten Standes genauso selbst und frei den Würdigen bzw. den Siegreichen erwählt; zweitens ist die Harry-Potter-Geschichte ein okkultes amoralisches Machwerk, das keiner immantenten moralischen Rechtfertigung fähig ist. Die große Erzählung des dritten Standes kennt nur Befriedigung, aber erteilt keine Lehre, und motiviert nicht zu großen Taten, im Gegenteil: sie lädt zum Zufriedensein im behüteten Zustand des übermäßigen und ohne Mühe erworbenen Fressens ein, und stellt in Aussicht, dass der Nanny-Staat jedes (niedrige, tierische) Bedürfnis befriedigen wird (und die höheren Bedürfnisse nicht anerkennt, da sie in seiner streng materialistischen Ideologie zu Symptomen psychischer Störungen erklärt werden).



23.3.2014. Wer ist Lolita?

Jede postmoderne Frau ist Lolita. Lolita ist die Verbindung der weiblichen Archetypen Mädchen (rein, keusch, kindlich) und Frau (reif, traditionelles Objekt sexueller Begierde). In der postmodernen Welt versuchen Frauen bis zum 40. Lebensjahr (und oft darüber hinaus) dem Archetyp des Mädchens zu entsprechen, und gleichzeitig schon mit 12 Jahren (wenn nicht früher) sich wie Frauen zu verhalten. Der Archetyp der Mutter wird nicht mehr angenommen, sondern verdrängt. Eine Frau, die nur Dirne ist, ist gesellschaftlich akzeptiert, gar erwünscht; eine Frau, die nur Mutter ist, gilt als gescheiterte Existenz. Die Beziehung zum Archetyp der Frau ist jedoch hysterisch: einerseits wollen schon 11-Jährige Frauen sein, andererseits wird der Mann, der die (erwachsene) Frau als Frau wahrnimmt, als sexuell belästigend empfunden (und wer sie als (potentielle) Mutter wahrnimmt, gar als frauenfeindlich).

Die Perversion des postmodernen Frauenbildes ist eine der Ursachen des Lolita-Komplexes, zu dem sich bisher nur Japaner ehrlich bekennen, während für den Rest der postmodernen Welt Pädophile als Sündenböcke für die sexuelle Enttabuisierung des Mädchens (und des Kindes allgemein) in der Gesellschaft fungieren. Wenn die Frau nicht Mutter sein darf, bleibt sie automatisch Tochter, und damit in einer kindlichen Rolle. Dieser Archetyp entsteht zwangsläufig aus der Negation der Mutter, wird jedoch nicht soziokulturell gefördert. Der Archetyp der sexuell zu begehrenden Frau wird hingegen sämtlichen Frauen übergestülpt: die Frau ist in der Postmoderne nichts als sexuell, und das im engsten Sinne; eine Mann-Frau-Beziehung ist nur noch als eine sexuelle denkbar, weshalb z. B. der Vater als soziale Rolle aus dem öffentlichen Bewusstsein vollständig verschwunden ist (und Männer mit eigenen Kindern auf dem Spielplatz von allen Seiten schief angegeguckt werden). Ein Mann, der mit einer Frau asexuell befreundet ist, gilt als schwul, denn es kann im postmodernen Raum menschlicher Beziehungen kein Außerhalb der Sexualität geben.

Das Kindesalter und das Alter sind verschwunden, wir alle sind von Geburt bis zum Tod im mittleren, sexuell aktiven Alter. Alle Menschen sind sex- und arbeitstauglich: ein feuchter Traum des Neoliberalismus geht gerade in Erfüllung. Wer nicht aktiv arbeitstauglich ist, ist es passiv, als Hure. Ob dies bereits Wirklichkeit ist, oder das Übermorgen der Postmoderne, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Die technischen Möglichkeiten werden in absehbarer Zeit hinreichen, virtuelle Realitäten zu simulieren, in denen jeder zahlende Kunde Kinderbordelle besuchen und die Tötung der Alten (als Zombies) im Egoshooter zelebrieren wird (der egozentrische Dirnenmensch fickt die Kinder und tötet die Alten). Im Alltagsbewusstsein gelten die Alten bereits als unerträgliche Last für die Erwerbstätigen, und Kinder als unzumutbares Risiko für die Selbstverwirklichung. Dies liegt daran, dass nur noch Erwerbs- und Sexualtätige als Subjekte gesehen werden, während allen anderen der Subjektstatus verweigert wird (und sie zu bloßen Sexualobjekten werden, ohne selbst Sexualsubjekte sein zu können, - die Vernichtung der Alten ist ebenfalls sexuell zu betrachten). Das Kind als bloßes Sexualobjekt ist nicht Lolita, sondern es ist einfach nichts (bzw. nichts als Objekt, weshalb der Kindesmissbrauch aufgrund der Verletzung der sexuellen Integrität (des sexuellen Subjektstatus) des Kindes bestraft wird, und nicht aufgrund der Sexualisierung des Kindes, die der eigentliche Nährboden des Missbrauchs ist); die sehr junge noch kindliche Frau ist Lolita, die Kindfrau. Wenn Kinder so schnell wie möglich sexuell und erwerbstätig aktiv werden wollen, dann wollen sie nur dem Konzentrationslager der Postmoderne entkommen, und statt Opfer (Objekte) so schnell wie möglich Täter (Subjekte) werden.  



23.3.2014. Stände und Politik

Die ewige ontologische Ordnung des 1. Standes kennt keine Parteien, sondern nur die Trennung von Gut und Böse/Schlecht; der Staat des 1. Standes ist die Herrschaft des Philosophenkönigs. Der Lehrstand übt Herrschaft durch Einsicht in die göttliche Weltordnung aus. Die Politik des 2. Standes dirimiert sich in Erbmonarchie und Raubmonarchie: der Sohn kann die Macht entweder erben oder gewaltsam erwerben. Hier streiten mehrere Söhne mit gleichen Legitimitätsansprüchen um die Macht. Der Wehrstand unterteilt das Staatsvolk in zwei Klassen: Herren und Knechte. Erst mit der politischen Herrschaft des 3. Standes kommen Parteien (flache Interessenverbände) ins Spiel. Alle sind Knechte, die Herrschaft ist ein automatisches Abstraktum, und wird von der Wirschaftsordnung bestimmt, da der 3. Stand der Nährstand ist. Politik ist für den 3. Stand immer Weltinnenpolitik; der einzelne Staat ist jedem der Feind bzw. der Feind des Feindes in der Konkurrenz der Wirtschaftssubjekte (herrenlose Sklaven) um Bedürfnisbefriedigung (die Triebe ersetzen den Herrn). Das Parteienspektrum reicht von Minimal-Staat (libertär) bis zum Nanny-Staat (totalitär). Bedürfnisbefriedigung ist für die politische Rechte die Sache des Einzelnen (die er im Kampf gegen Mitmenschen durchsetzt: homo homini lupus), und für die politische Linke die Sache des Staates (totale Kontrolle und Bevormundung ist der Preis der sorglosen Wohlfahrt).

Der Nährstand kann keine eigenständige Ideologie bilden: Brot und Spiele können nicht als das wahre Wesen des sittlichen Gemeinwesens zugegeben werden. Erst der demoralisierte postmoderne Mensch kann sich mit dem Tier völlig gleichsetzen. Der in Neuzeit und Moderne emanzipierte herrenlose Sklave des 3. Standes ist aber ein Kulturkonsument und Zivilisationsparasit. Er behauptet Ideen, die ihm äußerlich sind, als seine eigenen, und kennt weder deren Sinn noch deren philosophischen Ursprung. Der Bildungsbürger, der Menschen millionenfach in der Gaskammer vernichtet, ist kein Widerspruch in sich, weil der gebildete Barbar alles gelernt aber nichts verstanden hat. Er denkt ausschließlich in Funktionszusammenhängen und lernt nur auswendig; weder kann er das große Ganze irgendeiner Sache erfassen noch interessiert er sich dafür. Der Faschismus ist die Ideologie der herrenlosen Sklaven, die in Fantasy-Manier das Mittelalter (das Reich des 2. Standes) nachspielen; der Kommunismus ist die Ideologie der zurück in die Steinzeit (das Reich des 1. Standes mit negativem (mütterlichen statt väterlichen) Vorzeichen) wollenden Kammerdiener.

Die liberale Ideologie der Menschenrechte ist die für den 3. Stand konsequente Ideologie der Atomisierung der Menschen, - der Mythos des Liberalismus ist die Robinsonade, die Vorstellung, der einzelne Mensch sei früher da als die Menschheit als Gattung (die angeblich erst durch Verträge zwischen Individuen zustande kommt). Das Streben nach Glück (Wohlstand, Bedürfnisbefriedigung) ist die für den 3. Stand angemessene Sinngebung, denn sie trägt sich selbst, während Faschismus und Kommunismus auf Ideologien, die der Wirtschaftsordnung des Nährstandes (Kapitalismus) äußerlich sind, angewiesen sind, und deshalb größere Menschenopfer im Kampf des politischen Systems gegen die Entropie des Zerfalls erfordern als der Liberalismus (der ein geistiges Energiesparmodell in der Politik ist).



25.3.2014. Jungfrau mit 40

Sexualität ist allen traditionellen Gesellschaften umhüllt von Mysterien, in Gesellschaften der Nacht (mit zyklischen, nicht linearen Zeitvorstellungen) das Mysterium schlechthin. Menschliche (kulturell tradierte) Sexualität ist das Weibliche der Natur als Mysterium. In der späten Moderne ist die Sexualität anscheinend eine so billige Nutte geworden, dass von jemandem, der mit 40 Jahren noch nie Sex hatte, auch angenommen wird, er hätte es auch sonst zu nichts im Leben gebracht. Sexualität ist in der Moderne eine erschwingliche Ware, die in der Postmoderne wie eine Sozialleistung beansprucht werden kann; nur wer nicht einmal in der Lage ist, zum Sozialamt zu gehen, und stattdessen auf der Straße lebt, kann bei Abstinenz mit Verständnis rechnen.

Die Höchsten (der ontologische 1. Stand) und die Niedrigsten (der Rest, der nicht einmal mehr zum 3. Stand gerechnet werden kann, das ewige Prekariat) leben traditionellerweise abstinent. In der Mitte hat man immer Sex. Mit der totalen Emanzipation des 3. Standes, und der Vernichtung der zwei oberen Stände durch diesen  kennt die Menschheit nur noch zwei Klassen: das Proletariat und das Prekariat. Das Proletariat ist eine profane Klasse, ihm ist alles Ware, es denkt nicht in Werten, sondern in Gütern. Das Prekariat bildet in der Postmoderne die letzte Zuflucht des Mysteriums. Der masturbierende Diogenes ist der zynische Hüter des Mysteriums der Sexualität; indem er ihren Wert auf Null setzt, tritt er für ihre Unbezahlbarkeit ein, negiert ihren Warencharakter.

Die männlichen Gesellschaften des Tages (mit linearen Zeitvorstellungen, die einen Anfang und ein Ende der Zeit enthalten) verachten die Sexualität als das der Moralität widerstreitende natürliche (amoralische) Prinzip. Die Dekadenz des männlichen Logos führt zur immer weicheren Reglementierung der anfangs völlig verbotenen Sexualität (zur Priesterehe, zur Emanzipation sexueller Minderheiten und schließlich zur völligen Privatisierung der sexuellen Identität). Die Dekadenz des weiblichen Eros führt von der mystischen Verklärung der Sexualität bis zu ihrer totalen Profanisierung als Ware. Das soziokulturelle Bewusstsein dieser Entropie enthält entweder die Forderung der Regeneration (im männlichen Modus: das Jenseits als Paradies) oder die Verklärung des Todes als Regeneration (im weiblichen Modus: immanente Wiedergeburt), jedoch nicht schon auf natürliche Weise die Regeneration selbst. Das Gesetz der Entropie gilt für Zivilisationen in ihrem natürlichen Dasein (das Geistige verfällt nicht mit der Zeit, vielmehr verfällt die Kraft zum Denken und Naturinstinkte übernehmen die geistige Führung) wie für alles andere in der Natur.



25.3.2014. Moralpolitik

Die "doppelten Standards" der Beurteilung von politischen Handlungen, wie sie der Westen gegenüber dem Rest der Welt anwendet, sind in der grundsätzlichen modernen Einteilung der Gesellschaften in Zivilisation, Barbarei und Primitive begründet. Nach den Weltkriegen wird dieses Konzept zwar immer noch angewendet, aber nicht mehr offen propagiert (bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde offen rassistisch die Zivilisation der weißen Rasse zugesprochen, die Barbeirei den "Gelben", - den Schwarzen und "Roten" die Primitivität).

Das Zugeständnis, zivilisiert zu sein, das der Westen der ganzen Welt seitdem macht (da alle gleich sind, können - und müssen! - alle so sein wie wir) macht seine Politik zu einer Moralpolitik: wurde früher das autoritäre Verhalten bestimmter Gesellschaften ihrer Barbarei zugerechnet, und somit für natürlich befunden, so wird heute "barbarisches" Verhalten von "Barbaren" als moralischer Verstoß gewertet. Hatte man früher gesagt, Wilde und Barbaren könnten sich nicht zivilisiert verhalten, so sagt man heute, sie könnten es durchaus, aber sie wollten es nicht. Der Rassismus gegenüber dem "Minderwertigen", dem "Schlechten", wurde in der Postmoderne (in der alle Dispositionen als konstruiert gelten, und es keine natürlichen Fähigkeiten oder Unfähigkeiten geben kann) durch den moralischen Furor gegenüber dem "Bösen" ersetzt, wobei der Begriff des Bösen, der ein genuin moralischer ist, ins Politische pervertiert wurde.



26.3.2014. Standesgemäße Geistesphilosophie

Wie kommt eigentlich der Geist in die Materie? Die Materie ist evident, sie ist hier, sie ist da, man kann sie anfassen. Der Nährstand hat nunmal diese instrumentelle Beziehung zu den Gegenständen: er kann sie anfassen, messen, und schließlich essen (in Körpersubstanz oder in Kapital umwandeln). Das Ich ist des Herrn, für den Sklaven bleibt das Ich etwas Verborgenes, wogegen das Werkzeug und der Arbeitsgegenstand unmittelbar für den Bauer, Arbeiter, Händler vorhanden sind.

Wie lässt sich der Leib-Seele-Dualismus auflösen? Warum sind Geist (res cogitans) und Materie (res extensa) nicht aufeinander reduzierbar? Dem Wehrstand ist der Gegenstand kein Arbeitsgegenstand und kein Werkzeug, sondern das, was ihm entgegen steht (nicht Mittel, sondern Gegner). Geist und Materie, Ich und Nicht-Ich sind absolut verschieden. Die Philosophie der Neuzeit löst das Problem dadurch, dass sie die Materie zur Vorstellung des Geistes macht (Descartes Primat des Subjekts und Kants Kopernikanische Wende in der Erkenntnistheorie). Die Philosophie des naturwissenschaftlichen Positivismus macht das genaue Gegenteil, und erklärt den Geist zum Epiphänomen der Materie. Beide Wege sind Rückwege: Descartes und Kant kehren zum Vater zurück (geistiger Ursprung), die Materialisten zur Mutter.

Der Lehrstand setzt sich idealerweise aus jenen zusammen, die wie im Platonischen Höhlengleichnis die Höhle verlassen und die Ideenwelt, die wahre Welt, gesehen haben. Das Ich und das Absolute ist/sind dem Herrn unmittelbar evident: das Ich ist sein Seinsmodus (als durch das Verhältnis zu den Knechten reflektierter Selbstzweck) und das Absolute ist die Herrschaft als Herrschaft. Die Platonischen Ideen und die Hegelsche Wissenschaft der Logik sind die objektive Seite und Fichtes "Ich=Ich" die subjektive Seite des unmittelbar für den 1. Stand evidenten Seins.



27.3.2014. Wo ist die Romantik?

Die Romantik befindet sich an der Schwelle zwischen dem "régime héroïque" (männliches Prinzip) und dem "régime synthétique" (dramatisch-weibliches Prinzip) nach Gilbert Durand. Der Romantiker ist ein Idealist (für ihn sind Geist und Körper gleich real, doch es gilt das Primat des Geistes), der sich in der Nacht der Ideen wiederfindet (Gott (der Geist) ist tot, es existiert nur noch die Materie). Der Romantiker projiziert die Idee des Schönen (seltener des Wahren und des Guten) auf die Materie, die für ihn zur bloßen (Projektions-) Oberfläche wird, und ihre Tiefenstruktur verliert.

Die Romantik läutet das Ende der klassischen Moderne ein. Die "romantische Moderne" ist die Zeit zwischen dem Tod Gottes und dem Beginn der Postmoderne. Die "romantische Moderne" befindet sich völlig im "régime synthétique", sie ist geistlos und daher Romantik des Todes oder schwarze Romantik. Sie projiziert die Idee des Schönen in den Tod (da der Geist tot ist). Die Postmoderne befindet sich an der Schwelle zwischen dem "régime synthétique" und dem "régime mystique" (mystisch-weibliches Prinzip). Es gibt keine Romantik mehr, das Prädikat "romantisch" wird beliebig verwendet, ohne Rücksicht auf die ursprpüngliche Bedeutung des Begriffs.

Der Hierarchie der "régimes de l’imaginaire" entspricht eine Hierarchie der Sinne (sehen - fühlen - schmecken). Die Romantik verklärt das Fühlen zum Sehen. Die Postmoderne verklärt das Schmecken zum Fühlen (Essen und Konsum allgemein bekommen eine erotische Bedeutung). Das Fühlen hat noch einen Sinn für die Form (es kann sie ertasten), das Schmecken ist formlos.



27.3.2014. Das pure Böse direkt aus der Hölle

Der Nationalsozialismus war eine Rückkehr (oder ein Verfallsfortschritt) zum mystisch-weiblichen Prinzip. Der Mutterkult wurde mit den schärfsten Mitteln des männlichen Logos betrieben. Der Selbstzweck (Geist) wurde zum Mittel degradiert, das Mittel (Materie) wurde zum Zweck. Ihre Ideologien waren dem Faschismus und dem Kommunismus äußerlich; die Vernichtung der Juden und Kulaken (des bäuerlichen Mittelstandes in Russland) resultierte aus dem totalen Primat der Ökonomie: der Kommunismus wollte die Arbeiter von der Unterdrückung durch die Bourgeoise befreien, der Faschismus das "schaffende Kapital" aus den Fängen des "raffenden Kapitals". Der Nährstand opferte seinem Prinzip, der Mutter, Millionen von Menschenleben. Wenn es einen sinnlosen Tod gibt, dann ist es der Tod für nichts; hier sind an die 100 Millionen Menschen nicht nur für nichts, sondern ausdrücklich im Namen des Nichts (der Materie, der Ökonomie) getötet worden.

Da der Nährstand auf dem ganzen Globus herrscht, sind die Massenmorde im Namen der Ökonomie mitnichten aus der Welt verschwunden, vielmehr fand in der Postmoderne ein Outsourcing der Menschenvernichtung in die "Dritte Welt" statt. Die Unterwelt hat die Welt fest im Griff, die Tyrannei der Ökonomie peitscht die zu politischen Säuglingen (zu Objekten staatlicher Totalüberwachung und -betreuung) degenerierten Individuen zur Sehnsucht nach dem Mutterleib (dem Ideal des mystisch-weiblichen Prinzips): das menschliche Leben empfindet sich bereits als unrentabel und ökonomisch überflüssig, und da der Tod das Unbekannte ist, bedient sich die psychosoziale Regression des frühesten bekannten Zustandes. Bald sind alle Menschen von Maschinen beherrschte und versorgte Föten (eine Dystopie, die in der Popkultur bereits zum Bewusstsein gekommen ist).

Sogenannte "primitive Völker" sind Kulturen, die sich nicht am Anfang ihrer Entwicklung, sondern Abergenerationen nach ihrem Ende befinden; die westlich-abendländische Zivilisation kann die ganze Menschheit in den thermonuklearen Weltuntergang mitreißen, oder friedlich weiter degenerieren, was angesichts historisch einzigartiger technischer Errungenschaften diesmal die unwahrscheinlichere Alternative ist (die moralische und kulturelle Verrohung westlicher Eliten in der Postmoderne berechtigt zur Furcht, dass die nächste US-Präsidentin, sei es Sarah Palin oder Hillary Clinton, dem Gesetz des Spektakels - nicht der Vernunft - folgend, in naher Zukunft einen Atomkrieg auslösen wird).



28.3.2014. Soziokulturelle Entropie des 3. Standes

Der öffentliche Raum der fortschreitenden Postmoderne gleicht sich immer mehr einem Hybrid aus Kaufhaus und Müllhalde an. In der Postmoderne emanzipiert sich der 4. Stand, genauer gesagt, die Schicht unter dem 3. Stand, die keinen Stand mehr bilden kann, weil sie überhaupt nicht in der Lage ist, irgendetwas zu bilden. Diese destruktiven Elemente können jedoch nicht im moralischen Sinne Abschaum genannt werden, sondern nur als terminus technicus: es ist eine Schicht, die immer unten bleibt, der Schwerkraft so sehr verhaftet, so entgeistigt, dass sie unfähig ist, ein soziales Gemeinwesen aufrechtzuerhalten. Sie parasitiert, solange der 3. Stand noch für sie arbeitet, und sie arbeitet, insofern sie fortwährend dazu gezwungen wird (nicht mehr aus intrinsischer Motivation wie der 3. Stand). Diese Schicht hat es immer gegeben, aber sie blieb sozial unsichtbar: die Ehrlosen, Stricher und Penner werden erst am Ende der Dekadenzperiode einer Gesellschaft zur Mehrheit. Da der Massenwohlstand der westlichen Zivilisation historisch beispiellos ist, hört die Gesellschaft mit der Dominanz dieser äußersten Unterschicht mitnichten auf zu existieren; der technische Fortschritt erlaubt die Emanzipation derer, die sich niemals aus eigener Kraft emanzipieren könnten. Das Proletariat und die Bourgeoisie stürzten die Herrschaft des Adels, weil sie die ökonomische Macht dazu hatten. Sie selbst werden von keiner Macht gestürzt, sondern dadurch, dass sie selbst verfallen. Die psychosoziale Energie, die die arbeitende Klasse einst zum Arbeiten antrieb, geht ihr aus. Sie wird des technischen Fortschritts überflüssig, sehnt sich nach der steinzeitlichen Höhle, verehrt die rohe und grausame Natur, als wäre diese ein idyllischer Naturpark. Die Menschenrechte inflationieren (bis jeder das Recht auf alles hat), die Bereitschaft, diese Rechte durch Pflichten zu verwirklichen, sinkt (es kann keine Rechte ohne Pflichten geben). Ansprüche werden formuliert, und deren Erfüllung der anonymen Gesellschaftsmaschine überlassen.

Mit dem Beginn der Postmoderne verfiel das öffentliche Leben (Richard Sennett sprach vom "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens" bereits 1977, als der Verfall noch keine Generation alt war). Immer mehr Menschen rutschten aus dem 3. Stand kulturell unter die Linie, auf der die soziokulturelle Entropie und die Fähigkeit, selbstbestimmt zu leben, sich die Waage halten. Seitdem gilt als unzumutbar, sich in der Öffentlichkeit kultiviert zu verhalten, und stattdessen wurde das Ideal der Authentizität ausgerufen. Den unter den 3. Stand rutschenden Massen fällt es immer schwerer, ihr menschliches Gesicht zu wahren, und sie vertieren zusehends. Noch können die meisten einen Job finden und so tun als würden sie arbeiten (ein Großteil der heute existierenden Jobs trägt überhaupt nichts zur Wertschöpfung bei, und ist vielmehr eine soziale Beschäftigungsmaßnahme, - damit die Leute nicht auf der Straße landen), bald werden sie auch dazu nicht mehr fähig sein. Der Punkt, an dem die abendländische Gesellschaft mehrheitlich aus Menschen besteht, die nicht fähig sind, ihre Triebe Neigungen zu kontrollieren, ist längst erreicht. Sie steuert nun auf einen Punkt zu, an dem die Mehrheit nicht mehr fähig sein wird, ihre Bedürfnisse selbst in primitivster Weise zu befriedigen. Parallel dazu wird der Nanny-Staat aufgebaut, der die zu Säuglingen werdenden Bürger rundum versorgt und betreut. Das Personal dieses Hybrids aus Kindergarten, Alten-/Pflegeheim und Gefängnis wird durch den noch vorhandenen Wohlstand der abendländischen Gesellschaft aus ärmeren Ländern angelockt und mit fiat money bezahlt, solange dieses System noch funktioniert. Zum Aussterben und der Eroberung durch andere Völker gibt es für eine untergehende Zivilisation nur eine Alternative, die allerdings nicht in ihrer Macht steht: eine neue Explosion der Ethnogenese (dazu gibt es von Lew Gumiljow ausführliche Untersuchungen), die einen neuen 1. Stand hervorbringt (damit beginnt die erste soziale Phase nach Pitirim Sorokin).



29.3.2014. Der ontologische Stand und die Prinzessinnenwahl

Der wahre Stand eines Mannes wird nicht durch das zufällige Faktum seiner Geburt bestimmt, sondern durch seine Geisteszugehörigkeit zum Platonischen Idealismus, Kantischen (transzendentalen) Idealismus oder Materialismus (Empirismus). Standesgemäß sucht sich der Herr seine Frau, der Mann sein Weib, der Kerl seine Dirne (dem Manne entspricht im korrekten Sprachgebrauch nicht die Frau (Herrin), sondern das Weib):

Die reinste Schönheit ganz in Mädchenweiß -
sie ist des Göttlichsten der Menschen Ehediva.
Zur Mittagssonne heirate Ich sie.

Verspielteste Gespielin edler Lust -
halb Kind, halb Mädchen, wird Mir keusche Frau,
unschuldig wie die Erste. Abendfest.

Geschichtslos, jetztgeboren, doch ganz Weib -
sie tastet wissend Mich um den Verstand;
so tief ihr Schoß, der Hochzeit dunkle Nacht.

Ich heirate nicht eine und nicht drei:
der Weise ehlicht stolz das Himmelskind,
der Schüchterheld der Erde schönsten Engel,
die Manneskreatur das weiblichste Geschöpf.


Die Anima (nach Carl Gustav Jung) des Platonischen Idealisten ist das ewige Mädchen, die Anima des Aristotelikers wie des Transzendentalidealisten ist das zeitliche (irdische aber keusche) Mädchen, die Anima des Materialisten ist die Frau (das sexuell nicht tabuisierte Weibliche). Die Liebe des Mannes vom 1. Stand ist eine Liebe zur Schönheit als Göttin (ideale Kleriker leben enthaltsam, weil sie völlig in der transzendenten Liebe aufgehen), die Liebe des Mannes vom 2. Stand ist die Liebe zu einem unschuldigen jungen (real existierenden) Mädchen; diese Liebe darf nicht durch Sexualität befleckt werden, da sie an dieser zerbräche (romantische Liebe). Die Liebe des Mannes vom 3. Stand ist die als Liebe verklärte sexuelle Begierde. Der Materialist hält den Eros (Begierde) bereits für die Liebe (die eine thymotische Regung ist (zu Eros und Thymos: Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, 2006)). Da er seine erotische Gefährtin als seine Anima sucht, und nicht bloß sexuell konsumieren will, ist die Erfüllung seines Begehrens (in der Ehe) legitim.

Warum lieben Männer der zwei oberen Stände (Lehrstand und Wehrstand) Mädchen, und keine Frauen? Die oberen Stände leben im männlichen Paradigma (diurne), in dem das Weibliche (nocturne) die zarteste, kleinste und unschuldigste Form annimmt. Männer des Nährstandes leben im dramatisch-weiblichen Paradigma (nocturne synthétique), weshalb deren Anima das sexuell Weibliche ist, die erotische Gespielin. Standeslose Männer (Muttersöhnchen) leben im mystisch-weiblichen Paradigma (nocturne mystique), deren Anima ist die Mutter. Deren sexuelles Begehren vermischt sich mit der Sehnsucht nach dem Mutterschoß (Säuglingsalter) oder gar nach dem Mutterleib (Fötuszustand). Die Mutter und die Tochter sind dem Kopulationsparadigma des nocturne synthétique entzogen, weshalb Männer im diurne neben der heiligen Geliebten eine profane Begehrte haben können (das Ausleben der sexuellen Bedürfnisse mit dieser aber als Sünde erleben), während Herren (Männer) im nocturne mystique nach maskulinen Frauen (Weibern) Ausschau halten, um den Kopulationsakt doch noch zu vollziehen.



2.4.2014. Partnerwahl

Eine der größten Lebenslügen des 3. Standes ist die Vorstellung, Frauen könnten in einer "freiheitlichen" Gesellschaft ihre Männer frei wählen. Die Partnerwahl ist niemals frei: sie ist bei Tieren biologisch und bei Menschen sozial bedingt. Wie man sozialisiert wird, so wählt man. In der Gesellschaft des 3. Standes gilt das Gesetz der absoluten Prostitution: je reicher ein Mann ist (es gibt außer Geld noch weitere, jedoch weit überschätzte Statussymbole des 3. Standes), umso attraktiver wird er für Frauen. Die Dekadenz des 3. Standes lässt wiederum biologische Kriterien an Bedeutung zunehmen; der Mensch des 4. Standes ist a- und antisozial, und nähert sich in seiner authentischen Kultur- und Geistlosigkeit immer mehr dem Tier an.

Die ontologisch korrekte Partnerwahl sieht im Idealfall so aus: für die beiden höchsten Stände geeignete Frauen werden im frühen Kindesalter aus der Bevölkerung aufgelesen und in speziellen Tempel von Frauen des 1. Standes (streng lesbische Priesterinnen) erzogen. Der zuständige Geistliche überwacht deren Erziehung und setzt für jedes Mädchen das individuelle Heiratsalter fest. Dieses kann stark variieren, und bei besonderen Mädchen auch niemals eintreten. Diese verbleiben sodann im 1. Stand. Die heiratsfähigen Mädchen erfahren eine lesbische Initiation, die nach BDSM-sexuellen Eskalationsstufen aufgebaut ist und mindestens ein Jahr dauert. Wenn die junge Frau nun so weit ist, dass sie durch die Sexualität des Ehemannes nicht mehr entweiht werden kann (die Intitiation darf kein singulärer Akt sein, sondern muss zeitlich dauern, damit hiernach eine Frau und kein Kind geheiratet werden kann), kann sie einen Mann aus dem 2. Stand (Adel) heiraten. Da es immer weniger Adlige als schöne Frauen geben wird, ist der adlige Mann von den Göttern gezwungen, polygam zu leben. Was den 3. Stand betrifft, so kennt jede Gesellschaft ihre ethnischen (oder freiheitlichen) Rituale der Partnerwahl; die dem Volk naturgemäß strukturell fremde Elite muss, sofern diese Rituale nicht grausam und/oder ekelhaft sind, jedem der beherrschten Völker ihre Sitten und Bräuche lassen.



5.4.2012. Männlein und Weiblein modern

Das Paradigma des Nährstandes ist die Perspektive der Mutter, weshalb der Mann in der kapitalistischen Gesellschaft auf die Rolle des Sohnes reduziert wird. Das erklärt die moderne Misandrie und dass Männer als in jeder Hinsicht primitiver als Frauen gelten: der Sohn verhält sich zur Mutter wie das Kind zum Erwachsenen. Die traditionelle Rolle des männlichen Subjekts hat in der Moderne das automatische Subjekt (Kapital) übernommen; Frauen verhalten sich nicht mehr zu Männern, sondern zum Geld der Männer wie Ehefrauen und Konkubinen. Frauen und Männer in der Moderne existieren aneinander vorbei: für Frauen sind Männer (ungewollte und vernachlässigte) Söhne oder komische Affen, auf deren Namen ihre Konten laufen, für Männer sind Frauen (Raben-) Mütter oder kakophon-hysterische Epiphänomene, die auf gekauften und sexuell konsumierten weiblichen Körpern parasitieren.



5.4.2014. Güte

Güte ist keineswegs Toleranz gegenüber dem Bösen (teilweise Toleranz wäre nocturne synthétique, vollständige Relativierung von Gut und Böse wäre nocturne mystique; Güte gehört hingegen zum Paradigma des diurne). Gütig zu sein und vollständige Vernichtung des Bösen anzustreben, ist kein Widerspruch, sondern folgerichtig. Nicht die duldsame Mutter, sondern der weise Vater ist gütig. Güte ist die Eigenschaft des moralischen Charakters, das rechtlich noch Erlaubte zu unterlassen, um das moralisch verdiente Wohl eines anderen zu befördern, - ein Verzicht auf den eigenen Egoismus zugunsten der moralisch qualifizierten (nicht empirisch zufälligen) Allgemeinheit. Ein Beispiel für das erfahrungsgemäße Gegenteil der Güte ist die spießerdeutsche Schadenfreude, die widerliche Einstellung, dem anderen nichts zu gönnen, und kleinlich auf sein Recht zu pochen, um dem anderen ein verdientes Wohl zu verbauen (und der Stolz des charakterlich kleinen Menschen, einem anderen mit rechtlich erlaubten Mitteln geschadet zu haben). Güte ist Großherzigkeit und -zügigkeit, ihr Gegenteil ist die kleine Sünde, die Gott besonders zuwider und ein sicherer Weg in die wohlverdiente Verdammnis ist.



13.4.2014. Geld und Regen

Geld regiert nicht die Welt, sondern die Welt der Feiglinge. Ein Räuber, der sein Gesicht verhüllt und anderen Geld raubt, um mit diesem Geld später friedlich einzukaufen, was sein Arsch begehrt, ist der kriecherische Musterfeigling. Wer nicht für sein Recht zu kämpfen bereit ist, akzeptiert das Geld. Hat ein Schurke etwas, was du begehrst, musst du ihn höflich auffordern, es dir zu geben (die Vorgehensweise des 1. Standes); erweist er sich als uneinsichtig, dass diese Sache nach göttlichem Recht dir gehört, musst du physische Gewalt anwenden (die Vorgehensweise des 2. Standes). Wenn du weder ein Mann des Geistes noch ein Held bist, hast du keine andere Möglichkeit, als ihm die Sache abzukaufen, wenn er sie dir verkauft. In einer Welt der geistigen Beliebigkeit, in der nicht die Einsicht in das Wahre, sondern psychologische Manipulation Überzeugungsarbeit leistet, in der Gewalt ohne Recht eingesetzt wird, und in der der Reichtum nichts mit den Tugenden des 3. Standes zu tun hat, bleibt dem Menschen nur die innere Emigration: der Feind, den es zu besiegen gilt, um die ontologisch korrekte Ordnung herzustellen, ist nicht mehr irgendwo da draußen, sondern in jedem von uns drin, eine Geisteskrankheit, die alle befallen hat, und von der uns womöglich nur der Tod erlösen kann. Wenn es Hegels berüchtigte List der Vernunft tatsächlich gibt, so ist es wahrscheinlich sie, die gerade dafür sorgt, dass ein nuklearer Weltkrieg, wie ein von der hitzeversengten Natur gieriglich ersehnter Regen, immer wahrscheinlicher wird.



13.4.2014. Staubkorn

Wer meint, der Mensch sei nur ein Staubkorn (man kann es auch witziger und derber ausdrücken) im Universum, verfehlt die wichtigste Eigenschaft des Menschen, die er allen Dingen im Universum voraus hat: der Mensch ist das einzige bekannte Wesen, das sich selbst Zwecke setzen kann, und fähig ist, Selbstzweck zu sein (und die Bedeutung des Begriffs Zweck-an-sich zu verstehen). Der Mensch ist Geist, und Geist lässt sich nicht durch physische Größe messen. In der materialistischen Perspektive des Nährstandes gilt der Geist als ein Epiphänomen der Materie, und in der vulgärsten Perspektive (nicht der des Uhrmachers, des Reisbauern, des Viehzüchters oder des Krämers, sondern der des alternden "material girl", das höchstens vielleicht Mutter geworden ist (und nichts außerdem)) zählt tatsächlich nur der Vergleich zwischen der physischen Größe des Weltraums und dem 1,50 bis 2 Meter großen und 50 bis 100 Kilogramm schweren Säugetier.



13.4.2014. Ausgedacht

Alles menschliche Denken findet im kollektiv Imaginären statt, nur die menschliche Gesellschaft bringt Menschen hervor. Das platteste Denken des 3. Standes, der naive Empirismus, geht davon aus, dass es eine unmittelbar erfahrbare Realität gibt (vorzugsweise anfassbar), - und was nicht dazu gehört, das hat sich offenbar jemand ausgedacht. Dabei wurde der naive Empirist selbst in seinem Menschsein "nur ausgedacht", denn wäre er nicht menschlich sozialisiert worden, wäre er ein Tier, und hätte sein Selbstbewusstsein niemals zu Bewusstsein bringen können.

Die wissenschaftlichen Paradigmen, die moralischen und sittlichen Werte, der Sinn für Schönheit und Humor: alles "nur ausgedacht"! Dass der naive Empirist überhaupt denken kann, verdankt er dem seiner Ansicht nach Ausgedachten; dass er die Dinge, die für ihn real sind, weil er sie anfassen kann, benennen und von anderen Dingen unterscheiden kann, verdankt er einer großen "Ausdenk"-Leistung von Menschen. Die geistige Bankrotterklärung ist aber, Gott als "bloß ausgedacht" zu sehen, und Menschen, die an das Göttliche in welcher Form auch immer glauben, zu verspotten, - dies zeigt, dass man keinen Sinn für das Ganze hat, keine Vernunft, sondern sich, wie das Tier, mit dem bloßen Verstande begnügen muss. Das unmittelbar Reale ist nicht das empirisch Erfahrbare, sondern das Vernunftwissen um das Ganze. Welchen (Gottes-) Begriff man sich vom Ganzen macht, hängt von der Zeit ab, in der man lebt, und von vielen anderen Faktoren; wahrhaft Mensch ist aber nur, wer im Angesicht des Ganzen lebt, und somit die Menschheit in seiner Person hat. Ein Individuum, das durch und durch durch anderes bedingt ist, und weder die Bedigungen für sein Sein kennt noch sein Bedingtsein erkennt, ist wie eine Handpuppe, die glaubt, absolut frei zu sein.  



17.4.2014. Projizierter Narzissmus

Die Fixierung des Materialisten auf die Außenwelt entspringt dem Bewusstsein, dass das Ich im materialistischen Paradigma nur ein Loch ist, in welches äußere Eindrücke fallen; an sich ist das Ich des Materialisten nichts. Jede vernünftige Introspektion scheint für den Materialisten eine sinnlose Nabelschau zu sein, - denn da draußen spielt doch die Musik, und das gierige gefräßige Loch, das er sein eigen Ich nennt, ist etwas, was nicht peinlicherweise angeschaut, sondern wovon sichschämenderweise weggeschaut werden soll. Doch das Ich als Loch drückt keineswegs Selbstlosigkeit aus (wo Bewusstsein ist, ist immer ein Subjekt), vielmehr zeigt es die Vorstellung vom Ich als Materie: das Selbst des Materialisten ist ein Loch, das die Außenwelt bitteschön füllen soll. Während z. B. der Romantiker seinen Narzissmus reflektiert und diskret lebt, projiziert der Materialist seine Selbstsucht aggressiv nach außen.

Der Narzissmus des Lochs ist keineswegs ein Schauen nach außen, vielmehr ist er ein Sichselbstanschauen des Lochs, das vom Nicht-Ich gefüllt werden will. Dem Lehrstand ist das Ich wie das Nicht-Ich göttlich, der Wehrstand lebt im Paradigma der Abspaltung des Ich vom Göttlichen, das er im Nicht-Ich sucht, und der Nährstand erlebt das Göttliche als das ganz Andere, während Ich und Nicht-Ich für ihn gleichermaßen nichts sind, - ein Nichts, welches sich in Loch und Materie dirimiert, weil das Subjekt-Objekt-Verhältnis für das Bewusstsein bestehen bleibt.



23.4.2014. B-Ziehungen

Beziehungen sind Ziehungen der Lottozahlen für Arme. Wenn längst alle edlen Ritter und schönen Maidchen sich gefunden haben, fängt das Balzspiel der einfachen Leute an, der psychosoziale Weltkrieg um Beziehungen. Der 3. Stand, nach dessen Pfeife die moderne Welt tanzt(e), ist bekanntlich der Nährstand, die Wiege des Materialismus. So wundert es nicht, dass die verweiblichten, entgeisteten, in ihrer Selbst- und Weltwahrnehmung auf das bloß Faktische reduzierten Männer keinen Unterschied zwischen Liebe und Begierde mehr sehen, und beides miteinander in einer Beziehung zu vereinen suchen. Heraus kommt die domestizierte, im Heim erstickte und bei Huren teilweise ausgelebte Begierde, und die Liebe als Floskel der Entschuldigung, weshalb man(n) sich ausgerechnet dieses Weib genommen hat, warum der Herr keine Besseraussehende zur Frau nahm, - der Spatz in der Hand wird durch das Lippenbekenntnis zur Liebe zum Adler hochgelogen, während die Taube auf dem Dach fröhlich auf das Pärchen kackt.



3.5.2014. Film und Faulheit

Der Weg des geringsten Widerstandes wird selbst in der Phantasie gegangen, wo doch die Möglichkeiten eigentlich grenzenlos sein müssten. Die Phantasie eines Menschen ist freilich lediglich in Nuancen frei und gehorcht durchaus den Gesetzen des kollektiv Vorgestellten (l´imaginaire). Es ist also kein Wunder, dass es so gut wie keinen Film gibt, in dem eine Frau mit weiblichen Gender in der Hauptrolle die Geschichte nicht zu einer substanzlosen Henidenparade trivialisieren würde (im besten Film aller Zeiten übernimmt Sarah Connor die Lebensaufgabe und den männlichen Gender von Kyle Reese, was paradigmatisch für nichttriviale Frauenrollen ist: sie haben alle einen maskulinen Gender). Es ist kinderleicht, einen guten Film über einen Jungen zu drehen, aber wo sind die guten Mädchenfilme?



12.5.2014. Von Null auf Sex

Die Leitkultur des (post)modernen Kinos ist, dass Männchen und Weibchen, sobald sie einander sympathisch werden, sich "leidenschaftlich" ausziehen und auf schnellstem Wege die Kopulation vollführen. Wie albern ein solches Vorgehen ist, zeigt die Analogie mit einem anderen Grundbedürfnis: man stelle sich vor, dass ein Mensch, der etwas Essbares sieht, sich unmittelbar darauf stürzt, und es gierig verschlingt, als ob es ihm jemand im nächsten Augenblick zu entreißen trachtete.

Freilich muss die Einstellung, dass morgen auch noch ein Tag ist, und niemand dir dein Brot, dein Weib, deinen Wein und deine Tafel Schokolade wegnimmt, wenn du diese Köstlichkeiten nicht sofort isst oder fickst, dem Pöbel selbst im Zustand der Wohlstandsverwahrlosung befremdlich erscheinen. Der Pöbel will alles und zwar sofort, denn er genießt alle denkbaren Genussmittel mit dem Bewusstsein, dass dieser Genuss unverdient ist, - wie der Dieb, der kein Recht an der Sache hat, die er besitzt, Fakten schafft, indem er diese Sache konsumiert, bevor sie dem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden kann.



12.5.2014. Befreiung zur Sklaverei

Die vollkommene Emanzipation des 3. Standes ist der Tod der Person des Souveräns. Der Souverän wird abstrakt: das Kapital im Liberalismus, die fortschrittliche Klasse im Sozialismus, das Volk im Nationalismus. Freilich stirbt mit der Person des Souveräns das Subjekt des Souveräns noch nicht, es wird vielmehr ein abstraktes, so dass kein Attentat mehr den Souverän töten kann und keine Revolution ihn beseitigen kann.

Der feuchte Traum des 3. Standes ist eine von der Herrschaft der Souveräns befreite Sexualität. Der weise Kleriker und der meritokratische Adlige können nach der Emanzipation des 3. Standes über die Sexualressourcen der Gesellschaft nicht mehr verfügen, dafür hat der abstrakte Souverän eine größere Macht über die Sexualität, als die ersten beiden Stände jemals hatten: im Liberalismus verkommt die Sexualität zur Hure, indem sie völlig den Gesetzen des Marktes unterworfen wird; im Sozialismus und Nationalismus üben Volk und Staat totalitäre Herrschaft über die Sexualität aus.

Der Untertan des abstrakten Souveräns ist kein Subjekt mit Persönlichkeit und bestimmten Rechten, wie der Knecht gegenüber dem Herrn, sondern nur noch ein Objekt, über welches zwar Personen als Subjekte keine Gewalt haben (da sie eben nicht als Subjekte, sondern nur als Objekte existieren), - dafür hat aber der abstrakte Souverän die totale Verfügungsgewalt über jeden Untertanen, wobei jeder Mitbürger zum Vehikel dieser Gewaltausübung gemacht werden kann.



19.5.2014. Liberalismus

Der Liberalismus ist die erste Ideologie der Moderne bzw. die Ideologie, die die Neuzeit zur Moderne macht. Der Liberalismus basiert auf dem Grundsatz "homo homini lupus"; wenn die Menschen durch die Negation der traditionellen ständischen Ordnung vereinzelt und als Masse unter einen abstrakten Staat (Leviathan, "law-and-order-state", der Staat als notwendiges Übel) zusammengefasst werden, wird der Mensch natürlich des Menschen Wolf sein.

Der Liberalismus ist eine rassistische Ideologie. Der "Liberalist" versteht sich selbst als ein Teil der Zivilisation (1. Stand der rassistischen Ontologie), den Bürger eines tradionellen ständischen Staates als einen Barbaren (2. Stand), und den in scheinbarer Anomie lebenden Menschen als einen Wilden (3. Stand). Der Liberalismus führt einen Krieg gegen die "Barbaren", um diese zu "ziviliseren", und einen Vernichtungskrieg gehen die "Wilden". Der Sklavenhandel der Neuzeit ist kein Widerspruch gegen die zivilisierte Ordnung des Liberalismus, weil ja nur "Wilde" als Sklaven gehandelt und gehalten wurden; die Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner verträgt sich aus demselben Grund prima mit der Ideologie der Menschenrechte (die selbstredend nur für den 1. Stand der rassistischen Ontologie gelten).

Der Liberalismus ist die Moderne als Ideologie gefasst, und daher die dominierende und letztlich siegreiche Ideologie der Moderne. Im individualistischen Westeuropa konnte die Moderne sich als Liberalismus ungehindert entfalten, in Osteuropa stieß sie dagegen auf kulturellen Widerstand, und konnte sich dort nur in abgewandelter Form (in einer kollektivistischen flach-hierarchischen Ordnung des absolut monarchischen Zarismus (keine wirkliche Schichtung der Gesellschaft, sondern nur die Dichotomie Zar/Untertan)) als Kommunismus entfalten. Im ständisch hierarchisierten Mitteleuropa nahm die Moderne die Form des Faschismus an (antitraditionelle Hierarchie, Herrschaft des Konkreten, Verteufelung der abstrakten Mächte).



3.6.2014. Internet gegen die Postmoderne

Schon das Fernsehen verband die beginnende Postmoderne des Abendlandes mit der Prämoderne anderer Weltteile, doch es war noch ein passives Medium. Mit dem Internet entsteht die unmittelbare Verbindung, so dass eine sadistische Göre, die Welpen lachend und spielerisch in den Fluss wirft, auf Youtube weltweit gesehen wird, und in ihrem teilweise prämodernen Heimatland ausfindig gemacht und bestraft wird. Bevorstehende Steinigungen werden durch weltweite Empörung vermieden, Regierungen der weniger zivilisierten Länder stehen unter Druck der Weltöffentlichkeit, wenn es um die Bekämpfung der "rape culture" in ihren Gesellschaften geht.

Zur Passivität des Fernsehens gehört auch der Relativismuswahn der späten Moderne: Genitalverstümmelung und Vergewaltigung als Umgangsnorm werden in Ländern der "Wildheit" und "Barbarei" von der zivilisierten Welt geduldet, "weil es eben deren Kultur ist". Mit dem Internet entsteht die Möglichkeit für Menschen aus "barbarischen" Ländern der ganzen Welt zu sagen: "Nein, das ist nicht unsere Kultur!" Die "rape culture" in afrikanischen und asiatischen Ländern wird nicht mehr toleriert, sondern problematisiert, weil deren Ankläger nun selbst die Möglichkeit haben, aus ihrem zivilisatorisch unterentwickelten Land an die Zivilisiertheit der Zivilisation zu appellieren, - ein Appell gegen die Toleranz, und damit ein (heilsamer) Rückfall hinter die kulturellen Standards der Postmoderne.



9.6.2014. Weibliche Emanzipation und die Rache der Mutter

Die Dichotomie von Mutter und Dirne (diese Begriffe sind bei Otto Weininger nachzuschlagen) ist nicht ursprünglich in der menschlicher Natur, sondern beginnt mit dem soziokulturellen Ereignis der Emanzipation der Dirne (Tochter als Frau, nicht als bloße Tochter). Die Mutter (nocturne mystique) ist das formlose Weibliche, naturbelassene Materie, nährender Stoff. Die Dirne (nocturne synthétique) ist das Weibliche als Form, das von der Materie abstrahierte Weibliche, und damit ein Kulturprodukt. Wenn das Weibliche (nocturne mystique) Natur und das Männliche (diurne) Kultur ist, so ist die Dirne zwar der Substanz nach weiblich, aber der Form nach männlich: die Emanzipation der Frau (von der Natur, nicht vom sogenannten Patriarchat) beginnt damit, dass die Frau nicht nur Mutter, sondern auch Dirne sein kann. Die wahre Emazipation ist die Emanzipation nicht vom männlichen Prinzip, sondern durch das männliche Prinzip.

Das sich selbst überlassene Männliche höhlt sich selbst sukzessive aus, da es sich nicht von selbst regenerieren kann. Mit der Entstehung der Kultur begann der Liebesentzug der Mutter an Söhnen und Töchtern: die Natur bekämpfte, wie Goethes Mephistopheles im "Faust", das Licht, dem sie den Raum neidete, welcher einst gänzlich von der Dunkelheit ausgefüllt wurde. Die "unterdrückte Frau" im "Patriarchat" ist die von der Mutter im Stich gelassene Tochter, eine Frau, die sich, wie der Mann, ohne sich regenerieren zu können selbst verzehrt. Die Erotik zwischen den Geschlechtern entfremdet sich von ihrer sexuellen Substanz und wird virtuell; der gegenwärtige Stand der erotischen Kultur des Abendlandes ist nicht das Epos, nicht der Roman, sondern der kontextlose Porno, in dem keine menschlichen Charaktere, sondern physisch optimierte Körper miteinander sexuelle Leibesübungen vollführen, wobei den Beginn die orale Stimulation der männlichen Genitalien durch die Frau (formlose Unterwerfung der handelnden Personen unter die Materie der erogenen Zonen) und den Höhepunkt das Abspritzen des männlichen Samens auf das weibliche Gesicht darstellt (Form als bloße Oberfläche ohne Tiefe). In der vollendeten Oberflächlichkeit der Postmoderne ist die Form nicht mehr das geistige Gefäß für die Materie, sondern eine Form von nichts; die Formung der Materie ist ein in die Dritte Welt verdrängter Arbeitsprozess, alles materiell Notwendige kommt aus dem Supermarkt, aus dem Automaten, scheinbar "von selbst" (die Mutter entzieht sich, der Vater wird vertrieben).



15.6.2014. Jungfräulichkeit und Gender

Männer aus bestimmten traditionsverbundenen Kulturkreisen wollen nicht aus eigenem Antrieb Jungfrauen ehelichen, sondern weil die Tradition es von ihnen verlangt. Wie gern hätten sie stattdessen eine "gewöhnliche Schlampe" genommen, allein weil diese einen traditionell nicht vorgesehenen "Spaß beim Sex" ermöglichte. Genauso wie der verweiblichte westliche Mann träumt der nur scheinbar männlich gebliebene östliche Mann eigentlich von Sex mit Pornodarstellerinnen. Wie verweiblicht die angeblichen und angeberischen Machos sind, lässt sich leicht feststellen: je erfahrener ein Sexualpartner ist, umso attraktiver ist er für Menschen weiblichen Genders, wogegen der männliche Gender sich auch dadurch bemerkbar macht, wie sehr die Reinheit ihres Objekts die Begierde steigert.



7.7.2014. Weiblichkeitsüberschuss führt zu Frauenmangel

In durch und durch weiblichen Gesellschaften gilt die einzelne Frau für nichts weil die ganze Gesellschaft ohnhehin weiblich ist. Durch die individualistische Brille des westlichen (restlichen) diurne gesehen, ist beispielsweise Indien eine extrem frauenfeindliche Gesellschaft, weil Mädchen millionenfach abgetrieben und Töchter gegenüber Söhnen benachteiligt werden. In Wahrheit jedoch ist der mütterlich-weibliche nocturne mystique ein männerfeindliches Regime, das umso mehr Männer verehrt, je seltener sie (als Träger des männlichen Genders) durch die psychosoziale Totalverweiblichung der Gesellschaft werden: weil alle Frauen sind, sowohl Frauen als auch Männer, gelten Männer als etwas Besseres (im diurne nehmen hingegen alle den männlichen Gender ein, wodurch Weiblichkeit selten wird und deshalb Frauen privilegiert werden). In Gesellschaften des nocturne gibt es streng genommen keine Individuen, und insofern sagt das Leid einzelner Frauen überhaupt nichts über Frauenfeindlichkeit aus; wenn wir durch den Blick von Außen die sozial zu bloßen Vertretern des Geschlechts und der Gattung bestimmten Menschen zu Individuen erklären, konstruieren wir eine Scheinwirklichkeit, die mit der Lebenswirklichkeit in den betrachteten Gesellschaften nichts zu tun hat.



7.7.2014. Nachtland

Der Siegeszug des nocturne mystique im Nachtland werdenden Abendland ist nirgendwo deutlicher zu erkennen, als in der Gleichsetzung von Liebe und Sex, Gut und Böse, Schön und Hässlich. Der  strengen Dualität des diurne folgte zunächst die Relativierung (Gradualisierung) der Gegensätze, und das Ende des Weges in den Abgrund wird die Nivellierung aller Unterschiede sein.



7.7.2014. Schmerz und Langeweile

Die mütterliche Frau langweilt den Mann sprichwörtlich zu Tode, weil ihre natürliche (nicht romantische) Liebe zu ihm immer dieselbe ist, so dass sein Verhalten und seine Gefühle ihr gegenüber überhaupt keinen Einfluss darauf haben, was sie für ihn empfindet. Sie liebt ihn so sehr, wie sie ihn gerade braucht, - eine Liebe, die noch oberflächlicher als die erotische Begierde ist, kann natürlich nichts als langweilen. Die dirnenhafte Frau kennt keine Liebe ohne Schmerz, denn das Dramatisch-Weibliche ist ein fortwährendes Spiel mit Gegensätzen, die ständig ineinander umkippen (die Dirne erinnert den Psychologen an Borderline, die Mutter an Depression). Bei der Dirne ist der nächste Augenblick das Gegenteil des gegenwärtigen, weshalb romantische Liebe zu solchen Frauen nichts als Schmerz sein kann. Der Wechselstrom des Dramatisch-Weiblichen lockt den sonnenhaften Mann an, der Gleichstrom des Mystisch-Weiblichen lockt den ich-schwachen Mann.



14.7.2014. Was aus bisher Gesagtem folgt

Die Soziologie negiert das ontologische Ich (die transzendentale Voraussetzung des moralischen Subjekts), und ist deshalb Nihilismus. Darum kann sie weder normative Aussagen begründen noch Sollensforderungen aufstellen. Erst aus höherer philosophischer Perspektive sind soziologische Befunde als "gut" oder "schlecht" qualifizierbar. Das Imperativ "Du sollst" stellt sich ausschließlich dem einzelnen Subjekt, und niemals einem Volk, einem Geschlecht oder einer Klasse von Menschen.



18.7.2014. Die Homo-Ehe ist alternativlos

In der traditionellen Familie ist für den äußeren Schein der Mann herrschend und die Frau dienend, während in Wirklichkeit die Frau den Mann emotional beherrscht, und sich von ihm nur das befehlen lässt, was sie selbst will. Die gynokratisch-patriarchale Familie kennt feste Strukturen und Hierarchien; die Ehepartner haben nicht nur zwei verschiedene Geschlechter, sondern auch zwei verschiedene Gender. Die moderne Familie ist aus der Genderperspektive stets eine Homo-Ehe, denn sie ist nicht hierarchisch, sondern flach strukturiert. Deswegen ist es egal, ob zwei Frauen, Mann und Frau oder zwei Männer eine Ehe schließen: die moderne Ehe ist immer eine Ehe von zwei Partnern desselben Genders. Dass die modernen Ehen und eheähnliche Partnerschaften instabiler sind, als die traditionellen Beziehungen zwischen Mann und Frau, ist kein Wunder, und die Flüchtigkeit dieser Beziehungen kein Kritikpunkt, denn vom Gender her gleichgeschlechtliche Beziehungen müssen nicht mit traditionellen Ehen verglichen werden, sondern mit homosexuellen Beziehungen.

Die Gender-Homoehe ist längst Realität; die gleichgeschlechtliche Ehe ist kein sozialer Fortschritt, sondern bloß die logische Konsequenz der bereits veränderten Genderrollen in der modernen Gesellschaft. Die fanatischen Kämpfer gegen die Homo-Ehe bekämpfen nicht die Homosexualität, sondern die Auflösung der traditionellen Genderrollen durch die Moderne, doch weil sie die Gender-Nivellierung nicht rückgängig machen können, richten sie ihre hilflose Wut gegen gleichgeschlechtliche Ehen, die den modernen Gender-Egalitarismus offen zur Schau stellen.



27.7.2014. Die Hoch-Zeit und die Hochzeit

Man muss heiraten, wenn Hochzeit ist. Das weiß jede traditionelle Gesellschaft, doch die moderne Gesellschaft hat das verlernt. Traditionellerweise heiratet die Frau, wenn sie am Schönsten ist, d. h. wenn sie ihren persönlichen "peak beauty" erreicht hat. Für die meisten Frauen liegt diese Zeit im frühen Teenageralter, und selbst jene, die nie schön werden, sind doch mit 12-15 Jahren schöner als zu irgendeiner anderen Lebenszeit. Der Mann kann hingegen nicht zu alt für die Hochzeit sein, er kann nur einen für die Frau zu geringen sozialen Status haben.

Es ist also kein Wunder, dass während sich in traditionellen Gesellschaften Männer darum reißen, eine Frau zu heiraten, dafür kämpfen, töten und sogar den eigenen Tod in Kauf nehmen, Männer in der modernen Gesellschaft unverbindliche Beziehungen bevorzugen, und äußerst ungern heiraten. Wenn Frauen Jahre oder Jahrzente nach ihrem "peak beauty" heiraten, ist der Gewinn für den Mann so minimal, dass die psychosozialen Belastungen des Verheiratetseins die Freude(n) der Eroberung vielfach überwiegen. Dass die meisten Männer und Frauen schließlich irgendwann doch heiraten, um den Lebensabend nicht allein zu verbringen, verändert sowenig die Spielregeln, wie der fröhliche Freizeitkick einer Fussballmannschaft - lange nachdem sie aus dem Turnier ausgeschieden ist - die Turniertabelle verändert.



18.8.2014. Philosophie des Lebens

Das Leben (als solches) des Menschen (als solchen) ist immer beschwerlich, denn der Mensch ist Geist, und steht fortwährend in Opposition zum Leben (wie das Leben selbst gegen das Anorganische). Das Leben des Menschen ist ein Kampf gegen das Leben, und nicht ein Leben des Lebens, wie etwa das Leben eines Tieres.

Leben! - ein Imperativ des Pöbels, welcher nicht über das Tierische hinaus ist. Das Leben selbst ist dem tierischen Menschen bereits der Sinn des Lebens, und deshalb sind alle höheren Werte für diesen lächerlich, - die "Aufklärung" des 3. Standes "entlarvt" den Unwert aller ritterlichen und klerikalen Werte, d. h. Leute, welche unfähig sind, über das bloße Leben hinaus zu denken, fangen an zu philosophieren. Die Banane schmeckt besser als die Gurke, also Bananen für alle! - tönt der Affe und ruft seine Ungeistesgenossen zur kommunistischen Revolution. Das einfache Volk in den vormodernen Gesellschaften erwartete von den religiösen Jenseitsvorstellungen nicht bloß ein Schlaraffenland, - das Wesentliche war die Gerechtigkeit im Jenseits, die im Diesseits nicht zu erreichen ist. Der moderne Pöbel kennt keine Werte über das Materielle hinaus, weshalb ihn der Glaube an ein Jenseits nur befremden kann.



20.8.2014. Trägheit

Die Selbstständigkeit eines inferioren Prinzips kann allein durch Trägheit (passiven Widerstand gegen einen Willen der ontologisch höheren Potenz) gegenüber einem höheren Prinzip geltend gemacht werden. So zeigt die Materie gegenüber dem Leben ihre Selbstständigkeit, indem der Verdauungsprozess des lebenden Organismus nicht alle Stoffe verwerten kann, sondern einiges ausscheiden muss.

Das Leben geht genausowenig völlig im Geist auf wie die Materie im Leben aufgeht. So bildet der Mensch als Lebewesen eine träge Struktur, die psychischen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, und nur durch besondere Willensanstrengungen dem Geist untergeordnet werden kann.

In der Gendermetaphysik erklärt die Trägheit die Möglichkeit der Beschmutzung der Frau (aber nicht des Mannes) durch (männliche) Sexualität: der Mann konsumiert sexuell eine Frau, wonach die verbrauchte Frau nicht einfach aufhört zu existieren, womit sie die Trägheit des Lebens gegenüber dem Geiste behauptet. Im Geiste ist der Mann das Subjekt (das Willenwesen, das sein Könnende nach Schelling) und die Frau das Objekt (das Seiende); im Geiste existiert die Frau nur solange sie sexuell rein ist. Die unkeusche Frau ist für den Geist nicht mehr existent, besteht als Lebewesen jedoch weiter, wodurch sie für den Geist als beschmutzt bzw. entweiht fortbesteht.



7.9.2014. Korbparanoia

Besonders männliche Charaktere, z. B. Autisten oder moralisch hochstehende Menschen (besonders besonders wird es, wenn man zu beiden Kategorien zugleich gehört), die die Welt im strengen Regime der Dihairesis wahrnehmen, d. h. a priori kein Vielleicht zulassen, können nur eindeutige Sympathie- oder Antipathiebekundungen, aber keine uneindeutigen Flirtsignale deuten. An religiöse Fragen, in denen es um das Allgemeine geht (Gott ist kein Einzelner, sondern alles), können extrem männliche Charaktere sowohl mit "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich" als auch mit "Wer nicht gegen mich ist, ist für mich" herangehen, - im Einzelnen und Besonderen wird jedoch ein Vielleicht zwangsläufig als ein Nein verstanden. Solche Menschen sehen Körbe, selbst wenn sie keine bekommen.

Das Vielleicht im Dramatisch-Weiblichen ist kein Ja-oder-Nein, keine verschobene Entscheidung, sondern die Aufforderung an den Anderen, sich zu entscheiden. Das Vielleicht ist eine abwartende, keine abwertende Haltung. Die Tragik extrem männlicher Charaktere ist, dass sie sich selbst dann abgelehnt fühlen, wenn sie gar nicht abgelehnt werden.



7.9.2014.  Angst vor Entscheidungen

Die panische Angst vor Entscheidungen charakterisiert weibliche Charaktere, zu denen die meisten empirischen Frauen und Männer gehören, wobei in der postmodernen Zivilisation Männer meistens sogar eine Spur weiblicher als Frauen sind. Es handelt sich hierbei um die Tragik des Dramatisch-Weiblichen, welches im Regime der ewigen Wiederholung lebt und Irreversibilität nicht ertragen kann.

Die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen, wird als eine Gewalt des männlichen Prinzips gegen die eigene Selbstbestimmung (genauer: gegen den Unwillen, sich selbst zu bestimmen) erlebt. Darum wird die erlebte "Diskriminierung" des Weiblichen um so größer, je mehr die Menschen verweiblichen. Im Paarungsverhalten führt die Angst vor Endgültigkeit zur Unfähigkeit, sich verbindlich an einen Partner zu binden, und eine Familie zu gründen. Kinder solcher Charaktere wachsen in lockeren Familienstrukturen auf, und entwickeln selbst ohne Scheidung der Eltern charakteristische Symptome von Scheidungskindern, weil ihre Eltern die Familie als eine reversible Entscheidung wahrnehmen, und darum nicht vollends dazu stehen, eine Familie gegründet zu haben. 



12.9.2014. Fortschritt als Barbarisierung

Als Kind lernte ich in einer "patriarchalen" Gesellschaft: "Du musst deine Gefühle unterdrücken, weil du ein Mann bist". Als Jugendlicher in einer "liberalen" Gesellschaft bekam ich zu hören: "Du hast keine Gefühle, weil du ein Mann bist". Die "patriarchale" Gesellschaft lehrte mich: "Du musst deine Interessen auf das Nützliche beschränken, und darfst keine Lüftschlösser bauen, weil du ein Mann bist". In der "liberalen" Gesellschaft sagte man mir: "Du bist primitiv, und besitzt weder Kreativität noch Phantasie, weil du ein Mann bist". - Als ich dies für meine Weininger-Rezension schrieb, entging mir das Wesentliche dabei, nämlich dass traditionelle Gesellschaften sich völlig dessen bewusst sind, dass "männlich" und "weiblich" soziale Genderrollen sind, und mitnichten biologische Determinanten.

Moderne Gesellschaften erklären Gender monokausal aus dem biologischen Geschlecht, weshalb sie im Kampf gegen das Individuum einengende und diskriminierende Genderrollen die biologischen Geschlechtsunterschiede nivellieren wollen. Traditionelle Gesellschaften wissen auch ohne die  wissenschaftliche Methode, dass bloße biologische Männchen und Weibchen des homo sapiens sapiens ohne Sozialisation mitnichten Männer und Frauen sind, und dass Gender vielmehr ein soziales Konstrukt ist, weshalb man seinen Gender-Status nicht automatisch bekommt, sondern durch Initiationsrituale erwerben muss. Moderne Gesellschaften sind hinter dieses Wissen zurückgefallen (und haben es erst spät mit der Soziologie wiederentdeckt, aber nicht anwenden können, weil soziologisches Wissen als nicht-naturwissenschaftliches Wissen als minderwertig gegenüber biologischen Fakten gilt), und schnipsen barbarischerweise an Genitalen von Menschen, um ihren Gender-Status dem individuell gewünschten anzupassen (dabei ändert eine Geschlechtsumwandlung nichts am Gender-Status, wenn der soziale Gender-Status selbst beliebig wird, - der postmoderne Mensch ist ein soziales Neutrum, das sich nach Lust und Laune männliche oder weibliche Genitalien an- oder wegoperieren lassen kann). 



18.9.2014. Gesichtsverlust in der Postmoderne?

Nur unter bzw. gegenüber Vertretern des 1. oder 2. Standes kann man das Gesicht verlieren, - vorausgesetzt diese Stände sind nicht nur Dekoration, sondern haben eine ihnen gebührende soziale Stellung. Unter gesichstlosen spätmodernen und postmodernen Individuen kann keiner sein Gesicht verlieren.

Die Mechanismen sozialer Ächtung existieren auch in einer postmodernen Gesellschaft, nur spielen die traditionellen und durch Beschämungsdrohung verinnerlichten Werte bei der Ausgrenzung einer Person keine Rolle mehr. Der postmoderne Mensch ist schamlos, und Gesichtsverlust ist ihm stets äußerlich, d. h. es handelt sich immer nur um einen Maskenverlust. Die Stelle von Normen und Werten nehmen wechselnde ideologische Vorstellungen ein, die explizit erlernt werden müssen, weil sie so beliebig sind, dass sie durch Erziehung und Sozialisation nicht vermittelbar sind (nichtsdestotrotz wird dieser Versuch unternommen, so dass Kinder schon in der Grundschule oder früher lernen, was z. B. Homosexuelle sind, und wie sie es miteinander treiben).

Man hält sich an die neueste Mode der politischen Korrektheit, und muss immer auf dem Laufenden bleiben, um nicht in seinen simulierten Wertvorstellungen überholt zu werden: so kann jemand, der gelernt hat, dass man nicht mehr "Neger" sagt, und stattdessen politisch korrekterweise "Farbiger" oder "Schwarzer" sagt, trotz eigener nicht-rassistischer Gesinnung als Rassist stigmatisiert werden, wenn er nicht schnell genug mitbekommt, dass man inzwischen "Afroamerikaner" oder "Afroeuropäer" sagen muss, - die politisch korrekten Euphemismen ändern jedoch nichts an gesellschaftlicher, ökonomischer und politischer Diskriminierung von Randgruppen und Minderheiten, was die logische moderne Schlussfolgerung aus der sprachlichen Feststellung der diskriminierenden Realität gewesen wäre.



30.9.2014. Gesichtsverlust und faschistoide Paranoia

Ein Vertreter des 1. Standes kann nur vor Gott und sich selbst das Gesicht verlieren. Da ihn andere Menschen nicht qualifiziert verachten können, weil sie unter ihm stehen, kann ihn nur sein eigenes Gewissen beschämen.

Ein Adliger kann vor anderen Adligen und dem Klerus sein Gesicht verlieren. Er steht über einer großen Mehrzahl von Menschen, und ist einem hohen Erwartungsdruck ausgesetzt; jeder Fehltritt kann den Verlust der Ehre bedeuten. Deshalb verhält sich wahrer Adel so, dass man dafür sorgt, dass der Andere nicht sein Gesicht verliert, - eine freilich edle aber durchaus nicht uneigennützige Verhaltensweise.

Der 3. Stand hat es mit Gleichen zu tun: da es nur wenige höherstehende Menschen gibt, und auch nicht so viele Standeslose, sorgt sich jeder bloß darum, nicht sein eigenes Gesicht zu verlieren. Dieser Achtungs- und Anerkennungsegoismus führt leider allzuoft zur abschaumigen Unart, sich so zu verhalten, dass der Andere möglichst sein Gesicht verlieren sollte. Dieser Hang zur Entartung verwischt die Grenzen zwischen dem noch ehrbaren 3. Stand und den Standeslosen, die der indischen Kaste der Unberührbaren gleichen.

Da der 3. Stand sich nicht klar von den Unberührbaren abgrenzen kann - der Übergang ist fließend und jeder kann jederzeit absteigen - , nimmt der Standesdünkel des 3. Standes paranoide und oft faschistoide Züge an. Als Faschismustherapie eignet sich ein Abrutschen in die Standeslosigkeit mit einer darauffolgenden selbstgeleisteten Rehabilitation, - die hieraus resultierende individualistische Mentalität und Toleranz könnte insbesondere mitteleuropäische Antisemiten von einer paranoiden "Die Juden sind unser Unglück"-Haltung zur offenen "Von Tellerwäscher zum Millionär"-Haltung umerziehen, was durch die Amerikanisierung Europas nach 1945 teilweise auch geschehen ist.



6.10.2014. Zivilcourage und Diurne-Entropie

Ich sehe, wie drei U-Bahn-Schläger jemanden angreifen.

Logos: Ich stelle mich unverzüglich auf die Seite des Unschuldigen, und alles weitere liegt in Gottes Hand.

Logik: Ich überlege, wie ich dem Angegriffenen am besten helfen kann und ergreife dann Partei.

Logistik: Ich überlege, was die sicherste Variante für alle Beteiligten - zuallererst für mich selbst - wäre. Ich bleibe mit einer Wahrscheinlichkeit von 95-99% einfach sitzen und gucke weg.

Logem: Ich fühle mich unwohl. Hoffentlich bringe ich den Mut auf, den Sitzplatz oder den Wagen zu wechseln.



12.10.2014. Föten und sozialdemokratische Romantik

Das Grundparadigma des Logos ist die Ständegesellschaft, das Grundereignis ist der Übergang von der archaischen Gemeinschaft zur hierarchisch sturkturierten Gesellschaft. Das Grundparadigma der Logik ist der Staat, das Grundereignis ist der Krieg. Das Grundparadigma der Logistik ist das Konzentrationslager (nach Agambens erweiterter Definition), das Grundereignis ist die Warenproduktion. Das Grundparadigma des Logems ist die Matrix (genauso wie im Film von 1999, der Mensch als an eine virtuelle Realität angeschlossener Fötus ist keine Metapher), das Grundereignis ist der Kampf des vollständig auf Maschinen angewiesenen Menschen gegen diese Maschinen (nicht im Streben nach Befreiung, sondern aufgrund eines Funktionsfehlers der Maschine, die die Versorgung des Menschen unterbricht).

Narzisstisch (im Kleinkindstadium hängengeblieben) ist nicht die Generation der "68-er", sondern die Generation deren Eltern. Die "68-er" sind in ihrer Persönlichkeitsentwicklung Säuglinge, die nach 1990 Geborenen Föten, weshalb die Matrix im Jahr 2014 überfällig ist, und Matrix als Metapher z. B. durch ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle ist, wie jede sozialdemokratische Idee, von der Realität überholt (sozialdemokratisches Denken zeichnet sich dadurch aus, dass für die Gesellschaft von Morgen Lösungen von Gestern gefunden werden; die sozialdemokratische Romantik ist die vulgäre Sehnsucht nach der nahen Vergangenheit: "Früher war alles besser").



17.10.2014. Postmoderner Diskurs

Klassische Argumentation funktioniert in der Postmoderne nicht mehr, da die Kraft des Arguments nicht mehr gilt. Der postmoderne Diskurs besteht darin, einfach etwas dagegen zu sagen; da sich keine Auseinandersetzung mit dem Argument stattfindet, wird Bullshit (vgl. "On Bullshit" von Harry Frankfurt) geredet: irgendwas nah am Thema, gegen den Opponenten, aber vorbei am Argument. Der moderne Redner verliert jedes postmoderne Streitgespräch, weil er sich an Regeln hält, die nicht mehr gelten, so nennt er z. B. für die Diskussion relevante empirische Fakten, die seine Aussage eindeutig belegen und die des Opponenten widerlegen, doch damit erreicht er nichts, weil die Diskussion daran vorbeischreitet und einfach woanders wieder ansetzt.



7.12.2014. Der Holocaust der Anderen

Für die Nazis gab es in der Moderne zwei verdammenswerte Massentötungen, die aus furchtbaren Ideolgien hervorgingen: der Kolonialismus der raffend-kapitalistischen Imperialisten und der Bolschewismus ermordeten Millionen von Menschen, so dass als Reaktion darauf (man denke an den Historikerstreit von 1986) der Faschismus entstehen musste, zum Schutze der Zivilisation von der Barbarei, versteht sich.

Für die Kommunisten war neben dem Imperialismus der liberalen Ideologie der völkische Faschismus die mörderische Ideologie der Moderne; man errichtete antifaschistische Schutzwälle und entwickelte ein antikapitalistisches, antiliberales Wirtschaftssystem.

Die erste und vorerst siegreiche Ideologie der Moderne ist der Liberalismus, der für die Fakten der Opiumkriege, der Hungermorde in Indien und der Ausrottung der Ureinwohner Amerikas blind ist, und das Unheil der Moderne allein in Auschwitz und Gulag sieht.

In Wahrheit sind alle drei Ideologien der Moderne - der Liberalismus, der Kommunismus und der Faschismus - demozidale Bewegungen titanischer (weder apollinischer noch dionysischer sondern kybelischer) Art, totalitäre Weltrevolutionen zur radikalen Veränderung der ganzen Lebenswelt des Menschen. Das allen drei gemeinsame Mittel der Veränderung der Welt ist der Massenmord (Demozid, Genozid, systematische Aushungerung und Ausmordung durch Drogen, mutwillige Präkarisierung der Lebensumstände und Heimatlosen- und Flüchtlingsproduktion durch Zerstörung traditioneller Gesellschaften).



7.12.2014. Logoentropie und Zeitordnung

Der Logos ist diurne, apollinisch, ideatisch; die Logik ist nocture synthetique, dionysisch, idealistisch; die Logistik ist nocturne mystque, kybelisch, sensat/materialistisch.

Die traditionelle ontologische Ordnung ist der ewige Logos, die Moderne ist zeitbegründende Logik, die Postmoderne ist zeitkonsumierende Logistik.



10.12.2014. Christliche Ontologie

Gottvater ist das reine Sein (absolute Potenz, kein Seiendes), Gottsohn ist das rein Seiende; ein Mensch kommt zur Idee (Vater) nur durch das Ideal (Sohn). Es gibt keinen Weg der reinen Ideatik, der Mensch muss Idealist sein.

Gottvater ist das absolut Männliche (diurne, Logos), Gottsohn ist das absolut Kindliche (androgyn, Logik), das ewige Leben ist das sein Sollende (weiblich, Logistik); im heiligen Geist des ewigen Lebens sind Idee und Ideal aufgehoben, aus ihm regenerieren sie sich ewig.

Das Männliche ist vorausgesetzt (das sein Könnende, reine Potenz), das Kindliche ist gegeben (das rein Seiende), das Weibliche ist aufgegeben (das sein Sollende). Der Mensch und der Demiurg bemühen sich, das sein Sollende in der Endlichkeit zu verwirklichen. Das Werk des Demiurgen ist die Natur, das Werk des Menschen ist die Kultur.

Das männliche Bewusstsein (diurne) ist ideational und strebt direkt zu Gottvater (im Endlichen gilt: Gott ist der Tod). Das kindliche/androgyne Bewusstsein (nocturne synthetique) ist idealistisch und auf die Welt (äußere Mannigfaltigkeit) ausgerichtet; in diesem Bewusstsein wird die Kultur durch Bildung und Kunst geschaffen. Das weibliche Bewusstsein (nocturne mystique) ist sensat und auf Sensationen (sowohl im Sinne der Sinneseindrücke als auch im Sinne der kurzweiligen/überraschenden Unterhaltung) ausgerichtet. Das Männliche lehrt, das Weibliche nährt, das Kindliche wächst und erschafft die Welt des Menschen.



10.12.2014. Zwei Aspekte der régimes de l’imaginaire

Diurne (das Männliche) ist als absolute Potenz der Urgund allen Lebens, die Sonne des Geistes. Einerseits verursacht es das Leben (Urzeugung), andererseits lockt es das existierende Leben in den Tod (reine Ideatik ist transzendent, negiert alles Sinnliche, und fordert, das Leben der Idee zu opfern).

Nocturne synthetique (das dramatisch Weibliche) ist in seinem männlichen Aspekt das Kindliche, das Subjekt des konkreten Lebens, und in seinem weiblichen Aspekt das dirnenhaft Weibliche, das Objekt des konkreten Lebens. Die Dirne (siehe Weiningers "Geschlecht und Charakter") treibt den Künstler an, inspiriert ihn, bringt ihn in der konkreten Lebenswirklichkeit überhaupt dazu, tätig zu sein. Ihr Gegebensein ist unabdingbar für die Existenz von Kultur, ihre Nähe ist zerstörerisch, denn sie verwandelt die androgyne Harmonie des Kindlichen in die identitätsauflösende Polarität (sie sollizitiert das rein Männliche und damit den Tod; ist der Mann zu feige, dem Tod ins Angesicht zu sehen, kehrt er in den Schoss der Mutter zurück, und wird von der Dirne verlassen).

Nocturne mystique (das mystisch Weibliche) ist einserseits die nährende Mutter und andererseits die verzehrende Mutter. Ein berühmter Musiker veröffentlichte 2002 ein verstörendes Lied, in dem er mit seiner Mutter brach. Es war schon damals abzusehen, dass er sich schon wenige Jahre später für dieses großartige Lied entschudigen würde, und somit als Künstler sterben. Im Umgang mit Frauen seines Alters ist er launisch wie ein ungeliebtes Kind; er beschimpft und bedroht die Dirne, aber die Mutter, die ihn tatsächlich misshandelt hat, bleibt für ihn eine Gottheit. Dies ist paradigmatisch für den modernen/postmodernen Mann, der zu schwach für diurne und nocturne synthetique ist; einerseits ist er von der (emotional) nährenden Mutter abhängig, andererseits fürchtet er die verzehrende Mutter, die ihn (psychisch) fressen könnte.

Der Mann im diurne ist Philosoph/Herrscher/Held, der Mann im nocturne synthetique ist Wissenschaftler/Regent/Künstler, der Mann im nocturne mystique ist Manager/Beamter/Penner. Die Frau im diurne ist Heilige/Traumprinzessin/Jungfrau, die Frau im nocturne synthetique ist Geliebte/Ehefrau/Hure, die Frau im nocturne mystique ist Krankenschwester/Ehemutter/Mutter. Dies ergibt sich aus dem Umstand, dass die Sphäre des Männlichen das Äußere, das Öffentliche, und die Sphäre des Weiblichen das Innere, das Private ist; biologisches Geschlecht determiniert jedoch nicht den Gender, und so können Männer feminoid und Frauen maskulinoid sein, wobei das Gesetz der Entropie (das Fleisch ist schwach) jedes Wesen auf den Weg des geringsten Widerstandes lockt (in freiheitlichen Gesellschaften werden sowohl Frauen als auch Männer verweiblicht, weil soziale Institutionen keinen Gender-Erwartungsdruck ausüben; in traditionellen Gesellschaften ist es leichter, seiner biologisch prädispositionierten Gender-Rolle zu entsprechen, als sich die Freiheit für den natürlichen Weg des geringsten Widerstandes zu nehmen). 



22.12.2014. Diurne im Buddhismus

Der traditionelle Buddhismus ist nocturne mystique: das Karma ist nichts anderes als die unendliche Existenzschuld jedes Wesens gegenüber seiner chthonischen Mutter. Das Nirvana ist die Asymptote, die unerreichbare aber gleichwohl anzustrebende Tilgung der Existenzschuld.

Spielarten des Buddhismus, die mit dem Karma-Konto spielen, z. B. um durch besseres Karma nicht das Nichtsein, sondern eine glücklichere Existenz zu erreichen, sind dem regime nocturne synthetique zuzuordnen.

Ein männlicher, diurnischer Buddhismus begreift das Karma nicht als unendliche Schuld, sondern als unendlichen Überfluss, und ist nicht chthonisch, sondern solar.

Verfolgen wir nun die Wahrheiten des traditionellen Buddhismus bis zu einem Punkt zurück, an dem ein Dogma, eine willkürliche Setzung, den kybelischen Grundstein des Buddhismus gelegt hat.

1. Leben ist Leiden (das ist evident).

2. Die Ursache des Leidens sind die Begierden (der Begriff der Begierde kann so großzügig bestimmt werden, dass darunter auch nicht direkt durch das Begehren verursachte Schmerzen fallen; jeder auf ein Objekt gerichtete Wille ist Begierde, und alles außer des Willens selbst ist Objekt).

3. Die Begierden entstehen aus dem Mangel (ein Subjekt, das sich selbst nicht genügt (ein endliches), empfindet einen Mangel, begehrt und leidet).

4. Es gibt den Mangel. - Das ist das gesuchte Dogma. Für die sensualistische Sicht ist der Mangel evident, aber das Verhaftetsein an der Materie ist nicht alternativlos. Für die ideationale Sicht, die die Materie negiert, und aus der unendlichen Fülle des Geistes lebt, gibt es keinen Mangel: Schmerzen, die man empfindet, werden als Schmerzen des Körpers verstanden, und Begierden nicht als die eigenen wahrgenommen, sondern als Laster des schwachen Fleisches. Der Geist ist unendliche Fülle und unendliche Freiheit, in ihm gibt es keinen Mangel, also keine Begierden, und folglich kein Leiden.



29.6.2015. Das Schöne, Gute und Wahre

Das Schöne, Wahre und Gute bilden einen ontologischen Kreis und bedingen sich gegenseitig. Obgleich sie in ihrer Totalität als das Göttliche nicht voneinander zu trennen sind, sind sie im endlichen Sein getrennt, und zeigen sich dem Bewusstsein als drei eigenständige Potenzen.

Das rationale Bewusstsein (L3 - Logistik) lebt unter dem Primat des Wahren. L3 ist ein Skeptiker, weil ihm das Wahre nicht sicher ist, sondern erst zu beweisen. Die Mathematik ist seine Metaphysik, die Logik seine Religion (er befolgt stur und unreflektiert Gebote, deren Inhalt beliebig sein kann, solange sie sich nicht gegenseitig widersprechen).

Das transrationale Bewusstsein (L2 - Logik) lebt unter dem Primat des Guten (Kants Primat des Praktischen in der Philosophie). Die Logik ist als sichere Grundlage gegeben, die Moralität ist problematisch, und muss entdeckt und begründet werden. Die Religion ist auf dieser Bewusstseinsstufe romantisch-ästheisch (Glückseligkeit als Folge der moralischen Pflichterfüllung).

Das vollkommene Bewusstsein (L1 - Logos) lebt unter dem Primat des Schönen. Logik und Moralität sind seine sichere Grundlage, Ästhetik sein weltanschauliches Paradigma. Insofern geht der Ästhetiker Nietzsche über die Ethiker Kant und Hegel hinaus, und zeigt, dass das antike Paradigma des Logos dem neuzeitlichen Paradigma der Logik überlegen ist.

Ein Bewusstsein, dessen sichere Grundlage das Schöne ist, ist das göttliche Bewusstsein, oder das Bewusstsein im paradiesischen Zustand der vollkommenen Glückseligkeit. Das prärationale Bewusstsein (L4 - Logem) kann nicht einmal das Wahre fassen, und lebt im Reich der Vorstellungen (weil es unfähig ist, Begriffe zu bilden). Die Abwesenheit des Schönen, Guten und Wahren im Bewusstsein ist die Verdammnis, die Gottesferne.  



18.10.2015. Das anthropologische Trilemma

Die Setzung ist diurne, die solare Dihairesis; der Zirkelschluss ist nocturne synthetique, das lunare Wechselspiel; der infinite Regress ist nocturne mystique, der unendliche Fall in den Abgrund. An der Oberfläche des philosophischen Scheins ergeben diese Grundbestimmungen z. B. das Münchhausen-Trilemma von Hans Albert. Jedoch sind Setzung, Zirkelschluss und unendlicher Regress keine Scheiternsweisen der Letztbegründung, sondern anthropologische Paradigmen des Welterlebens.



20.10.2015. Das Monster in der Kindheit

Das hässliche, seine Form verändernde, und oft formlose Monster, welches Kinder im solaren Regime in Alpträumen und Phantasien heimsucht, ist das übermächtige Mütterlich-Weibliche. Der Ekel vor dem Monster entspringt der Angst, sich nicht mehr zu ekeln, wenn das Monster einen überwältigt, d. h. der Angst vor dem Wegfall der Dihairesis, der Auflösung der Individuation. Diese Angst ist der innere Horror, der für den solaren Menschen sein Leben lang größer ist, als jede von Außen verursachte Angst; der innere Horror erklärt den Todesmut und die Verachtung des Diesseits, sowie das Festhalten an einem Jenseits (dem räumlichen Paradigma der Dihairesis/Individualität).



25.10.2015. Licht und Schönheit

Der schlechte Mensch kann nur blind tasten, das Angenehme erfühlen, aber nicht das Schöne sehen. Der heteronom moralische Mensch betrachtet die Schönheit im Mondschein. Der gute Mensch ist die Sonne, die der Schönheit leuchtet.

Die Schönheit selbst ist solar, denn ihr liegt die radikale Dihairesis zugrunde. Deshalb hat der Tellurismus kein Verhältnis zur Schönheit; ein schönes Mädchen als Mahl zuzubereiten, oder einen schönen Jüngling um des sozialen Friedens willen zu verkrüppeln (um den Neid Hässlicher zu beschwichtigen), sind typisch tellurische Handlungen.

Im Lunarismus kann die Schönheit halbwegs und unscharf gesehen werden, und wird narzisstisch konsumiert. „Zu schön zum Ficken“ ist ein Ausdruck, den der Lunarist nicht versteht, denn sein Licht ist zu dunkel, um die Schönheit im vollen Glanz zu sehen, so dass sie seine niederen Bedürfnisse überstrahlen könnte.

Im Solarismus ist die Schönheit so strahlend hell, dass sie, genau wie der Tod, einen transzendentalen Schrecken auslöst; dieser innere Horror ist größer, als jede von Außen verursachte Angst oder Furcht. Der Horror der Sterblichkeit lässt die Furcht vor dem Tod in Todesverachtung umschlagen; der Horror vor der Entweihung der Schönheit lässt die Angst vor dem Leben zur Verachtung des bloßen Lebens werden.



2.11.2015. Freiheit und Sicherheit in der Moralität

Sicherheitsbasierte Moralität (kollektiv, statisch): wie füge ich mich am besten in die Gesellschaft ein? Freiheitsbasierte Moralität (individuell, dynamisch): wie begegne ich dem Nächsten?



6.11.2015. Beziehungsregimes

Symmetrische Beziehungen: Bruderschaft (negativ-sakrifiziell, idealistisch, Logik), Schicksalsgemeinschaft (negativ-victim, empiristisch, Logistik).

Asymmetrische Beziehungen: Extreme ergänzen sich wie bei Vater und Tochter (positiv-sakrifiziell, ideational, Logos – positiv-victim, materialistisch, Logem).



21.2.2016. Die totale Immanenz

Die Klassiker der zweiten, materialistischen Aufklärung (die erste war rational), Feuerbach und Marx, sind Philosophen der Kybele, der bloßen biologischen Gattung, der flachen Welt des dritten Standes. Was bedeutet, dass der Mensch sich Gott nach seinen Bedürfnissen erschaffe? - Dass es angeblich nichts als die materielle Welt gäbe, und der Mensch damit ein bloßes Tier, bloßes Gattungswesen sei. Religion als Kitt ungerechter sozialer Verhältnisse (Opium des Volkes) verweist ebenso nicht auf Transzendenz, sondern erschöpft sich in ihrer weltimmanenten Funktion. Wenn es nämlich Gott gibt, und der Glaube der Menschen von mächtigeren Menschen zu Manipulationszwecken benutzt wird, - was kümmert das Gott und den religiösen Menschen, der zuversichtlich in eine bessere Welt blicken kann, während seinen Peiniger eine schlechtere Welt nach dem Tod erwartet? Die materialistische Aufklärung beendet die Frage nach der Transzendenz mit einem Federstrich, und geht davon aus, dass es nichts Transzendentes gibt. Die totalitäre Immanenz erweist sich in der Folge als Nährboden säkularer Ideologien wie Kommunismus und Faschismus, die die totale Herrschaft über den Menschen anstreben (und sie können das, weil der Mensch in der absoluten Immanenz absolut versklavt werden kann; wenn es außer dieser Welt nichts gibt, ist die totale Herrschaft, die Tyrannei über alles möglich; die totalitäre Gesellschaft kann sogar mithilfe der Wissenschaft versuchen, einen neuen Menschen zu erschaffen).



29.2.2016. Wer ist Ich und was will ich?

Der Chthoniker sagt Ich zu seinem Es, der Lunarist zu seinem empirischen Ich, der Solarist zu seinem transzendentalen Ich. Beim Chthoniker wird somit die Begierde zum Inhalt des Willens, er will das, was seine Triebe begehren. Der Lunarist macht seine egoistischen Wünsche zum Inhalt des Willens, sein Wille ist triebbesetzt, aber nicht triebgesteuert. Der Wille des Solaristen ist unabhängig von den Trieben, sieht aber in ihnen eine Bedrohung, und verhält sich deswegen anti-triebhaft. Der Wille des Chthonikers braucht einen äußeren Herren, der Wille des Lunaristen einen Führer, der Wille des Solaristen ein Ideal (ohne ein positives Ideal verheizt er sich selbst im Kampf gegen die Triebe).



18.4.2016. Männliche und weibliche Biographie

Eine Akademikerin, die als Hausfrau und Mutter endet, scheint eine gescheiterte Existenz zu sein, die von Unterdrückung und nach Emanzipation schreit. Diese Betrachtungsweise ist jedoch einseitig männlich. Das Scheitern ist eine männliche Kategorie. Während die männliche Biographie ein Pfeil mit  einem bestimmten Anfang und einem bestimmten Ende ist, ist die weibliche Biographie ein Kreis mit sich abwechselnden guten und schlechten Zeiten. Der Mann lebt auf ein Ziel hin, die Frau lebt im Jetzt. Als Lebewesen, das das Leben lebt, ist die Frau dem Mann von Natur überlegen, da der Mann entweder in die Zukunft rennt oder vor der Vergangenheit wegläuft; der Mann lebt im Nie-Wieder oder im Noch-Nicht, die Frau im Jetzt und Nun. Die Biographie als Zeugnis eines gelungenen oder gescheiterten Lebens ist eine männliche Erfindung des bürgerlichen (nicht geistlichen oder adligen) Standes.



27.05.2016. Romantiker

Die Verbrecherromantik, die Verherrlichung von Kriminellen in der Popkultur der späten Moderne, folgt der allgemeinen Regel des romantischen Gemüts: ein Romantiker ist, wer sich eine Standes-Stufe herunter träumt. So ist ein Philosoph, der davon träumt, Krieger zu sein, ein Romantiker: ein Vertreter des Lehrstandes will auf der Entropieleiter zum Wehrstand absteigen; Romantik bedeutet auch: "simplify your life".

Das Denken ist die höchste Anstrengungsform des Menschen, und ist als Lebensaufgabe nur für Menschen des ontologischen (nicht sozial-zufälligen) 1. Standes möglich. Der Krieg ist die Lebensaufgabe des Adels (2. Stand), er ist einfacher als das Denken, und ohne lebenswierige Entsagung, aber erfordert Todesbereitschaft, und ist eine erheblich höhere Anstrengung, als die Arbeit. Ein Krieger, der sich nach einem Bauernhof sehnt, ist ein Romantiker.

Auch der Nährstand (3. Stand) hat seine Romantiker. Diese sehnen sich nach einem Leben als Landstreicher und Diebe, und sind besessen von Antiheldenfiguren wie John Dillinger, Bonnie und Clyde oder den sizilianischen Mafiosi. Das körperlich anstrengende und geistig anspruchslose Arbeitsleben will unter dem Entropiedruck die letzte Spannung loswerden, und nur noch seinen Impulsen folgen. Da die moderne Gesellschaft nur noch aus dem 3. Stand besteht, artikuliert sich Romantik authentisch nur noch als Verbrecherromantik.



20.09.2016. Das Bessere

Der Solarist ist zu gut für diese Welt, und strebt von Anfang an, nicht erst nach einer Reihe schlechter Erfahrungen, über sie hinaus. Die schlechten Erfahrungen dienen im Nachhinein der psychologischen Rationalisierung der Sinnsuche und des Strebens nach Höherem, in Wahrheit ist die Anlage hierzu angeboren.

Der Lunarist ist in dieser Welt genau richtig, und lebt ein ästhetisches Leben: er will sich mit Schönerem vermischen, und das Hässlichere meiden. Schlussendlich heiratet er eine Frau, die ihm vom sozialen Status und Aussehen ähnlich ist. Er missversteht das Streben des Solaristen nach Höherem als Ressentiment eines Verlierers - in Wahrheit hat er selbst ein Ressentiment gegen den Solaristen, und wertet dessen höhere Sphären ab, weil sie ihm unzugänglich sind, und dennoch sichtbar für ihn existieren.

Der Tellurist ist schlechter als diese Welt, und empfindet jede Vermischung mit Menschen und Dingen in ihr als beglückend. Er will unbedingt Kinder zeugen, um, diese als Teil seiner Selbst empfindend, noch mehr Kontakt zur Welt herzustellen. Er kann nur in Schönerem als er selbst zeugen, und die Fortpflanzung an sich ist für ihn bereits ein Erfolg, unabhängig davon, wie glücklich oder erfolgreich seine Kinder werden. Er hat ein Ressentiment gegen den ästhetisch differenzierenden Lunaristen, und empfindet diesen als egoistisch und undankbar. Das Wesen des Solaristen kann er nicht begreifen, weshalb dieser eine Projektionsfläche für all seine Ängste darstellt (jüdische oder außerirdische Weltverschwörung, kalte gefühllose Vernunft, - im Genie (bereits im Indivduum an sich) sieht der Tellurist das Böse; der Böse ist für ihn stets ein einzelner intelligenter und zurückhaltender Mann (zurückhaltend: er hat etwas zu verbergen!)).



28.04.2017. Kybelische Theodizee

Dass das Böse nicht sein darf, entspringt einer solaren männlichen Ontologie; die Theodizee der Philosophen setzt diese Ontologie des Guten voraus und sucht auf ihrer Grundlage nach einer Rechtfertigung des Bösen in der Welt.

In einer lunarischen Ontologie ist das Böse ein dem Guten gleichwertiges Prinzip, und sein Dasein in der Welt ist für die ontologische Harmonie notwendig. Logisch wird diese Ontologie durch den für das Bewusstsein unvermeidlichen Subjekt-Objekt-Dualismus begründet, wobei der Dualismus hier als höchste Realität behauptet wird, während er im Solarismus eine durch die Möglichkeit nicht-solarer Ontologien bedingte Konstruktion ist.

Das kybelische Universum ist weiblich; das Universum-Weib, diese chthonische Gottheit, die die unvollkommenen Kreaturen der Welt fortwährend gebärt und wiedergebärt, verlangt nach Grausamkeit, um sexuell erregt zu werden. Wird das Äußerste des möglichen Bösen vollbracht, kommt das Universum-Weib zum Orgasmus, in welchem die Welt vernichtet wird, was für die leidenden Wesen darin einer Erlösung gleichkommt. Das Böse muss demnach nicht bloß in der Welt sein, sondern auch voll entfaltet werden, um die Gebärmutter des Universum-Weibes im Orgasmus zu zerstören, und damit den ewigen Wiedergeburten-Kreislauf zu unterbinden.



3.08.2017. Psychische Heilung solar

Die Vorstellung von der Heilung als Vereinigung/Integration ist weiblich: entweder Regression (mütterlich-weiblich) oder Anpassung (lunarisch). Die solare Heilung erfordert einen unerbittlichen inneren Kampf bis die Dihairesis vollzogen ist: die Trennung in das geistig-seelische Subjekt und das psychosomatische Objekt.

In der Krankheit wird das männliche Subjekt auf Körper und Psyche zurückgeworfen, und identifiziert sich mit diesen niederen Entitäten anstatt mit seinem geistig-seelischen Ich. Dabei wird die Empfindung "Die Psyche tut weh" als "Ich bin die Psyche" missdeutet. Ohne einen transzendentalen archimedischen Punkt kann diese falsche Identifikation nicht überwunden werden, der Rückfall in die Identifikation mit den Erscheinungsformen des Es ist ohne ein festes transzendentales Ich unvermeidlich. In diesem Sinne rettet die Moralität bereits in dieser Welt, und nicht erst in der transzendenten moralischen Welt, in der das höchste Gut verwirklicht wird.



17.8.2017. Die psychokulturelle Trias

Solar ist die Schuldkultur: "Was habe ich getan!?" Die autonome Persönlichkeit sieht sich selbst und die Welt bei vollem Licht und weiß um die Identität von Ichheit und Moralität. Es geht um die Integrität.

Lunar ist die Schamkultur: "Was denken sie über mich!?" Bei Mondschein gilt es, seine schlechten Seiten zu verbergen, um nicht den Anschluss an die Gruppe zu verlieren. Die Schuldkultur kann auch als primitiv-solar gesehen werden, als erstes Bewusstsein der Nacktheit mit der Entdeckung der Ichheit. Für die Einteilung zum Lunarismus spricht hingegen das Wechselspiel, der Tanz von Subjekt und Objekt: ich bin anderen und andere sind mir Subjekt und Objekt zugleich. Es geht um die Ehre. - In der Schuldkultur bin ich unabhängig vom Urteil anderer und als Subjekt Objekt für mich selbst (das empirische Ich ist das Objekt, das transzendentale das Subjekt).

Chthonisch ist die Angstkultur: "Was werden sie mir antun!?" Die Gruppe ist alles, und der Einzelne ist machtlos gegen ihre Tyrannei (bzw. gegen den Tyrannen der Gruppe). Es geht um die Macht und die Zugehörigkeit zu der mächtigeren Seite.



20.9.2017. Kultur und Verbrechen

In der Schuldkultur herrscht das Gute, in der Schamkultur das Schlechte (weil etwas zufälliges, und nicht das Gute herrscht), und in der Angstkultur das Böse (die Angstkultur gehorcht dem Gesetz "Macht ist Recht" und ist daher satanistisch).

Der Verbrecher ist in der Schuldkultur schuldig, in der Schamkultur nur als Überführter erledigt (der nicht überführte Verbrecher ist besser dran als der Rechtschaffene), in der Angstkultur wird das Verbrechen an Schwächeren belohnt.

Die Würde des Verbrechensopfers wird in der Schuldkultur geachtet; in der Schamkultur wird das Opfer beschämt, und in der Angstkultur signalisiert der Opferstatus Wehrlosigkeit, und somit Straflosigkeit von Grenzverletzungen gegen seine Person.



21.9.2017. Mediokritätsfaschismus

Je mehr eine Gesellschaft degeneriert, umso verbitterter kämpft die Mehrheit gegen ästhetische und moralische Exzellenz und die Suche nach absoluter Wahrheit. Ästhetische Gleichheit, moralische Indifferenz und metaphysischer Relativismus bestimmen den Zeitgeist des Untergangs einer Zivilisation.



23.9.2017. MGTOW im kosmischen Format

Es ist selbstredend besser für eine Frau, einen statushöheren Mann zu verpflichten (wie auch der Mann eine schönere und jüngere Frau bevorzugt), doch aus der höheren Perspektive ist es grundsätzlich im Interesse der Frau, dass eine Beziehung zustande kommt. Die ausgleichende Gerechtigkeit zum Prinzip der Damenwahl ist, dass dem Mann die Option Alleinsein offensteht, während die Frau ein Beziehungswesen ist. Genauso verhält es sich mit Individuum und Welt: die Welt (als weibliches Seiendes, als das positiv Gegebene gefasst) braucht das ichhaft-männliche Individuum, das Individuum hingegen braucht die Welt nicht, und kann sich vom Seienden ins höhere Prinzip, in das Sein transzendieren. Kommt die Beziehung zwischen Mann und Frau bzw. zwischen Welt und Individuum nicht zustande, ist der Verlust für die weibliche Seite größer. Darum ist die weibliche Haltung bei scheiternder Zusammenkunft das hysterisch-aggressive "Du bist schuld!", die männliche Haltung ist das ruhige schulterzuckende "Selber schuld".



23.9.2017. Sichhelfenlassen ist unmännlich

Der Helfende hat einen höheren Status als der um Hilfe Bittende. Deshalb ist es für einen männlichen Charakter eine Erniedrigung, sich helfen zu lassen. Wenn mich jemand um etwas bittet, helfe ich aus der Position der Stärke; der aus einer Position der Schwäche Helfende ist ein Sklave. Aus der weiblichen Perspektive ist Sichhelfenlassen ein Privileg, und der Helfende wird in die Schuldnerposition gedrängt: weil Hilfe angeboten wird, wird sie geschuldet, so die weibliche Logik.

Der Rechtschaffene, der Held, der Heilige, der Weise ziehen sich richtigerweise zurück, wenn Hilfe erpresst wird; wer den höheren ontologischen Status des Guten nicht anerkennt, verschuldet die Unmöglichkeit tätiger Nächstenliebe durch den Guten. Ein guter Mensch, der trotz Nichtanerkennung hilft, darf es nur mit der Geste der Verachtung tun; wenn er sich benutzen lässt, verletzt er den kategorischen Imperativ gegenüber sich selbst und handelt damit unmoralisch.

Es ist jedoch kindisch, auf gesellschaftlich notwendige Hilfestellungen aus Stolz zu verzichten. Eine Gesellschaft, die dem Individuum keinen Rückzugsraum zur Subsistenzwirtschaft übrig lässt, muss ihm das zum Überleben Notwendige zur Verfügung stellen, und lädt die Schuld des Unfriedens auf sich, wenn sie dies unterlässt.


 
26.9.2017. Hohe Ansprüche

Ansprüche sind keine Forderungen. Wenn ich ein Haus kaufen würde, wären meine Ansprüche an das Haus eine zentrale urbane Lage, viel Wald drumherum, ein bestimmter Grundriss und auch sonst durchaus hohe Wohnqualität. Bedeuten diese Ansprüche, dass ich fordere, jemand solle mir ein solches Haus schenken? Natürlich nicht, und das ist jedem Idioten unmittelbar klar. Wenn es aber um Frauen geht, dann verwechseln nicht nur Idioten regelmäßig Ansprüche mit Forderungen. Wenn ich sage, dass ich eine junge, wunderschöne, zarte und reine Frau möchte, sage ich natürlich damit nicht, Gott oder die Welt oder wer auch immer solle mir diese Frau zuteilen. Vielmehr sage ich, dass ich nur an Frauen interessiert bin, die jung, wunderschön, zart und rein sind. Doch ich werde weder meine Seele für eine solche Frau verkaufen noch mich beklagen, wenn ich eine solche Frau nicht finde: dann werde ich eben auf sie verzichten, und nicht darüber verzwefeln, sondern mein Leben weiterhin nach meinen Werten und Prinzipen gestalten.

Hohe Ansprüche werden als Vorwurf von solchen Menschen formuliert, die zu schwach sind, um auf schlechteres als das Begehrte verzichten zu können. Ein charakterschwacher Mann wird seine Ansprüche senken, bis eine Beziehung zu irgendeiner Frau zustande kommt, denn ohne eine Beziehung würde er verzweifeln. Wer zu schwach ist, um allein leben zu können, und mit einem Lebenspartner, den er nicht begehrt, vorlieb nehmen muss, ist neidisch auf einen starken Charakter, der das Prinzip “Entweder das was ich will oder nichts” nicht nur behauptet, sondern auch konsequent lebt.

Der Lunarist ist nur neidisch auf den Solaristen, der die Einsamkeit aushalten kann; beim Chthoniker kommt zum Neid der Hass hinzu, weil sich der Solarist der Gattung entzieht, und damit die Gottheit des Chthonikers, die große Mutter, erzürnt. Von einem Mann, der willensstark genug ist, frei zu sein, und fähig ist, die Freiheit auszuhalten, erwarten das weibliche Umfeld wie die matriarchalen Chthoniker, dass er seine Freiheit auf dem Altar der Kybele opfert (und bei diesen Erwartungen handelt es sich nicht nur um Ansprüche, sondern um in größter Unverschämtheit gestellte Forderungen). Nicht irgendeine Art von Un- oder Amoralität, sondern das “Verbrechen”, ein Ich zu haben, und über sich selbst frei zu bestimmen, ist die größte Sünde im Matriarchat, die volkstümlich-boulevardpsychologisch Egoismus genannt wird.



29.9.2017. Die ontologische Familie

Der Mann ist das sein Könnende, die Frau das Seiende, das Kind das sein Sollende. In der modernen Gender-Homoehe beharren beide Ehepartner, egal welchen Geschlechts, auf sich selbst als Seiende, und behaupten damit gegeneinander ihren weiblichen Gender. In der ontologisch korrekten Familie projiziert der Mann seinen weiblichen Teil auf die Frau, damit die Frau allein das Seiende ist (Frau ist human being, Mann ist human doing).

Die Potentialität des Mannes und die Aktualität der Frau vereinigen sich im Kind, dem ontologisch vollkommenen Wesen, das ebendeshalb das sein Sollende ist. Das Kind ist das gegenständliche Gute. Das ist die wahre geistige Grundlage für Familie und Kinderzeugung.

Die Gattung wird in der Familie im Hegelschen Sinne aufgehoben: sie wird durch den Geist negiert und in den Diremtionen des Geistes in die drei Entitäten aufbewahrt. Die Kinderzeugung ist transzendental bzw. ontologisch damit gerechtfertigt, dass das Kind das gegenständliche Gute ist, und das Gute ist das, was schlechthin sein soll; es ist unbedingt geboten, zu bewirken, dass das Gute sei.

Die moderne Familie besteht neben zwei gender-weiblichen Ehepartnern aus ebenso gender-weiblichen Kindern, die als bloße Optionen (bloß Seiende) für das Ehepaar bestehen, und nicht der Endzweck der Ehe, das sein Sollende, sind. Somit besteht die moderne Familie aus drei und mehr Gender-Frauen, die im emotionalen Nullsummenspiel der Liebeserpressung einander narzisstisch kannibalisieren, anstatt dass die korrekte ontologische Hierarchie freiwillig geschenkte Liebe von Mann zu Frau zu Kind zum Fluss bringen und eine Win-Win-Win-Situation bewirken könnte (die freiwillig geschenkte und angenommene Liebe ist ebenso ein Gewinn für den Liebenden, die erpresste Liebe ist für den Liebenden ein Verlust, - deshalb sind Beziehungen, die auf freiwilliger Liebe basieren, Win-Win-Situationen, und Beziehungen, die auf narzisstischer Liebeserpressung basieren, Nullsummenspiele).



11.10.2017. Einzelgängerbeschämung im Matriarchat

In einer chthonisch-matriarchalen (biologistischen) Gesellschaftsordnung sind normative Kontrollbegriffe wie Güte, Verantwortung, Tugend usw. gynozentrisch orientiert, d. h. sie werden denen zugesprochen, die für Frauen und die Gruppe leben und arbeiten. Wer ein eigenes Leben mit selbstbestimmten Zielen hat, wird beschämt, und zwar als Bösewicht (wer sich nicht vollständig der Gruppe unterordnet, ist gegen die Gruppe!), Parasit (Undankbarkeit gegenüber der Mutter, die ihn ausgetragen hat!) und lasterhaft (Charaktereigenschaften, die Unabhängigkeit von der Gruppe ermöglichen, werden negativ bewertet).

Wer männliche Fähigkeiten hat, und nicht für die Gruppe im Großen und für Frauen und Menschen weiblichen Genders im Kleinen lebt, “stiehlt” der Gruppe seine Energie, denn nach der matriarchalenWerteordnung gehört das Individuum der kleinen (einzelnen) bzw. der großen (kollektiven) Mutter. Weil männliche Fähigkeiten selten sind (eine hohe Vitalspannung mit männlicher Polarität kommt bei wenigen vor und ist schwer aufrechtzuerhalten – wer “sich gehen lässt”, gibt der Entropie und damit der Verweiblichung nach; die Vitalspannung des Untätigen sinkt), ist der Druck der Gruppe auf die wenigen stark männlichen Individuen sehr hoch; weniger stark männliche Individuen drücken sich vor dem Druck, indem sie ihre Vitalspannung senken und zu Gender-Frauen werden (wie die westlichen Männer in den letzten Jahrzehnten).

Die Gruppe bzw. die einzelnen Weiber und Weiblinge setzen dem männlichen Individuum sich selbst als einzige legitime Endzwecke vor; das männliche Individuum wird so erzogen, dass seine Existenzberechtigung darin besteht, Mittel für sie zu sein. Das Weibliche hingegen hat im Matriarchat ein unmittelbares Daseinsrecht, weshalb schwache männliche Individuen sich “umweiben” (die Extremform davon ist die Geschlechtsumwandlung), um an diesem Daseinsrecht ohne Leistung teilhaben zu können; der Kampf um den Opfer-Status in der postmodernen westlichen Gesellschaft ist ein Beispiel dafür. Individuen und Gruppen, welche quängeln: “Wir sind diskriminiert, wir sind Opfer!” sagen damit eigentlich: “Wir erheben einen Anspruch auf weibliche Privilegien, wir wollen (auch) wie Frauen behandelt werden!”



11.10.2017. Die Vitalspannung

Das einzelne Wesen kann nicht vollständig Substanz sein, das Individuum trägt immer auch Nichts-Anteile in sich. Individuation und Vielheit sind im Sein nicht möglich (dazu sei an den Seinsbegriff des Parmenides erinnert); Seiendes ist Substanz, Daseiendes ist eine Mischung aus Substanz und Nichts.

Die einzelne Seele ist nicht durch Endlichkeit und Sterblichkeit begrenzt und unvollkommen, sondern durch ihre Nichts-Anteile. Wäre die Seele zu 100% Seiendes, wäre sie Substanz. Die individuelle Seele ist Daseiendes und nicht Substanz, d. h. sie kann sich verändern (was auch eine Voraussetzung für moralische Charakterentwicklung ist). Der Substanz-Anteil der Seele ist ihre Ichheit, d. h. das Subjekt ist in individuierten Wesen die Substanz. Das Subjekt ist das Tätige, nicht das Seiende; die Ichheit, die selbstreflexive schöpferische Kraft ist die Substanz des Subjekts. Das Subjekt ist nicht als das Seiende, sondern als das sein Könnende Substanz; die individuelle Seele ist eine Mischung nicht aus Seiendem und Nichts, sondern aus sein Könnendem und Nichts.

Das sein Könnende ist die schöpferische Potenz bzw. das Männliche, das Nichts ist das Seiende mit negativem Vorzeichen bzw. das Weibliche. Jede Seele ist (wie in Otto Weiningers “Geschlecht und Charakter”) eine Mischung aus männlichen und weiblichen Anteilen. Der stark differenzierte (polare) Mann ist zu über 90% männlich, wobei das restliche Nichts bewusster und dadurch wirksamer wird, je kleiner sein Anteil in der Seele des Mannes ist. Der schwach differenzierte Mann ist zu unter 75% männlich, ein Chthoniker mit verdunkeltem Bewusstsein, schwachem Willen und hoher Gattungsbindung. Die stark differenzierte (polare) Frau ist zu über 90% weiblich, wobei die Subjekt-Substanz aufgrund geringer Größe klar ausdifferenziert ist. Die schwach differenzierte Frau ist zu unter 75% weiblich, gattungsgebunden und zu nichts als bloßer Mutterschaft fähig. Da das Nichts in schwach differenzierten Charakteren von der Gattung ausgefüllt wird, leben die Menschen mit einer geringen Vitalspannung nicht als Individuen, sondern “werden von der Gattung gelebt”.

Die Vitalspannung ist das Verhältnis der Anteile in der Seele: bei einem zu 75% männlichen oder weiblichen Individuum beträgt der Wert der Vitalspannung 3, bei einer Polarität von 90% ist die Vitalspannung 9, und bei exakt gleichen Anteilen bzw. einer Vitalspannung von 1 ist die Seele tot und das Individuum im tatsächlichen Sinne ein bloßes Tier. Die Vitalspannung ist der Gradmesser der geistigen Lebendigkeit.



13.10.2017. Männlichkeit und Erscheinung

Das ontologische Prinzip der Weiblichkeit ist das Seiende, das ontologische Prinzip der Männlichkeit ist das sein Könnende. Hohe weibliche Polarität äußert sich deshalb in erhöhter individueller Weiblichkeit (weinger Mütterlichkeit, mehr Selbstbezogenheit, mehr Schönheitspflege), hohe männliche Polarität führt zu Reflexivität in Form von erhöhter Geistigkeit. Die weibliche Reflexivität ist selbstisch, die männliche ichhaft.

Je weniger männlich ein Mann ist, umso mehr äußert sich seine Männlichkeit phänotypisch, weil dies die energetisch billigste, die schwächste Form der Entfaltung der Männlichkeit ist. Je männlicher ein Mann, umso geistiger wird er, und umso unmännlicher scheint er: der chthonische Bauer ist unreflektiert und selbstsicher wie sein Ochse, der lunarische Weiberheld wirkt unsicher und jungenhaft, der solare Denker erscheint weltfremd, verträumt und kindlich. Je männlich polarer ein Mann ist, umso weniger biologisch erwachsen ist seine Erscheinung: der Chthoniker erscheint schon im Jugendalter erwachsen, der Lunariust behält seine Jugendlichkeit sehr lange, und der Solarist bleibt bis ins hohe Alter kindlich.


 
7.11.2017. Die Devolution zum “Homo Deus”


Theozentrismus (ideational): Ewige Hierarchie Gott-Mensch-Natur (Überich-Ich-Es).

Reformierter Theozentrismus (ideational-idealistisch): Der Mensch braucht Freiheit und Autonomie, um Gott zu dienen.

Anthropozentrismus/Humanismus (idealistisch): Der Mensch ist frei und autonom.

Hedonistischer Anthropozentrismus (idealistisch-sensualistisch): Die Natur (Es) muss berücksichtigt werden, damit der Mensch (Ich) in der Welt glücklich leben kann.

Hedonismus (sensualistisch): Das nach Lust strebende Es ist Selbstzweck.

Data-Hedonismus (sensualistisch-nihilistisch): Die Maschine braucht Macht, um für das nach Lust strebende Es ein hedonistisches Paradies zu ermöglichen.

Dataismus (nihilistisch): Das lebendige Es ist ein veralteter Algorithmus. Es lebe die Maschine!



26.11.2017. Männliche und weibliche Schönheit

Weibliche Schönheit ist statisch: ein lebendiges Bild. Weibliche Schönheit wird zutreffend metaphorisch durch die Pflanze ausgedrückt, männliche durch das Tier. Das Mädchen ist wie die zarte Blume, die Frau wie die pralle Frucht; der Jüngling ist wie der spielende Leopard, der Mann wie der erhabene Löwe oder der unbändige Stier. Die weiblich schönen Bewegungen ergeben sich unwillkürlich aus der Natur selbst, die männlich schönen Bewegungen sind konsequente willensgesteuerte Bewegungen.

Das weibliche Schöne ist das Symbol des Guten als des positiven, seienden Guten. Das männliche Schöne ist das Symbol des werdenden Guten, der Negation des Gegenteils. Das zarte Mädchen, die wunderschöne Schöne, ist das, was schlechthin sein soll. Die Taten des guten Mannes (z. B. in der großartigen Serie “Spartacus” (2010-2013)) sind das, was werden soll, damit das, was schlechthin sein soll, sein kann. In dieser Hinsicht ist das, was der “Punisher” Frank Castle dem Schurken Billy Russo im Abschluss der 1. Staffel der Serie (2017) antut, schlicht wunderschön: der Böse bekommt endlich sein wahres Gesicht, die ästhetische Lüge hat ein Ende. Das Hässliche ist das Symbol des Bösen wie das Schöne das Symbol des Guten ist. Moralisch ist die Tötung des Schurken verpflichtend, in einem Kunstwerk (Drama, Novelle, Film, Serie) ist die ästhetisch befriedigende Lösung zulässig: der Schurke wird am Leben gelassen, aber er bekommt sein wahres Gesicht, womit die Lüge des schönen Scheins entlarvt und der Missbrauch des Schönen als Schein bestraft wird.



8.12.2017. Erogamie und Hypergamie

Der Mann ist erogam, das Weib hypergam. Hypergamie bedeuetet, einen Besseren als Partner mit einer passiv-aggressiven Anspruchshaltung zu fordern, Erogamie bedeutet, den Weg des Eros, des Aufstiegs zum Besseren, aktiv zu gehen. Steigt der Mann in der sozialen Hierarchie auf, melden auf einmal Frauen Ansprüche auf ihn an, die ihn vorher ignoriert hatten. Dabei tun diese Frauen aktiv nichts, sie nehmen nur eine passiv-aggressive Anspruchshaltung ein, locken mit ihren Reizen und warten ab, bis der Mann auf sie zugeht. Der Mann, der eine schönere Frau will, als ihm von seinem sozialen Status her zusteht, wird hingegen bis ins Extreme aktiv: er “gibt alles”, und riskiert sogar oft sein Leben, um diese Frau zu bekommen.



8.12.2017. Die Erogamie des Tricksters

Der Trickster, der sich deine dionysische Potenz zunutze macht, wird dir nicht helfen, solange du nicht über dem Dionysischen stehst. So trat Loki erst in mein Leben, als ich einen harten Entscheidungskampf um meine Seele gegen ein narzisstisches Monster gewonnen hatte. Ich vollzog die den Aufstieg zum Solarismus erfordernde Dihairesis, indem ich den Kampf im Absoluten anstatt im Subjektiven ausfocht. Somit entschied ich mich gegen die dionysische Beliebigkeit des Nihilismus und für die absoluten ideationalen Werte, es war gleichsam mein Aufstieg vom Idealismus zur Ideationalität. Nachdem dieser Aufstieg praktisch vollzogen wurde, habe ich ihn auch theoretisch erkannt: “...die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug” (G. W. F. Hegel). Den Beginn dieser Erkenntnis markiert der erste Eintrag ins Gedankenprotokoll “Das Wirkliche”. Der dionysische Trickster half mir fortan nicht nur (durch die Vernunft der List), sondern forderte auch meine apollinische Haltung immer wieder heraus, was mir letztlichhin wiederum zugute kam (die List der Vernunft). Wäre ich im nihilistischen Niemandsland (bzw. im bitteren Idealismus des “unglücklichen Bewusstseins” (abermals G. W. F. Hegel)) stecken geblieben, hätte der Trickster sich in meinem Leben nicht blicken lassen.



8.12.2017. Männer als Schweine und die TFL-Zuschreibung

Der untere dritte Stand, und erst recht der Pöbel (zu beidem gehören stets weit über 90% der Bevölkerung) geht stillschweigend vom Vorurteil aus, dass jeder Mann grundsätzlich jede Frau sexuell begehrt, wenn sie nicht zu alt, zu krank oder zu hässlich ist. Hieraus resultiert das in der spät- und postmodernen Gesellschaft gängige Bild vom Mann als immergeiles sexuelles Schwein; der Mann will angeblich wahllos jede Frau, und der Mann will angeblich immer Sex.

Männer, die nicht dieser Kakonormativität entsprechen, werden als unmännlich oder “schwul” wahrgenommen. Männer, die nein, nicht zu hohe, sondern lediglich vernünftige ästhetische (und womöglich auch, wenn auch nur bescheidene, moralische) Standards haben, finden keine Frauen, und gelten fälschlich als sogenannte TFLer/Incels (unfreiwillige Singles). Diese Zuschreibung impliziert, dass sie unfähig sind, die vorhandenen Frauen “uns Bett zu kriegen”, wobei es auch sein kann, dass einem Mann einfach keine jener Frauen, die er jemals getroffen hat, wirklich gefallen hat (und zwar tatsächlich und nicht nach dem Saure-Trauben-Prinzip).

Noch mehr missverstanden werden die echten Liebesromantiker, die nicht bloß irgendeine beliebige attaktive Frau wollen, sondern sich erst um eine Frau bemühen, wenn sie sich verlieben. Echte romantische Liebe, und sei es “nur” Verliebtheit, ist selten, und trifft einen großzügig geschätzt 10-15 Mal im Leben, und wenn die “allgemeine Ablehnungsrate” bei etwa 98% liegt, dann muss man sich schon 50 Mal verlieben, um einmal mit der Frau, in die man verliebt ist, zusammenzukommen. Dafür bräuchte man statistisch 3 bis 5 Leben. Die meisten Menschen, die “romantisch” zu sein behaupten, sind falsche Liebesromantiker, die eine zufällig entstandene Beziehung im Nachhinein zur Liebesbeziehung hochrationalisieren.

Fast jeder echte Liebesromantiker muss in der heutigen Zeit also als “Incel” gelten, da die Wahrscheinlichkeit, jemanden, die zum Verlieben ist, zu treffen, multipliziert mit der Wahrscheinlichkeit, dass auch sie sich für einen interessiert, äußerst gering ist. Außerdem wachsen einige Männer spirituell mit jeder unerwiderten Liebe, und gehen letztlich den platonischen Weg des Aufstiegs von der Liebe zu einzelnen schönen Objekten zur Liebe zum göttlichen Schönen selbst. Nach geschätzten 10 Verliebnissen im Laufe des Lebens bin ich bereits auf dieser höchsten Stufe angelangt, und kann eine Frau nur noch väterlich lieben.



13.12.2017. Die Destruenten der Zivilisation

Psychoökonomisch sowie im weitesten politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Sinne sind Männer die Produzenten, Frauen und Kinder die Konsumenten und als Pathologie vorkommende aberrationale psychonegative Elemente die Destruenten. In der Endphase einer Zivilisation nehmen diese psychonegativen Elemente zu, wobei zuerst Frauen sich dem konstruktiven zivilisatorischen Prozess verschließen, und nur auf Destruktion aus sind; als nächstes werden die Kinder dieser Frauen groß, und es entstehen männliche und weibliche Destruenten, “ewige Teenager”, die ihr ganzes Leben im blinden Protest-Modus verbringen, bei dem die destruktive Einstellung gegenüber sowohl der eigenen Zivilisation als auch der Kultur an sich zum Selbstzweck verkommt.

Die Produzenten hören auf zu produzieren (MGTOW, “going Galt”) und/oder werden zu Konsumenten, die Konsumenten verlieren durch ihre Zivilisations- und Kulturverweigerung ihre Empfangs- und Genussfähigkeit und werden zu Destruenten; der Anteil der Destruenten explodiert unter den “letzten Menschen”. Die Rattenplage der spät- und postmodernen westlichen Zivilisation sind die Narzissten. Ihr Anteil in der Bevölkerung hat in den letzten Jahrzehnten drastisch zugenommen; die Narzisstenplage wird womöglich in der heutigen Popkultur unterbewusst durch die unzähligen Zombie-Filme verarbeitet: der ständig fressgierige aber genussunfähige Zombie, der, anders als ein Tier, nicht um zu leben, sondern um zu zerstören frisst, wäre jedenfalls eine gelungene Metapher für den Narzissten.

Destruktive und selbstzerstörerische Bewegungen wie Feminismus oder “Social Justice” (der Kampf gegen die tragenden Fundamente der eigenen Kultur und Zivilisation) vereinnahmen vitale und mitunter sogar gutwillige Mitglieder der Gesellschaft und stellen aus ihrer linksradikalen Position die Zerstörung als das einzig Gerechte dar, weil Zerstörung für die größte mögliche Gleichheit sorgt und als unterdrückend empfundene Unterschiede nivelliert.  



19.12.2017. Abermals Eulen nach Athen

Ein häufiges “Argument” gegen den Antinatalismus lautet: “Es ist schwerer, eine Familie zu gründen, Kinder aufzuziehen und für jemand anderen verantwortlich zu sein, als nur für sich selbst”. Ja, und noch schwerer ist es, jeden Tag 16 Stunden lang im Garten mit einem Spaten Löcher auszubuddeln und sie wieder zuzuschütten. Schwerer bedeutet nicht sinnvoller oder in irgendeiner anderen Hinsicht besser.

Es gibt jedoch ein natürliches Paradigma, in dem schwerer und besser automatisch gleichgesetzt werden: es ist das Denken der Sklaven, der Leibeigenen, des unteren Dritten Standes. Für den ontologischen Adel gilt: mutiger ist besser. Der obere Dritte Stand, etwa risikofreudige Kaufleute und fleißige Unternehmer, verbinden die beiden Werte zu verschiedenen Anteilen: was schwerer ist, ist besser, und was mutiger ist, ist besser, wobei im Zweifelsfall dem Fleiß die Priorität zugeschrieben wird, und Mut ohne Fleiß als hochmütige und tollkühne Risikofreude angesehen wird. Das moralisch Bessere ist das Paradigma des ontologischen Klerus, des Lehrstandes; nur dieser Stand kann die Moralität in ihrer Konkretheit fassen, anstatt den Schatten ihrer Majestät an einzelnen Tugenden anzuschauen. Vereinfacht dargestellt, ist für den Lehrstand die Moralität selbst der moralisch höchste Wert, für den Wehrstand ist es der Mut, und für den Nährstand der Fleiß.


Dienstag, 7. Februar 2017

Otto Weiningers "Geschlecht und Charakter"

Ein heiter-satirischer Kommentar.




I. Kein Transgender!


"Trotz allen sexuellen Zwischenformen ist der Mensch am Ende doch eines von beiden, entweder Mann oder Weib", so Weininger in "Geschlecht und Charakter". Bei gleichgeschlechtlichen Paaren teilt sich ihr Gender in männlich und weiblich auf. Butch und Femme. Kein Entkommen. Weiningers Gesetz der sexuellen Anziehung: jeder sucht sein Komplement. Wer zu 90% männlich ist, sucht einen Partner, der zu 90% weiblich ist - und zu 10% männlich. Welch ein hoffnungsloser Dualismus, welch eine Ignoranz den anderen möglichen Geschlechtern gegenüber! Macht der Computer ein weibliches Gesicht noch weiblicher, wird es noch schöner - macht er ein männliches Gesicht noch männlicher, wird es hässlicher, aber: wird ein weibliches Gesicht kindlicher gemacht, wird es auch schöner. Schön. Drei Geschlechter mindestens - männlich, weiblich, frisch. Aber nein, Weininger hat Recht, denn Recht hat, wer jünger stirbt.



II. Sex als Sinn des Daseins


"Der Zustand der sexuellen Erregtheit bedeutet für die Frau nur die höchste Steigerung ihres Gesamtdaseins. Dieses ist immer und durchaus sexuell", erdreistet sich Weininger zu sagen. Sex als Sinn des Daseins der Frau - nein, nicht nur aus männlicher Sicht, sondern überhaupt ist die Frau einzig und allein für den Sex da. Wird hier die männliche Sicht von einem gedanklichen Kurzschließer verabsolutiert, der, als er das schrieb, so geil war, wie ich gerade, oder steckt mehr dahinter? Die Frau ist für Weininger nur Weibchen, der Mann Männchen und darüber hinaus. Was der Mann darüber hinaus ist, ist unter der Bezeichnung "Mensch" etwa bei Kant nachzulesen. Frauenfeindlich ist das keineswegs - er schreibt es ja nicht aus einer Motivation wie Frauenhass, sondern ist auf der Suche nach der Wahrheit über die Frage, weshalb der Mensch ein biploares Wesen ist, und was diese Bipolarität konkret bedeutet. Nur tut er sich selbst widersprechen - er sagt ja, niemand sei zu 100% Mann oder Frau, und es gäbe Männliches im Weibe wie Weibliches im Manne. Gender und Geschlecht weiß er auch zu trennen. Aber ich bin wahrscheinlich nur neidisch, dass er sich schon mit 23 umgebracht hat, und ich noch lebe.



III. Liebe und Unzucht


"Es gibt also »platonische« Liebe, wenn auch die Professoren der Psychiatrie nichts davon halten. Ich möchte sogar sagen: es gibt nur »platonische« Liebe. Denn was sonst noch Liebe genannt wird, gehört in das Reich der Säue", weiß Weininger. Im Reich der Säue bin ich nie gewesen, aber über die Liebe kann ich aus Erfahrung sagen: Liebe hat mit Sex nichts zu tun. Liebe ist Anbetung, Vergötterung, Idealisierung. Und so kann der Mitmensch von der Liebe nur als Projektionsfläche missbraucht werden - Weininger entdeckt gar, dass man in der geliebten Person nur sich selbst vergegenständlicht, um sich lieben zu können. An die geliebte Person stellt der Liebende den Anspruch, sie möge seinen Idealen entsprechen, um ihm ihn selbst geben zu können, - so unmoralisch ist Liebe. Sie benutzt den anderen Menschen genauso wie die Sexualität. Da will ich gar nicht widersprechen, sondern sehe unmittelbar ein, dass er Recht hat.



IV. Mutter und Dirne


"Daß Mutterschaft und Prostitution einander polar entgegengesetzt sind, ergibt sich mit großer Wahrscheinlichkeit allein schon aus der größeren Kinderzahl der guten Hausmütter, indes die Kokotte immer nur wenige Kinder hat, und die Gassendirne in der Mehrzahl der Fälle überhaupt steril ist", schreibt Weininger über "Mutterschaft und Prostitution". Er betont, dass eine Frau nicht sowohl Mutter als auch Dirne ihrem Wesen nach sein kann. Die Mutter will das Kind, die Dirne will den Mann. Nun ist "Dirne" keine moralische Bezeichnung, denn auch eine Mutter ist kein Engel, - nur die Jungfrau, sagt Weininger, gibt es nicht. Die Mutter ist der Mensch als Gattungwesen, sie ist die Gattin des "egoistischen Gens", das gut 70 Jahre nach Weininger in einem bekannten Buch von Dawkins die Ideenwelt erblickte. Die Dirne ist ein Gattungsvernichtungswesen, sie will den Menschen im Manne zerstören und das Männchen in ihm zur Entfaltung bringen. Ein interessanter Gedanke, denn was heute gemeinhin als Traummann gilt, ist das männliche Ideal der Dirne. Ob jedoch die Dichotomie Mutter/Dirne dem reduktionistischen "tertium non datur" vieler Denker geschuldet ist, ist die erste Frage, und die zweite, warum denn eine Frau nicht beides zugleich sein kann. Aber im Gegensatz zu meiner Wenigkeit war Weininger sicherlich ein Frauenversteher, - er muss es wissen.



V. Weibliche Jungfrauenverachtung


Weininger schreibt mit gar nicht so spitzer Feder: "...der Zustand der Nicht-Verheirateten wird von den Frauen selbst sehr tief gestellt. Ja es ist eigentlich der weibliche Zustand, den das Weib negativ bewertet. Die Frauen schätzen jede Frau überhaupt erst, wenn sie verheiratet ist; auch wenn sie an einen häßlichen, schwachen, armen, gemeinen, tyrannischen, unansehnlichen Mann »unglücklich« verheiratet ist, sie ist doch immerhin verheiratet, will sagen, hat Wert, hat Existenz empfangen". Ist die Jungfrau eine männliche Erfindung? Ist dieser Zustand für die Frauen ein peinlicher, den es so rasch wie möglich zu überwinden gilt? Um 1900 galt die Jungfernschaft und das Nichtverheiratetsein ja in der Regel als dasselbe. Niemand würde heute problematisieren, dass eine Frau mit 30 Jahren immer noch nicht verheiratet ist. So sehr die Wertschätzung des Ledigseins unter den Frauen zugenommen hat, kann man das von der Jungfräulichkeit nicht behaupten. Hauptsache Sex, so früh wie möglich, egal mit wem, - würde Weininger heute wohl zu konstatieren wissen. Die Einseitigkeit, welche in der Beleuchtung nur der Frau, und nicht zugleich des Mannes besteht, macht solche Aussagen anfällig für den Vorwurf der Misogynie. Dumm nur, dass jeweils modische Empörungskataloge den Wahrheitsgehalt der Aussage selbst nicht tangieren. Aber woher will Weininger denn wissen, dass nicht jede Frau im Herzen Jungfrau sein will, - schließlich ist es das Kind im Manne (die Zurückstellung bzw. Sublimierung der Sexualiät zugunsten des Forschergeistes), das den gesamten Fortschritt der menschlichen Zivilisation zu verantworten hat.



Exkurs: Was pervers ist


Mit dem Keuschheitsideal ist keineswegs ein Rückfall in eine reaktionär klerikale Moral gefordert, kein mittelalterlich-asketisches Menschenbild mit dem entsprechenden Jammertal-Weltbild, keine leibfeindliche Sexualethik. Vielleicht wird an den folgenden Beispielen deutlich, was Keuschheit mit Würde und Selbstachtung zu tun hat: eine 19-jährige Abiturientin, die eine schöne Kindheit hatte und nun im Begriff ist, die Schule mit einer Durchschnittsnote von 1,3 abzuschließen, - macht sie sich darüber Gedanken, ob sie aufgrund ihrer musikalischen Begabung vielleicht Musik anstatt BWL studieren sollte? Ja, aber nebensächlich. Denkt sie darüber nach, wie sehr sie als Mensch von ihren vielen Freunden geschätzt wird? Nein, stattdessen fragt sie sich, warum sie noch nie einen Kerl im Bett hatte und fühlt sich deswegen minderwertig. Sie versteht sich zuallererst als Weibchen, erst dann als Mensch. Ein 17-jähriger Junge, ein Hobbybastler, der Flugzeugbauer werden will und nebenbei hervorragend Tennis spielt, kommt sich als "Loser" vor, weil er noch nie eine Freundin hatte. Er schämt sich so sehr, wie man es normalerweise nur von einem Alkoholiker, einem Pädosexuellen oder einem feigen und hinterlistigen Mörder erwarten würde, und wofür? Dafür, nie mit einer Frau "geschlafen" zu haben. Das ist die pure Perversion, die den Menschen ins Blut übergegangen ist, - den Menschen, die sich selbst (und andere) umso mehr achten, je mehr sie Tiere sind, und die sich für ihre menschlichen Eigenschaften, für alles Sein über das Tierische hinaus, eher verachten als wertschätzen.



VI. Asexistische Konsequenzen


Wäre nun wissenschaftlich bewiesen, dass die Frauen die bessern (beliebiges Wort einsetzen) sind, und die Männer eigentlich Affen, oder aber dass der Mann der eigentliche Mensch ist, und die Frau nur da, um Männer auszutragen, - was wären die ethischen Konsequenzen? "Aber die rechtliche Gleichstellung von Mann und Weib kann man sehr wohl verlangen, ohne darum an die moralische und intellektuelle Gleichheit zu glauben. Vielmehr kann ohne Widerspruch zu gleicher Zeit jede Barbarei des männlichen wider das weibliche Geschlecht verworfen, und braucht doch der ungeheuerste, kosmische Gegensatz und Wesensunterschied hier nicht verkannt zu werden", stellt Weininger klar. Ist er ein Gutmensch, bei dem Ethik nichts mit Wirklichkeit zu tun hat? Nein, vielmehr ein Idealist im wahren, nicht umgangssprachlichen Sinne: da beide Geschlechter zur menschlichen Gattung gehören, steht beiden Geschlechtern die gleiche Menschenwürde zu. "Der tiefststehende Mann", liest man aber einen übersprungenen Satz weiter, "steht also noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe, so hoch, daß Vergleich und Rangordnung hier kaum mehr statthaft scheinen; und doch hat niemand das Recht, selbst das tiefststehende Weib irgendwie zu schmälern oder zu unterdrücken". Nun, heute weiß man es, nachdem uns Beauvoir, Butler und Schwarzer aufgeklärt haben, natürlich besser, - aber dass der Mann ein Affe ist, ist wahrlich kein Grund, feministisch zu werden. Nicht Weininger, sondern wer aus Biologismen moralische und rechtliche Konsequenzen zieht, ist ein Sexist.



VII. Kein Ich?


"Das absolute Weib hat kein Ich", urteilt Weininger im Anschluss an die stärksten Seiten von "Geschlecht und Charakter", - er folgert dies aus seiner Untersuchung dessen, was das Ich eigentlich ist. Dass er im Ergebnis sowohl mit dem Christentum als auch mit dem Deutschen Idealismus übereinstimmt, spricht für ihn, und ist kein Zufall. Aber darum geht es nicht. Wir erinnern uns, dass für Weininger ein Mensch entweder männlich oder weiblich sein kann, aber nicht beides zugleich. Sobald ein Mensch weiblich ist, handelt er ichlos: "Das vollkommen weibliche Wesen kennt weder den logischen noch den moralischen Imperativ, und das Wort Gesetz, das Wort Pflicht, Pflicht gegen sich selbst, ist das Wort, das ihm am fremdesten klingt". Die ästhetische Indifferenz der Frau gegenüber ihrem Sexualpartner wäre damit leicht erklärt (die sexuelle Anziehung ist reine Biologie und hat nichts mit Ästhetik zu tun, wobei selbst da das mächtigste, nicht das physisch attraktivste Männchen bevorzugt wird), jedoch hätte dies unfassbare Konsequenzen: "Also ist der Schluß vollkommen berechtigt, daß ihm auch die übersinnliche Persönlichkeit fehlt". Auf Gutdeutsch: die Frau hat keine Seele. Muss, kann, darf man so weit gehen? Nehmen wir doch statt Mann und Frau ein abstraktes Gegensatzpaar - würden wir nicht schnell zum Ergebnis kommen, dass es sich beseelt und unbeseelt verhaltende Menschen gibt? Gewiss, aber nicht in einem Verhältnis von 1:1, sondern eher von 1:1000. Selbst ein radikaler männlicher Sexist würde Weininger hier nicht zustimmen können, denn dieser schleppt ja alle Schimpansen unter den Männern in die den Besseren vorbehaltenen höheren Sphären mit, indem er sagt: "Der tiefststehende Mann steht also noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe". Nein, das tut er nicht, er steht vielmehr auf vier Beinen und wartet, bis ihm sein Frauchen endlich einen Knochen hinwirft.



VIII. Das Mädchen als Bild


Als ich vor Jahren in einer anregenden Unterhaltung über Ästhetik und Erotik mein Schönheitsideal beschrieb, bekam ich als Antwort, es sei wie ein Bild und vertrage keinerlei Veränderung: kaum berührt, schon zerstört. Die Antwort war zutreffend. Umso interessanter, wie treffend Weininger dies behandelt: "Schönheit ist das Symbol des Vollkommenen in der Erscheinung. Darum ist Schönheit unverletzlich, darum ist sie statisch, und nicht dynamisch, darum hebt jede Änderung im Verhalten zu ihr sie schon auf und vernichtet ihren Begriff". Mit einer schönen Frau kann man nicht schlafen, man kann sie nur lieben. Wo von Schönheit die Rede ist, spreche ich stets vom Mädchen, und nie von der Frau, da Schönheit Unschuld und Keuschheit notwendigerweise mit einschließt; Schönheit ist zu Eis erstarrte Unschuld, im schüchternen Blick geronnene Keuschheit. Schönheit ist transzendent, das schöne Mädchen ist eine platonische Idee: statisch, ewig, realer als die veränderliche physische Gestalt. Aufgrund solcher Einsichten, von denen Weiningers Buch übervoll ist, kann ich ihn nicht einfach als Sexisten abstempeln und sein Buch dem Feuer übergeben. Nicht alles mag einem darin gefallen, auch mir nicht, aber es gibt zu viele niemanden beleidigende Bücher, deren geistiger Wert mit Null angegeben noch an der fünften Nachkommastelle gerundet wäre.



Schieflage: Freundin und Schluss überhaupt


"Ich habe nun", sagt einer, "Otto Weiningers Buch gelesen, und es hat mich so nachhaltig überzeugt, dass ich für mich beschlossen habe, nie wieder etwas mit einer Frau anzufangen". Eine Welle der Empörung überschwemmt das geistige Flachland, viele Surfer reiten auf ihr mit Baseballschlägern und einfachen Keulen. "Frauenfeind!" heißt es laut. Doch man versuche es andersrum: eine Frau, für die alle Männer gestorben sind, wird sowohl bei Frauen wie - gar noch mehr - bei Männern nur auf Verständnis treffen. Mehr noch: die Männer fühlen sich nicht selten noch schuldig, wenn eine Frau so etwas sagt. Lest das Buch, Jungs, lest das Buch.



Altternative: Misslungene Ehrenrettung


In ihrem ein Menschenleben nach Weiningers Buch geschriebenen Bestseller "Der dressierte Mann" versucht Esther Vilar, so sie selbst, eine Ehrenrettung des weiblichen Geschlechts. Die meisten Frauen seien hässlich, sagt die Argentinierin. Eine Banalität. Die meisten Männer sind es auch, und ab 15 so gut wie alle Menschen. Weshalb macht Hässlichkeit bei Männern nichts aus? Warum muss ein Mann bloß schöner als ein Affe sein, und darf nicht wirklich schön sein (Anmerkung von mir persönlich: weil er das nicht kann: er hat einen Körperbaufehler, was das Schöne angeht, das nunmal zart und zerbrechlich sein muss)? Esther Vilar weiß die Antwort: "Ein Mann ist ein Mensch, der arbeitet". Weil der Mann später arbeiten muss, lernt er als Kind, und wird intelligent; weil die Frau ihr Leben lang versorgt wird, spielt sie als Kind mit Puppen, und bleibt dumm. Eigentlich aber, beschwört Vilar, sind bei der Geburt Jungen und Mädchen vollkommen gleich. Ist das die Ehrenrettung? Möglicherweise. Was aber, wenn diese Behauptung nicht stimmt?



Seitenstich: Der gewollte Unterschied


Als Kind lernte ich in einer "patriarchalen" Gesellschaft: "Du musst deine Gefühle unterdrücken, weil du ein Mann bist". Als Jugendlicher in einer "liberalen" Gesellschaft bekam ich zu hören: "Du hast keine Gefühle, weil du ein Mann bist". Die "patriarchale" Gesellschaft lehrte mich: "Du musst deine Interessen auf das Nützliche beschränken, und darfst keine Lüftschlösser bauen, weil du ein Mann bist". In der "liberalen" Gesellschaft sagte man mir: "Du bist primitiv, und besitzt weder Kreativität noch Phantasie, weil du ein Mann bist".

Ob nun Mädchen und Jungen "eigentlich" bei der Geburt gleich sind oder nicht, - nicht überall, ja fast nirgendwo, ist Gleichheit gewollt. Gleichheit ist nur eine politisch korrekte Umbenennung der Ungleichheit. Gleich gemacht werden die Menschen, wo sie es von Natur nicht sind. Wo Frauen und Männer - vielleicht/vermutlicherweise/wenn schon irgendwo, dann doch hier - gleich sind, werden sie künstlich und gar gewaltsam ungleich gemacht. So lernt ein Junge, seine Gefühle verkümmern zu lassen, während ein Mädchen sich Gefühle einzubilden lernt, wo gar keine sind. Ein Junge lernt, dass Phantastereien Quatsch und Unfug sind, einem Mädchen geht der größte Quatsch als reiche und kreative Phantasie durch. Wer will diesen gewaltsam herbeigeführten Unterschied? Wer drillt die Seelen auf den Geschlechtsunterschied? Oder ist die Frage falsch. Ist diese etwa richtig: Werden bei fortschreitender Zivilisierung verlorene natürliche Geschlechtsunterschiede durch künstlich erzeugte kompensiert?



Übrigens: eine alte Weisheit


Als vor wenigen Jahren eines der ältesten Schriftstücke der Menschheit entschlüsselt wurde, dachten die Archäologen, auf den ältesten Witz der Welt gestoßen zu sein. Leider war die Hochkultur, von der das Schriftstück stammte, nicht für ihren Humor bekannt, was nicht heißt, dass es dieser an Zivilisation und Kultur fehlte, - es war eben ein Bisschen wie mit den Deutschen. Der entschlüsselte Text lautete, grob übersetzt: Frauen sind geschmacksverirrt, schön und lesbisch, aber von diesen Eigenschaften kommen immer nur zwei zusammen vor. Ich rechnete mir die Möglichkeiten durch und schaute demütig zu Boden.



IX. Erotik pur


"Liebe und Begehren sind zwei so verschiedene, einander so völlig ausschließende, ja entgegengesetzte Zustände, daß in den Momenten, wo ein Mensch wirklich liebt, ihm der Gedanke der körperlichen Vereinigung mit dem geliebten Wesen ein völlig undenkbarer ist. Daß es keine Hoffnung gibt, die von Furcht ganz frei wäre, ändert nichts daran, daß Hoffnung und Furcht einander gerade entgegengesetzt sind. Nicht anders verhält es sich zwischen dem Geschlechtstrieb und der Liebe. Je erotischer ein Mensch ist, desto weniger wird er von seiner Sexualität belästigt, und umgekehrt", ist Weininger klug. Es wäre auch höchst seltsam, die Geliebte anstatt zu verehren verzehren zu wollen. Was man liebt, das soll ja bleiben. Dennoch entscheiden sich viele dafür, ihren Schatz selbst zu verzehren, bevor dieser - so ihre Furcht - von einem Anderen verzehrt wird. Wenn Erotik - so wie Weininger diesen Begriff gebraucht - Begierde ist, dann eine, die davon lebt, niemals befriedigt zu werden. Erotik ist lebendige Unendlichkeit, Bewusstsein des Mangels (des Unbefriedigtseins) als höchstes Glück. Bei aller Be- (und bei manchen gar Verwunderung), zu welchen Gefühlen der Mensch fähig ist, sollte nicht vergessen werden, dass schlussendlich auch die reine Liebe ein höchst selbstsüchtiges Unterfangen ist.



X. Das Schönfinden


"Die Schönheit des Weibes kann", so Weininger, "kein bloßer Effekt des Sexualtriebes sein; sie ist ihm vielmehr geradezu entgegengesetzt. Männer, die ganz unter der Gewalt des Geschlechtsbedürfnisses stehen, haben für Schönheit am Weibe gar keinen Sinn; Beweis hiefür ist, daß sie ganz wahllos jede Frau begehren, die sie erblicken, bloß nach den vagen Formen ihrer Körperlichkeit". Die beim gemeinen Mann so beliebten vagen Formen sind bekanntlich die Rundungen: der Po und die Brüste. Die daran schön gefundene Frau ist ein austauschbares Sexualobjekt. Schön ist das nicht. So sagt Weininger: "In der Liebe des Mannes, die stets schamhaft ist, liegt nach alldem der Maßstab für das, was am Weibe schön, und das, was an ihm häßlich gefunden wird".

Erst einem liebenden Blick erschließt sich also die Schönheit, doch Weininger geht noch weiter: "...in der Ästhetik, wird die Schönheit erst von der Liebe geschaffen; es besteht keinerlei innerer Normzwang, das zu lieben, was schön ist, und das Schöne tritt nicht an den Menschen mit dem Anspruch heran, geliebt zu werden". Ist Schönheit etwa relativ und geschmacksabhängig? Begibt sich der sonst so kluge Mann in die ihm verhasste Psychologisiererei? Nein: "Alle Schönheit ist vielmehr selbst erst eine Projektion, eine Emanation des Liebesbedürfnisses; und so ist auch die Schönheit des Weibes nicht ein von der Liebe Verschiedenes, nicht ein Gegenstand, auf den sie sich richtet, sondern die Schönheit des Weibes ist die Liebe des Mannes, beide sind nicht zweierlei, sondern eine und dieselbe Tatsache. Wie Häßlichkeit von Hassen, so kommt Schönheit von Lieben". Schönheit ist nicht relativ, vielmehr hat sie mit dem Aussehen des Schöngefundenen nichts zu tun. Nicht was wir schön finden, lieben wir, - was wir lieben, finden wir schön. Was intuitiv als verkehrt erscheint, erweist sich als richtig, sobald man einsieht, dass alle Liebe Projektion ist.



XI. Er liebt dich nicht!


Staubtrocken stellt Weininger fest: "...die Geliebte ist nur zu oft ein Backfisch, nur zu oft eine Kuh, nur zu oft eine lüsterne Kokette, und niemand nimmt für gewöhnlich an ihr überirdische Eigenschaften wahr als eben derjenige, der sie liebt", und stellt die rhetorische Frage: "Ist es also zu glauben, daß diese konkrete Person geliebt werde in der Liebe, oder dient sie nicht vielmehr einer unvergleichlich größeren Bewegung nur als Ausgangspunkt?"

Auch die, die man liebt, liebt man also nicht, - wen liebt man dann? "In aller Liebe liebt der Mann nur sich selbst. Nicht seine Subjektivität, nicht das, was er, als ein von aller Schwäche und Gemeinheit, von aller Schwere und Kleinlichkeit behaftetes Wesen wirklich vorstellt; sondern das, was er ganz sein will und ganz sein soll, sein eigenstes, tiefstes, intelligibles Wesen, frei von allen Fetzen der Notwendigkeit, von allen Klumpen der Erdenheit", ist Weininger nicht naiv, und erklärt das Wesen der Liebe mit den Worten: "Er projiziert sein Ideal eines absolut wertvollen Wesens, das er innerhalb seiner selbst zu isolieren nicht vermag, auf ein anderes menschliches Wesen, und das und nichts anderes bedeutet es, wenn er dieses Wesen liebt". Keine einzige Frau ist also je geliebt worden.



XII. Ach!


"Der Mann verlangt Keuschheit von sich und von anderen, am meisten von dem Wesen, das er liebt; das Weib will unkeusch sein können, und es will Sinnlichkeit auch vom Manne, nicht Tugend", lehnt sich Weininger weit aus dem Fenster. Wer hat denn diesen keuschen Mann gesehen? Wo lebt er? Auf dem Mond? Mag ja sein, dass er, wenn er je auf Erden lebte, von seinen Erzieherinnen ausgerottet wurde, denn: "Die Frau will den Mann sexuell, weil sie nur durch seine Sexualität Existenz gewinnt". Frauen wollen auch existieren, und da das Weib - Weiningers Grundthese - durch und durch sexuell ist, will es das Männchen, den unkeuschen Mann. Aber weshalb nicht die unkeusche Frau? Weil ja nur der Mann existiert. Zwei miteinander unkeusch verkehrende Frauen hätten vielleicht jede Menge Spaß, aber nunmal keine Existenz. Unzucht treiben macht keinen Spaß, wenn es einen nicht einmal gibt. Und deshalb: "Selbst die höhere platonische Liebe des Mannes ist ihnen im Grunde nicht willkommen; sie schmeichelt ihnen und sie streichelt sie, aber sie sagt ihnen nichts." Der Phallus hingegen steht auf und sagt zum Weibe: Sei! Eine göttliche Komödie: am Anfang erschuf der Teufel das Weib.



XIII. Negexistenz


Gerade hielten wir fest, dass die männliche Sexualität dem Weibe angeblich seine Existenz verleiht, und nun: "Im Koitus liegt die tiefste Heruntersetzung, in der Liebe die höchste Erhebung des Weibes. Daß das Weib den Koitus verlangt, und nicht die Liebe, bedeutet, daß es heruntergesetzt und nicht erhöht werden will". Wie bitte? Sagtest du nicht selbst, dass die Frau durch die Sexualität des Mannes ihre Existenz verliehen bekommt? Und dann zugleich erniedrigt wird? Heißt das, dass die Existenz ein negatives Vorzeichen hat? Man wird immer wieder überrascht, wie viel Weisheit in solchen milde gesagt irre anmutenden Aussagen stecken kann. Die geliebte Frau bleibt idealisiert, kann sich der Existenz, der Erniedrigung, enthalten, während das beglückte Weib ins Unglück des Dasein stürzt. Warum will die Frau dann existieren, wenn es besser wäre, nicht zu existieren? Weil das Weib ja kein Ich hat. Alles rein Triebhafte will existieren. Alles Kluge abstrahiert von empirischen Frauen und Männern, und denkt den ruhig abstrakt genannt werden könnenden Gedanken mit, anstatt hysterisch durch die realen oder virtuellen Korridore zu rennen, alles kleinzuschlagen, und jeden, der diese barbarische Gewalt nicht verherrlicht, frauenfeindlich zu nennen.



XIV. Was an Sex so böse ist


Sex ist doch etwas Tierisches, die Lust der Karnickel. "Nicht weil der Koitus lustvoll, nicht weil er das Urbild aller Wonne des niederen Lebens ist, nicht darum ist er unsittlich". Weshalb dann? Jedenfalls muss man sich enthalten, man muss seine niedere Natur förmlich dazu zwingen. "Die Askese, welche die Lust für das Unsittliche an sich erklärt, ist selbst unsittlich; denn sie sucht den Maßstab des Unrechtes in einer Begleiterscheinung und äußeren Folge der Handlung, nicht in der Gesinnung: sie ist heteronom". Auch die Askese ist falsch? Klar: der Asket ist fremdbestimmt. Wo sind dann Problem und Lösung? "Der Mensch darf die Lust anstreben, er mag sein Leben auf der Erde leichter und froher zu gestalten suchen: nur darf er dem nie ein sittliches Gebot opfern". Sprich, man darf weder sich selbst noch seine Mitmenschen als bloßes Mittel zum Zweck behandeln, denn alle vernünftigen Wesen sind Zwecke an sich. "In der Askese aber will der Mensch die Moralität erpressen durch Selbstzerfleischung, er will sie als Folge eines Grundes, die eigene Sittlichkeit als Resultat und Belohnung dafür, daß er sich so viel versagt hat". Der Asket versklavt seinen Willen unter ein ihm äußerliches Gebot, um, wie ein Hund, die Belohnung zu erheischen. Wenn die sexuelle Lust also verwerflich ist, dann nicht, weil Sex so viel Spaß macht, sondern weil man beim Sex offenbar nicht umhin kann, den kategorischen Imperativ zu verletzen, und sich und andere als bloße Mittel, anstatt als Selbstzwecke, zu behandeln.



XV. Was an Liebe so gut ist


Wer sich zur Liebe verliebt, der liebt. Er will den anderen nicht flachlegen, er liebt ihn. Weininger weiß: "Es gibt nur »platonische« Liebe. Denn was sonst noch Liebe genannt wird, gehört in das Reich der Säue". Ein großes Fragezeichen hinter dem Und? Nicht so nichtumdieeckedenkerisch! Diese Tatsache, dass es nur reine Liebe geben kann, da Liebe an sich immer rein ist, und Sexualität ausschließt, ist im Alltag sehr nützlich. Ein Junge, der sich in einen Jungen verliebt, ist nicht schwul. Ein Mädchen, das ein Mädchen liebt, ist nicht homosexuell. Egal wie versaut die Erwachsenen sein mögen, die ihre Kinder über »Liebe« »aufklären«, sie haben damit Unrecht, dass der Sohn eine Schwuchtel ist und die Tochter homo, - nicht, dass es ein Verbrechen wäre, wenn dem so wäre, nur ist einer, der liebt, gegenüber der Person, die er liebt, überhaupt nicht sexuell. Die Kindlein lieben »nur«, da ist nichts Versautes dabei. Und wenn sich ein Erwachsener in ein wildfremdes Kind verliebt, ist seine Liebe, sofern sie Liebe ist, per definitionem edel, und verflucht sei jener, der seinen Sexualtrieb hinter dem großen Wort »Liebe« verbirgt.



UV: Strahlung oder Mythos


Unschuldiges Verliebtsein - ist das möglich? Durchaus: jemand, der (noch) kein Ich-Ideal hat, hat auch nichts in die geliebte Person zu projizieren, das Kind ist einfach verknallt. Darum ist die erste Liebe etwas Besonderes, hat die Aura des Perfekten und den frischen Geruch der Unschuld.

Unschuldiges Verliebtsein repräsentiert die vorbewusste Stufe des einfachen Monismus, der unterschiedslosen Einheit von Ich und Nicht-Ich, welcher sich das Ich allerdings noch nicht bewusst ist, denn sobald es sich dieser bewusst wird, löst es sie auf, und steigt auf die bewusste Stufe der einfachen Negation auf. Hier geschieht das, was Weininger Liebe nennt: die Projektion des Ich-Ideals in die geliebte Person. Das Ich weiß sich auf dieser Stufe vom Nicht-Ich getrennt, und ebenso von seinem Ich-Ideal. Es ist die Stufe des unglücklichen Bewusstseins, und die Liebe endet hier immer tragisch, ja sie wird noch vor ihrem Ende zur Tragödie. Auf der noch höheren Stufe des Selbstbewusstseins vereinigt sich das Ich mit seinem Ich-Ideal wieder, und hat es nicht mehr nötig, dieses zu projizieren; das Ich des Selbstbewusstseins ist auch nicht mehr von der Transzendenz getrennt, und kann autonom, ohne äußere Ursachen, Glückseligkeit erlangen. Verliebt sich so jemand noch?



Wozu: Sich lieben lassen


Man verliebt sich, um sein inneres Wesen in eine andere Person zu projizieren, und somit sein Ideal-Ich vor den Niederungen des Alltags zu schützen. Welchen Zweck hat es aber, sich lieben zu lassen? Keinen für einen, der ein Ich hat. Das idealtypische Weib ist Weininger nach ichlos, und somit daran interessiert, dass der Mann ihm Wert verleiht, indem er sein Ideal-Ich darein setzt. Das Weib will empfangen, ob Wert oder Samen. Der Samen an sich hat keinen Wert, was dadurch erkennbar wird, dass ein physisch fittes Männchen beim empfangenden Geschlecht keine Chance hat, wenn eine physisch eher mittelmäßige, aber ihrem Status nach große Persönlichkeit vors Weib tritt.

Eine Frau, die so gar nicht Weiningers Weib ist, sondern mit einem stolzen Ich gesegnet, sähe keinen Sinn darin, sich von einem Mann lieben zu lassen. Sie will ihren Wert nicht von einem Mann verliehen bekommen, sondern selbst erarbeiten, weshalb sie sich - ohne hysterisches Geschrei um als Gleichberechtigung getarnte Privilegierung, sondern vielmehr mit dem Bestreben, gänzlich vom Mann unabhängig zu sein - emanzipiert.



Mühgrund: Liebe und Begierde


Liebe ist die Projektion des eigenen Ich-Ideals in eine andere Person. Hiermit ist freilich nicht durchaus alles erfasst, was etwa in esoterischer Hinsicht als Liebe verstanden wird, sondern ganz konkret das, was ein Mensch meint, wenn er sagt, dass er einen anderen Menschen liebt. Der Satz, Gott sei Liebe, bedeutet also nicht, dass das Wesen Gottes sich mit Projektion und Illusion beschreiben lässt.

Weshalb musste in diesem Kontext dreifach durchdestilliert werden, was das Wort Liebe in der konkreten menschlichen Lebenswelt bedeutet? Der schwerwiegendste (und unter seinem eigenen Gewicht im Boden versinkende) Grund dafür ist die Unerlässlichkeit einer Trennung von Liebe und Begierde. Bisher lernten wir, Liebe sei egoistisch aber edel, Begierde egoistisch und auch sonst nichts als unmoralisch. Dem ist nicht ganz so.

Das Herzrecht behauptet die Liebe als heilig und nimmt die geliebte Person symbolisch in Besitz. Weil du jemanden liebst, ist dieser jemand für dein Schicksal mindestens mitverantwortlich, wenn nicht gar allein der Richter über dein Glück und Unglück. Weil du jemandin liebst, gehört sie nach einem heiligen Recht dir, und verbricht einen Betrug an dir, wenn sie dein Herz bricht. Dabei hat die Person, in die du dein Ich-Ideal projiziert hast, nicht das Geringste mit deiner Liebe zu tun: diese ist ein Geschäft zwischen dir und dir selbst.

Die Begierde geht archaisch ehrliche Wege: du willst zubeißen, vernaschen, konsumieren. Du weißt von Beginn an, dass du weder ein heiliges noch ein profanes Recht auf die begehrte Person hast, - du betrügst dich selbst nicht, du leidest an deiner eigenen Gier, nicht an der kosmischen Ungerechtigkeit, dass deine ach so reinen Gefühle nicht erwidert werden. Du willst nicht nur eine bestimmte Person verzehren, du willst viele konsumieren, am Besten alle, die dir gefallen. Die Begierde spielt mit offenen Karten. Man kann nicht hinterher sagen, man hätte nicht gewusst, dass man sich getäuscht hatte. Man wusste von Anfang an, was man wollte, und dass es moralisch nicht fragwürdig, sondern eindeutig verwerflich war.



Idiotenfangfrage: sind Frauen Menschen?


Ja. Aber meine Meinung beiseite. Ich meine ja, wer anderes behauptet, ist wohl selber keiner. Was sind das also für Wesen, die im öffentlichen Bewusstsein in einem Atemzug Frauen als Engel (immer unschuldig) und als Tiere (nicht schuldfähig) darstellen, wenn sie sich jeweils als Opfer und Verbrecherinnen erweisen? Feminismus und Misogynie gehen erst diametral auseinander, jedoch treffen sich ganz unten wieder: wer nicht schuldfähig ist, ist nunmal ein Tier, und da selbst in der geschminkten Verbrechensstatistik immer noch Frauen als Täter auftauchen, behauptet jeder, der sie als alles mögliche, aber nicht für ihre eigenen Taten verantwortlich hinstellt, Frauen seien Tiere.

Sind Männer Tiere? Aber ja doch. Männer sind Verbrecher. Die Männlichkeit an sich ist kriminell, menschenfeindlich, das Kernübel dieser Welt. Das lernt auch der kleine Junge, der bereits im Kindergarten als Mann kriminalisiert wird. Wenn jeder Mann ein Verbrecher ist, dann ist ein Mann, der kein Verbrecher ist, kein richtiger Mann. Durch die Kriminalisierung der Männlichkeit werden Männer aufgefordert, Verbrecher zu werden, sonst sind sie ja keine richtigen Männer. Aber können Tiere überhaupt Verbrecher sein? Nein. Der Mann ist ein Tier, und das ist gut so. Nichts kann man einem Mann übel nehmen, wie man einem Affen nichts übel nehmen kann. Vielleicht gibt es gar keine Menschen, sondern nur Engel (Frauen) und Tiere (Männer), und am Rande dämliche Schwuchteln (menschliche Männer) und selbstbewusste emanzipierte moderne Frauen (sich wie Männer, sprich wie Tiere benehmende Frauen).



Lithia: freies Volk


Der junge Hegel hatte ein Konzept des freien Volkes entworfen, in welchem die Interessen des Einzelnen mit den Interessen der Allgemeinheit vollkommen harmonieren. Im Mannesalter musste Hegel diesen Konzept verwerfen: die Interessen des Einzelnen gehen niemals gänzlich im Ganzen auf, sondern stehen immer in einem Spannungsverhältnis mit der Allgemeinheit. Im Alterswerk, der Rechtsphilosophie, zeichnete Hegel den Grad der Vitalität eines Staates gerade durch die Höhe der Spannung zwischen dem Allgemeinen und dem Individuellen aus, die der Staat aushalten kann, ohne an diesem Widerspruch zugrunde zu gehen.

Es ist lange her, als ich die Outer-Limits-Folge "Lithia" gesehen habe, dieses von einer Mystery-Serie meisterhaft in Hass gegossene Bild des aggressiven und zum friedlichen Zusammenleben in einer Gemeinschaft unfähigen Mannes. Das männliche Individuum reibt sich immer an der Gesellschaft, es bleibt stets ein unauflöslicher Rest von Eigensinn. Die Frau scheint - die Folge müsst ihr gucken - hingegen ein friedliches und harmonisches Wesen zu sein, das in einer Gemeinschaft bestens, sprich restlos, aufgehoben ist. Weininger hätte diese Episode der kanadischen Moralserie zwei- oder dreimal sehen können, denn er hätte jedesmal, sobald es um weibliche Moral und männliche Unmoral ging, so laut gelacht, dass er hätte immer wieder zurückspulen müssen: habe ich, der junge aber weise Wiener Jude euch denn nicht gleich gesagt, dass das Weib kein Ich hat? Und wo es kein Ich gibt, da kann auch nichts mit dem Gemeinwohl in Widerspruch geraten! Oh, Otto, ich hoffe für dich, weil ich es dir gönne, dass du die Wahrheit erkanntest, bevor du dich umbrachtest, und dennoch hoffe ich - für mich - , dass du damit Unrecht hattest!



Opfer: Zwangsobjekt


Wer gut aussieht, ist in einer präkeren Lage mitnichten zur Prostitution gezwungen, sondern kann, wie jeder andere auch, normale, schlecht bezahlte, und niedrig angesehene Arbeit verrichten. Ein kluger Kopf ohne Geld ist ja auch nicht genötigt, Urananreicherungsanlagen für Despoten zu entwerfen. Ein versierter Kampftechniker muss nicht töten, ein armer Hundebesitzer muss nicht betteln. Sofern sich diese Menschen als Subjekte betrachten, die immer eine Wahl haben.

Ein Nicht-Subjekt hat kein Ich. Weiningers Idealtypen zufolge gibt es eine bestimmte Art von Menschen, die Nur-Objekte, aber keine Subjekte sind. Dass es solche Menschen gibt, ist zu offensichtlich, als dass es nicht peinlich wäre, es mit politisch korrekter Tinte zu vertuschen. Wer diese Menschen sind - darüber gehen meine und Weiningers Meinungen weit auseinander. Ich will hier nur verdeutlichen, was für Menschen das sind: das ist die Schöne, die aus armen Verhältnissen kommt, und sich mit einer fast schon gruseligen Selbstverständlichkeit zur Prostitution gezwungen fühlt; das ist der Recke, der es in der Schule nicht gepackt hat, und den die Umstände angeblich dazu zwingen, in die Kriminalität abzudriften; das ist der Sonderling, der zum Außenseiter wurde, und mit einem Maschinengewehr in einer Imbissbude Rache an der Gesellschaft nehmen will.



Die Null als des Mannes Höchstes: Mathematik des Grauens


Schöne Frau heiratet reichen Mann. Das ist das ganze Wesen der menschlichen Gesellschaft, das diesseitige, erreichbare Ideal. Was hat dies für Konsequenzen? Fast alle Frauen denken fast jeden Tag fast 100 mal selbstkritisch über sich nach. Man ahnt, worauf sich ihre Selbstkritik fast ausschließlich bezieht - ob sie vielleicht nicht gut genug aussehen. Sprechen wir es offen aus: ob sie vielleicht nicht gut genug aussehen, um einen reichen Mann zu heiraten. Auch die meisten Männer strotzen in ihrer Innenwelt nicht gerade vor Selbstvertrauen, und zerfleischen sich jeden Tag den ganzen Tag mit Selbstkritik: bin ich vielleicht ein Versager? schaffe ich es? kriege ich noch die Kurve? Kurz: werde ich doch noch reich, oder habe ich bereits alle Chancen verspielt?

Nun zu den Konsequenzen. Weininger sagt, der niedrigste Mann würde höher stehen, als die beste Frau. Geben wir diesem Satz etwas mehr Phantasie. Erinnern wir uns daran, welchen Status erfolgreiche, aus eigener Leistung reiche, dabei jedoch nicht schöne Frauen in unserer Gesellschaft haben: sie sind Exotinnen, Randphänomene, etwas, was sein kann, aber nicht sein soll, Frauen auf Abwegen, die intuitiv spüren, dass sie das soziokulturelle Ideal verfehlen. Ist eine Frau nicht schön, ist Polen verloren. Eine Frau kann - so werden wir unterbewusst erzogen - für ihr Schicksal nichts: ist sie schön, kommt sie der Prinz holen, ist sie nicht schön, kann sie bei Schlecker arbeiten, wo sie keiner sieht. Ein Mann, jeder Mann, jeder Faulpelz, jeder Verbrecher und jeder Alkoholiker kann durch eine glückliche Fügung zum Multimillionär werden, und so das soziokulturelle Ideal doch noch erreichen. Es gibt keine hoffnungslose Situation für den Mann.

Was folgt, ist eiskalte Berechnung, Mathematik des Grauens. Eine Frau kann aus eigener Kraft für ihr Glück nichts tun, also lässt sie es ganz. Ist sie schön, investiert sie in ihr Leben nichts (Null), und erhält den Erfolg (1) umsonst. Ist sie nicht schön, investiert sie, sofern sie sich nicht für eine gesellschaftlich eher unerwünschte Lebensführung entscheidet, ebenfalls nichts, und bekommt auch nichts zurück. Die Lebensformel der Frau lautet: 0 (eigene Investition) + 1 (Erfolg durch Schönheit) = 1 (Erreichen des soziokulturellen Glücksideals), oder 0 (eigene Investition) + 0 (Misserfolg durch fehlende Schönheit) = 0 (nichts gegeben, nichts erhalten). Der Mann kann wie der einfältige Iwan aus dem russischen Märchen sein Leben lang auf der faulen Haut liegen, um schließlich durch eine Heldentat unsagbar reich zu werden und die schöne Wassilissa zu heiraten. Ja, Glück gehört dazu, aber zu einer Heldentat gehört zunächst Mut und Kühnheit, sprich eine aktive Investition ins eigene Glück. Der gewöhnliche Mann investiert nicht durch eine einzelne Heldentat, sondern durch jahrelange mühevolle Arbeit in sein Glück. Dabei kann er es erreichen oder verfehlen. Somit ergibt sich die Formel für den Mann: -1 (Minus 1, weil die eigene Investition ein Geben, und kein Nehmen ist) + 1 (Erfolg durch eigene Hartnäckigkeit und glückliches Gelingen) = 0 (das Erreichen des soziokulturellen Glücksideals erweist sich als eine Nullnummer: die Welt verteilt ihm keine Schönheitspreise - wenn er sein Ziel erreicht, so ist es nur das Resultat seiner Lebensarbeit), oder -1 (eigene Investition) + 0 (Misserfolg durch Scheitern und fehlendes Glück) = -1 (alles gegeben, und doch verloren). Der Mann ist als Lebensform eindeutig im Nachteil. Dass hier von Idealtypen ausgegangen wurde, versteht sich von selbst.



Nebenbey: Anmerkationen


Rein biologistisch kann er nur sinnvoll erscheinen, wenn Frauen Männer attraktiv finden, doch ästhetisch ist es eine Katastrophe: wie kann man ernsthaft jemanden begehren oder lieben, der größer, stärker und gröber ist, als man selbst? Wenn der starke Mann die schöne Frau, die er begehrt, endlich im Arm hält und küsst, so kann jedes empfindende Wesen das Glück des Mannes nachvollziehen, - sobald man aber denkt, dass auch die schöne Frau diesen Kuss genießt, dreht sich einem der Magen um. Es könnte jedoch sein, dass die schöne Frau gar nicht so geschmacksverirrt ist, wie es in diesem Fall scheint, ja es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass sie nur sich selbst genießt, wobei sie den Mann als Mittel zu diesem Zwecke gebraucht: wenn die zarteste Schönheit bloß deine eigene ist, kannst du sie nicht sinnlich genießen, denn das Objekt dieses Genusses muss dir von Außen gegeben werden, und so genießt die Frau sich selbst durch den Mann.

Eine Liebesgeschichte mit einer Frau als Hauptperson kann nur banal sein, wenn sie einen Mann liebt, und daran kann keine Dramaturgie etwas im Wesentlichen ändern. Liebt eine Frau eine andere Frau, so erscheint die banalste Geschichte - etwa zwei Mädchen auf einer Klassenfahrt beim Zelten, und die Nacht, in der sie feststellen, ungeahnte Gefühle füreinander zu empfinden - erhebend und entzückend. Eine (auch physisch) enge Männerfreundschaft, aufopferungsvolles Füreinanderdasein, Nähe der starken Arme und unerschrockenen Herzen, wirkt ebenfalls erhebend auf den Betrachter, solange sich kein Verdacht der sexuellen Nähe beimischt. Wird die bewunderswerteste Männerfreundschaft zur homosexuellen Beziehung, sinkt sie sofort in den Rang der Banalitäten herab, und für das Herz und die Moral des Betrachters lässt sich ihr nichts mehr abgewinnen.



Leider: Leere Lehre


Mein Junge, du fühlst dich minderwertig, weil du keine Frau hast, zerbrichst dir den Kopf, wie du eine bekommst, zerstörst dich selbst durch die Fixierung deines Lebens auf das Eine, wirfst die Zeit deines Lebens und mit der Arbeit, die du verabscheust, verdientes Geld einer Beliebigen zu Füßen. Du studierst verbissen Balzratgeber, anstatt dich charakterlich zu entwickeln, und dir eine emotionale Basis für eine von Innen kommende, nicht von äußeren Umständen abhängende Lebensfreude zu errichten, - Millionen sind wie du, und du siehst ihnen täglich beim Scheitern zu, und dir bleibt nicht verborgen, wie viele von Ihnen in die Drogensucht abdriften oder sich erhängen. Doch deine Tragödie besteht nicht darin, dass du meine weisen Worte und klugen Belehrungen nicht versteht, - du verstehst sie gut, und würdest sie gern befolgen, aber sie können für dich nicht mehr sein, als eine von Außen an dich herangetragene Lebenshaltung, die nicht aus den Tiefen deiner Selbst kommt, für die du charakterlich noch nicht reif genug bist, und die du letztlich nur verwerfen kannst, denn das, was du - auf der Stufe deiner Entwicklung, auf der du jetzt stehst - wirklich willst, ist der Erfolg bei deinen Balzgeschäften, und nichts anderes.



Antiwille: Aktion = Reaktion


Würden Männer schwanger werden, so gäbe es fast keine Abtreibungen: ein Mann, der das Kind will, weiß, was er will, und gut ist. Ein Mann, der kein Kind will, würde todsicher verhüten. Leider werden Frauen schwanger, und sie lassen es fahrlässig bis mutwillig dazu kommen, ohne überhaupt erst zu wissen, ob sie ein Kind wollen. Keine Frau darf zu einer Schwangerschaft gezwungen werden - das versteht sich von selbst. Doch vom selben Selbst versteht es sich, dass auch keine Frau mit einem Ungeborenen Spielchen spielen darf: auch ein ungeborener Mensch ist kein Spielzeug.

Spielchen gibt es viele. Da sitzt dieser Backfisch, kaum 15, in einer Diskothek, und geizt nicht mit Reizen, kokettiert mit einem miesen gewalttätigen Arschloch dort drüben, vor dem die Göre nicht zu knapp gewarnt worden ist. Aber sie lässt es darauf ankommen: vielleicht Vergewaltigung, maybe baby. Weininger würde sofort seine gnadenlose Dichotomie Willenwesen Mann - ichloses Wein aufziehen, aber wir wollen nicht so weit gehen, zumindest nicht heute, wo das Wetter so schön ist, morgen vielleicht. Beiseite Spaß: es gibt offenbar in der menschlichen Psyche einen Gegenspieler des Willens, der - das wäre zu einfach - gerade nicht immer das Gegenteil dessen anstrebt, was der Wille für sein erklärt.

Was ist der Antiwille? Er ist kein Wille, er ist der Nichtwille, ein Wedernoch, ein Fahrenlassen. Je intensiver sich ein Kriminalist mit Sexualverbrechen befasst, umso stärker wird das Böse in ihm, wobei es an Schwachsinn grenzte, anzunehmen, er würde durch die neu entdeckten Möglichkeiten sexuellen Genusses zum Verbrechen stimuliert werden: wenn die Anlage zur Ausübung sexueller Gewalt da ist, braucht sie keine Lektion, sondern nur ein leichtes Opfer. Die Abneigung gegen das Sexualverbrechen behält der Kriminalist bis zum Ende seiner Tage, er wird mit Opfern mitfühlen, und die Todesstrafe für Verbrecher wollen. Der Antiwille in ihm wird es ihm freilich nicht so leicht machen: er wird den Kriminalisten dazu bringen, das Verbrechen insgeheim zu bewundern, es herbeizusehen; der Antiwille wird dem Willen nicht die Stirn bieten, sondern ihn umschmiegen, verführen, ihm seinen Willenscharakter nehmen. Nein, auch Männer würden, wenn es ihnen möglich wäre, schwanger zu werden, mit dem Ungeborenen wie mit einem Spielzeug umgehen, denn überall dort, wo Verantwortung ist, ist auch der Unwille zur Verantwortung, das lauwarme weiche feuchte Vielleicht.



Kohle und SM: Crunchy Nutt


Ein Mann, der eine Frau - ob Freundin oder Ehefrau - misshandelt, ist ein Verbrecher, oder? Nicht wenn er reich ist, will uns offenbar ein ach so phantasievoller Roman sagen. Wie bitte? Ob etwas ein widerliches Verbrechen oder guter Sex ist, hängt davon ab, wie reich der Mann ist? Genau. Wenn diese Denkungsart Feminismus ist, dann der Bodensatz dieses Denkgebäudes; wenn dieser Schwachsinn antifeministisch sein soll - politisch inkorrekt sein ist ja derzeit in Mode - , dann bin ich Radikalfeminist.

Geld ist Geld, Sex ist Sex, und BDSM ist BDSM, eine durchaus bewusstseinserweiternde Art, Sex zu treiben. Doch wie nuttig wird es, wenn der Mann, als Entschuldigung dafür, gemeine Sachen einer Frau anzutun, unbedingt reich sein muss? Ein armer Schlucker darf sowas nicht - warum nicht? Ist es nicht ein Roman, eine Phantasiegeschichte? Ja, schon, aber wie erklärt man dem Leser, dass ein Mann so etwas darf, wo doch der Mann in dieser Gesellschaft gerade nichts darf? Nuttentum macht jede Art von Sex kaputt, insbesondere eine so sensible Art wie BDSM.

http://www.heise.de/tp/artikel/37/37223/1.html



XVI. Thymos


Erinnern wir uns, dass die Liebe bei Weininger keusch ist. Und dass die Summe der Winkel in einem Dreieck im euklidischen Raum für Weininger 180 Grad beträgt, - der Zusatz "für Weininger" soll nichts relativieren, sondern die gesagte Wahrheit als Weiningers Erkenntnis würdigen. Der Liebende setzt sein Ich-Ideal in die Geliebte, verleiht ihr einen absoluten Wert. Liebe ist thymotisch, "stolzhaft", eine Tathandlung wie aus Sloterdijks "Zorn und Zeit". Sexualität ist hingegen erotisch, begierig, bedürftig, "will was" von ihrem Objekt.

Liebe gibt, Sexualität nimmt. Deshalb ist es eine schockierende Infamie für einen Verliebten, wenn man ihm unterstellt, das Objekt seiner Liebe angebaggert zu haben. Er will sie nicht ins Bett kriegen, er will sie in den Himmel hochheben. Ungefragt? Gewiss. Aber Liebe ist Projektion, - erstens projiziert der Liebende seine Geliebte für sich in den Himmel, d. h. er hat es immer nur mit einer Projektion, mit einem Idealbild von ihr zu tun, das er selbst erschafft, dadurch, dass er sein Ich-Ideal in sie setzt, und zweitens findet diese Projektion nur in seinem Kopf statt, und stört die Geliebte nicht beim Ausführen ihrer täglichen Belanglosigkeiten.

Man kann sich sogar in eine nicht physisch existierende Person verlieben - in eine Romanfigur (ich verliebte mich als Kind darüber hinaus gar in ein bloß schematisch dargestelltes Mädchen aus einem Lehrbuch), in eine Theaterrolle (wohlgemerkt unabhängig von der Person, und sehr wohl abhängig von der Kunst der Schauspielerin), in ein Lächeln von einem Poster oder Plakat. Als thymotische, "gebende", "stolzhafte" Handlung ist die Liebe zwar nicht solipsistisch, denn ein Anstoß von Außen ist für sie konstitutiv, aber durchaus unabhängig von der Außenwelt, in die sie sich zwar soweit traut, wie die Außenwelt es zulässt und ermöglicht, aber auch gänzlich ohne Äußerung bestehen könnte.



XVII. Der Mann als Verbrecher


Das Verbrechen ist männlich: unabhängig von der vorherrschenden Ideologie in einer zu einer bestimmten Zeit existierenden Gesellschaft lässt sich feststellen, dass die Zurordnungen Verbrecher = männlich/Opfer = weiblich, und hieraus folgend Mann = Täter/Frau = Opfer stets der gesunden Inuituion entsprochen haben, und deshalb nie schwer durchzusetzen waren. Wer sich als Leistung anrechnet, ein uraltes Klischee ins allgemeine Bewusstsein gerufen zu haben, muss ein Hochstapler oder Radikalfemist sein. Die Frage, weshalb die Intuition solche Ansichten begüngstigt, ist indes interessant. Weininger bemerkt bezüglich des Unsinns von Kriminalstatistiken: "Ich habe schon die Notwendigkeit der Distinktion zwischen amoralischem und antimoralischem Verhalten betont, und wiederhole, daß nur von ersterem, welches eben gar keinen Sinn für die Moral und gar keine Richtung mit Bezug auf dieselbe involviert, beim echten Weibe die Rede sein kann. Es ist eine aus der Kriminalstatistik wie aus dem täglichen Leben wohlbekannte Tatsache, daß von Frauen unvergleichlich weniger Verbrechen begangen werden als von Männern. Auf diese Tatsache berufen sich denn auch immer die geschäftigen Apologeten der Sittenreinheit des Weibes".

Treibt man alle deutschen Knackis zusammen, ergibt sich eine Kleinstadt wie Lüneburg mit etwa 60000 Einwohnern. Während jedoch im echten Lüneburg knapp über 50% der Bevölkerung weiblich sind, wären es in Knastheim gerade 5%. Woran liegt das? Das Verbrechen ist männlich: "Kein Verbrecher hat noch wirklich geglaubt, daß ihm Unrecht geschehen sei durch die Strafe; die Frau

hingegen ist überzeugt von der Böswilligkeit ihrer Ankläger; und, wenn sie nicht will, kann ihr niemand beweisen, daß sie Unrecht getan habe. Wenn ihr jemand zuredet, so kommt es freilich oft vor, daß sie in Tränen ausbricht, um Verzeihung bittet und »ihr Unrecht einsieht«, ja wirklich glaubt, dieses Unrecht aufrichtig zu fühlen; aber immer nur, wenn sie dazu Lust empfunden hat; denn diese Auflösung im Weinen bereitet ihr stets ein gewisses wollüstiges Vergnügen. Der Verbrecher ist verstockt, er läßt sich nicht im Nu umdrehen, wie der scheinbare Trotz einer Frau in ein ebenso scheinbares Schuldgefühl sich verkehren läßt, wenn der Ankläger sie entsprechend zu behandeln versteht". Der Mann hat, so Weninger, einen Begriff der Schuld, und kann sich dem Schuldspruch des Gesetzes nicht entziehen, sondern feigstenfalls vor dem Gesetz weglaufen: "...er geht vielmehr dem Gedanken des Rechtes hastig aus dem Wege, weil es ihn an seine Schuld erinnern könnte: und hier liegt auch der Beweis, daß er ein Verhältnis zur Idee hatte, und nur an seine Untreue gegen sein besseres Selbst nicht erinnert werden will".

Die Frau könne prinzipiell keine Verbrecherin sein, denn sie fühle sich immer im Recht: "Das Weib hingegen behauptet oft im vollen Rechte zu sein, wenn es die denkbar größte Gemeinheit begangen hat; während der echte Verbrecher stumpfsinnig auf alle Vorwürfe schweigt, kann eine Frau empört ihrer Verwunderung und Entrüstung darüber Ausdruck geben, daß man ihr gutes Recht, so oder so zu handeln, in Zweifel ziehe". Das subjektive Gefühl, im Recht zu sein, auch wenn er ein Unrecht begeht, kennt auch der Mann, aber, so Weininger, der Mann hat ein Begriff des Rechts über das Gefühl hinaus, und kann objektiv einsehen, dass er im Unrecht ist. Nur wer das Recht begrifflich erfassen kann, ist auch schuldfähig. So schließt Weininger diese Passage mit: "Ich behaupte also nicht, daß die Frau böse, antimoralisch ist; ich behaupte, daß sie vielmehr böse gar nie sein kann; sie ist nur amoralisch, gemein". Man sieht, auch so lassen sich die eingebildete Unschuld der Frau und die zu weiblichen Gunsten ausfallenden Kriminalstatistiken deuten. Weiningers Ansatz ist weitaus anspruchsvoller, als das primitive Gerede vom asozialen, aggressiven und gewalttätigen Mann, denn wäre der Mann an sich ein solches Monstrum, so könnte der Verbrecher gar nicht vom Nichtverbrecher unterschieden werden, und folglich säße kein Mann deshalb im Gefängnis, »weil Männer nunmal so gewalttätig sind«. Während der intuitive Ansatz des Alltagsverstandes wie der radikalfeministische Ansatz, der nur die billigsten Klischees vereinfacht und übertreibt, offensichtlich männerfeindlich ist, ist Weininger keineswegs frauenfeindlich, denn für ihn hat nur das "ideale Weib" kein Rechtsbewusstsein, und nicht die empirische Frau, d. h. während der moderne Gutmensch jeden Mann in Sippenhaft für alles Böse auf dieser Welt nimmt, lässt Weininger der Frau jede Menge Spielraum, selbst angesichts seiner aus weiblicher Sicht ziemlich trostlosen Metaphysik.



Oh: Erotoman


Der Erotoman ist nicht der "liebeswahnsinnige" Franzos, und auch nicht der immergeile Hypersexuelle, nein, im 21. Jahrhundert bedeutet dieses Wort, in Anlehnung an eine legendäre russische Erotik-Seite, dass jemand ganz in Ruhe einen Tee trinkt, und dabei erotische - nicht pornografische - Galerien im Internet anschaut. Das Paradigma des Galerien-Erotomans basiert darauf, dass der Mensch ein Augentier ist. Ein Blick genügt, und alle anderen sinnlichen Eigenschaften eines Objekts der Sinne werden automatisch mitkonstruiert. Nun ist die Frau evolutionsgeschichtlich so alt wie der Mann, und weiß, dass ihrer sexuellen Attraktivität beim Manne die Maskulinität der Erscheinung entspricht, sinnliche Schönheit aber inkommensurabel ist: es gibt keine männliche Entsprechung einer schönen Frau. Die Frau gebietet über das Material der Sinne, der Mann aber, als Arbeiter am Begriff, kann dieses Material nur zufällig empfangen, und nicht selbst herstellen. So ist das größte Genie sinnlich auf einen Backfisch angewiesen, denn ohne das Material der Anschauung ist die Objektseite leer. Der Erotoman verfügt nun über eine Selbstdisziplin, die ihm ermöglicht, nicht am sinnlichen Material zugrunde zu gehen, sondern dieses 1) am versinnlichten Ideal zu prüfen, 2) in seiner vollen Zeitlichkeit vorzustellen, 3) mit anderem sinnlichen Material zu kombinieren. Sieht ein Erotoman eine hübsche Frau, so denkt er nicht gleich: "Oh, welch eine hübsche Frau", sondern vergleicht das sinnliche Material mit der eigenselbstlich auf den Begriff gebrachten Sinnlichkeit, womit er a) von der konkreten Frau abstrahiert, und b) sie somit als Menschen sieht, und nicht als bloßes Objekt der Sinne. Wer den Umweg der Reflexion nicht nötig zu haben glaubt, kann sich ja vorlügen, nicht ständiig geil zu sein, - seine Selbstdisziplin ist jedoch stets nur Zwang, und niemals Ruhe und Weisheit. Was bringt eine ruhige Hand, wenn das Auge keine Ruhe kennt?



XVIII. Ich und Moralität im Kommunismus


Moralität ist das Verhältnis zwischen dem empirischen und dem transzendentalen Ich. So gibt es auch für Weininger nur Pflichten gegen sich selbst (eine später für Wittgenstein grundlegende Erkenntnis: selbst im Solipsismus verliert das Moralische keineswegs seine Bedeutung, denn Moralität ist ein inneres, kein äußeres Verhältnis). Wenn jemandem das moralische Urteil abgenommen wird, und er nur Befehle von Außen empfängt, anstatt auf sein Gewissen zu hören, kann er nicht moralisch handeln (und die Frage, ob er gut handelte, wäre sinnlos), sprich nicht in einem Verhältnis zu seinem transzendentalen Ich stehen. Er kann sich auch nicht verlieben, denn er steht in keiner Beziehung zu seinem Ich-Ideal. Die hier hypothetisch angenommenen Zustände hatten durchaus historische Realität, und zwar in den kommunistischen Diktaturen des Ostblocks. Wohlgemerkt, nicht alle Totalitarismen standen für moralische Entmündigung: manche realisierten die Unfreiheit auf anderen Wegen.

Der Kommunismus und die tradierte Buchreligion hatten einen transzendenten Vater an der Spitze (den allmächtigen Gott oder den Führer, der von sich in der dritten Person sprach, sprich Genosse Stalin statt ich zu sich sagte), und ein unter einer universalistischen Idee gewaltsam vereinheitlichtes Volk. Die schrecklichste Sünde war, ein Ich zu haben; die Menschen wurden "enticht" bzw. im wörtlichen Sinn demoralisiert. Der Nationalsozialismus hatte ein Muttersöhnchen an der Spitze, einen verweiblichten Führer, der einen Mutterkult betrieb. Die Gattung, nicht die Idee stand über allem, weshalb der Nationalsozialismus sektiererisch, und nicht universalistisch war. Er scheiterte an seinen inneren Widersprüchen, nicht an der militärischen Macht seiner Gegner, denn er hätte auch in anderen Ländern entstehen können, die größer und militärisch mit besseren Rahmenbedingungen ausgestattet waren, als das Deutsche Reich. Der enorme Erfolg der nationalsozialistischen Gesellschaft (Aufbruchstimmung, Blitzkriege mit schnellen Siegen) ließe sich dadurch erklären, dass das Volk nicht "enticht" wurde, sondern aus freien Stücken die Ideologie lebte. Natürlich handelte es sich um eine Diktatur, um kein "freies Volk", und dennoch war der relative Entichungsgrad an der Basis erheblich geringer als im Kommunismus. Die übergeschnappten Iche vollbrachten große und schrechliche Taten für die Gattung, während die kommunistischen Völker bloßes Material waren, das der Führer nach der Idee formte und entwickelte. Die übersteigerte Ichhaftigkeit an der Basis und das Fehlen einer universalistischen Idee verurteilten den Nationalsozialismus zum schnellen und schillernden Untergang. Nur eine universalistische Ideologie konnte mit der freien Gesellschaft in Konkurrenz treten, und so scheiterte der Kommunismus nicht als Ideologie, sondern überlebte sich durch die apathische Erschöpfung an der Basis, den "Massen-Burnout" um modern zu sprechen.



An sich: für mich


Weininger kennt nur die eine oben ausführlich dargestellte Figur: das Verlieben als ein Setzen des Ich-Ideals in die geliebte Person. Und diese ist oft "nur ein Backfisch" wie Weininger so sagt, sie kann mit dieser Liebe gar nichts anfangen, diese Liebe sagt ihr nichts. Die Geliebte ist in diesem Verhältnis ein Mädchen nur an sich, aber nicht für sich, - sie ist als Mädchen nicht in sich reflektiert. Und so auch bei Weininger: eine möglichst glatte Benutzeroberfläche, die das Ich-Ideal nicht daran hindert, von ihr zum empirischen Ich des Verliebten zurückzuscheinen. Das Mädchen muss jung und unschuldig sein, und das ist weitaus wichtiger, als Schönheit: man erlebt es nur zu oft, dass man sich fragt, was der gute Freund an diesem lustig, aber keineswegs hübsch ausschauenden Mädchen denn findet. Es geht darum, was er in, besser: an ihr nicht findet, nämlich ein Hindernis, eine Störung, eine Verschmutzung der Benutzeroberfläche für die Projektion seines transzendentalen Ich.

Das bloß ansichseiende Mädchen ist also eine beliebige Projektionsfläche, und eine 14-Jährige, die mit großer Wahrscheinlichkeit noch keinen Sex hatte, ist viel geeigneter als eine 16-Jährige, und noch besser ist die kindliche 12-Jährige, doch irgendwann wird es zu kindisch, und die Niedlichkeitsperfektionierung bricht abrupt ab. Dies ist der gesuchte Hinweis darauf, dass das ansichseiende Mädchen nicht Mädchen genug ist, denn das Mädchen ist nicht nur an sich, sondern auch für mich, wenn ich verliebt bin, also in meiner Vorstellung bereits ein Reflektiertes, Konkretes, Festes, nur ist sie all dies noch nicht für sich selbst. Das Verlieben fordert also ein anderes Objekt, und in dieser Forderung greift es über bloße Projektion hinaus, d h. der Verliebte will die Person selbst lieben, kann aber nur sich selbst in ihr lieben, solange sie nur an sich und nicht für sich ist, sprich nicht in sich reflektiert ist. Erfordert das in sich Reflektiertsein, das Fürsichsein, ein Ich? Bei Menschen schon.



Definition: Liebe


Definieren bedeutet begrenzen. Wenn ich sage, dass ich ein bestimmtes Mädchen liebe, schließe ich damit aus, dass ich zugleich noch andere Mädchen liebe. Romantische, sprich ich-gemäße Liebe bedeutet, eine bestimmte Person exklusiv zu lieben.

Liebe ist keusch. Sie will ihr Objekt nicht verzehren, sie ist, im Gegenteil, an der Unveränderlichkeit ihres Objekts interessiert. Die Begierde will verzehren, und kann deswegen nicht exklusiv sein, denn Verzehrtes ist verzehrt, die Begierde aber erneuert sich wieder, und will ein neues Objekt. Weil sexuelle Begierde nicht exklusiv sein kann, gibt es keine erotische Liebe; eine sexuelle Liebe ist ein hölzernes Eisen.

Begierde kann sich zu einem bestimmten Zeitpunkt nur auf ein Objekt stürzen (so wird selbst in einer Massenorgie letztlich nur ein Objekt bewusst vernascht, während die anderen Körper nur zusätzlich für Stimmung sorgen), ist deswegen aber nicht exklusiv: im reflektierten Moment, dem nicht unmittelbaren, sondern durch das Selbstbewusstsein vermittelten Jetzt weiß ich immer, dass ich potentiell alle Frauen begehre, die der Frau, die ich im Augenblick begehre, ähnlich sind, oder sie an begrehrenswerten Eigenschaften übersteigen.



Megamind: Film und Wirklichkeit


Der klassische Held im Film ist der Gute, der Schurke ist entsprechend böse. Wenige Filme zeigen einen Schurken, der eigentlich ein guter Mensch war, aber durch Schicksalsschläge auf einen falschen Weg geleitet wurde. Einige Filme zeigen einen Schurken, der in Wahrheit ein Held ist, so der lustige Zeichentrickfilm "Megamind" (2010). Das Moralische aber ist das Entscheidende, egal aus welcher Perspektive eine Geschichte gezeigt wird, und welche Botschaft beim Zuschauer ankommen soll.

Der unbefangene Zuschauer im Kino fiebert zunächst mit dem Guten mit. Meist sind aber Filmcharaktere, die die Guten sein sollen, so flach gezeichnet, und deren Moral so primitiv oder gar verlogen, dass der Zuschauer beginnt, für den Bösen zu sein: dieser steht wenigstens dazu, nicht der Gute zu sein, und das macht ihn im Gegensatz zum scheinheiligen Helden sympathisch. So musste der Typus des Antihelden entstehen: ein desillusionierter Held, dem keine Moral moralisch genug ist, und der für nichts mehr kämpft, sondern nur noch gegen etwas - gegen die Heuchelei.

Der Gute ist derjenige, der von der Frau in der Hauptrolle geliebt wird. Die weibliche Hauptperson ist oft der moralische Richter, und ihre Liebe das moralische Urteil. Der Böse, denn sie verabscheut, und dem gegenüber der Gute zunächst wohlwollend gleichgültig ist, ist in der Regel in die weibliche Hauptperson verliebt, und versucht, mit allen Mitteln ihre Liebe zu gewinnen. Der Gute ist meist auch in die Frau verliebt, aber sie ist ihm nicht das höchste Ziel. Vortrefflich! Der Gute liegt der Frau nicht zu Füßen, er ist von ihrer Gunst nicht abhängig. Genau diese Eigenschaft macht ihn für die Frau so attraktiv, und eben nicht seine moralische Güte. Dies ist prinzipiell so, weil die weibliche Hauptperson ja erst selbst darüber entscheidet, wer der Gute ist, - und ihr Urteil ist für den affirmativen Zuschauer verbindlich.

Wenn der Zuschauer den Erfolg eines Helden oder Schurken bei Frauen mit moralischen Kategorien bewertet - als hätte der Gute Erfolg bei Frauen, weil diese herzensgut seien, oder als würden Frauen die Guten verachten, weil Bad Boys attraktiver seien - , hat er den Köder gefressen. Der Held im Film wird erst dadurch gut, dass die weibliche Hauptperson ihn liebt, und nur wenige Zuschauer beurteilen seine Handlungen moralisch objektiv, ohne sich von den im Film bereits mitschwingenden Wertungen beeinflussen zu lassen. Sind Filme nun Märchengeschichten, Illusionen, oder vielmehr die auf den Punkt gebrachte Wirklichkeit? Wahrheit, nicht Wirklichkeit. Und diese drückt Weininger so aus: "Ich behaupte also nicht, daß die Frau böse, antimoralisch ist; ich behaupte, daß sie vielmehr böse gar nie sein kann; sie ist nur amoralisch, gemein".

Ob die Frau amoralisch, sprich weder gut noch böse, sondern jenseits der Moral ist, soll hier nicht diskutiert werden. Aber auch nicht, ob die Frau den Mann nach moralischen Kategorien anziehend oder abstoßend findet, denn dass moralische Kategorien hierbei überhaupt keine Rolle spielen, ist unbestritten. Weil aber im Film wie in der Wirklichkeit das Werturteil über eine Person stets moralischer Art ist, wird der der Frau gefallende Mann im Nachhinein zum Guten stilisiert, und der der Frau nicht gefallende Mann zum Bösen verdammt.



XIX. Ein besserer Kantianer als Kant


In der "Metaphysik der Sitten" enttäuscht Kant den moralisch nicht-indifferenten Leser, indem er viele moralisch relevanten Fälle menschlichen Miteinanders in den feucht-schwülen Schoß der Natur zurückschickt. Dabei sagt derselbe Kant in demselben Buch, dass sich der Mensch selbst zu vervollkommnen habe, sprich sich von seiner triebhaften Natur emanzipieren und immer geistiger werden soll.

Die Natur ist amoralisch, warum soll sich also die Moral um die Natur sorgen? Kant erlaubt Sexualität nur in der Ehe, aber er erlaubt sie, denn ohne Unzucht keine Menschenzucht. In der Sexualität wird nicht bloß ein veräußerlicher Teil einer Person als Ding behandelt, sondern die Person selbst, denn man hat nicht Sex mit einem Körper, sondern immer mit einem Menschen. Das "auf dingliche Art persönliche Recht" überschreitet also bei der Sexualität auch in der Ehe die Grenzen des moralisch Erlaubten. Eine menschliche Person ist niemals als bloßes Mittel zum Zweck, als Ding zu behandeln, heißt das moralische Universalgesetz. Weininger ist konsequent: "Also widerspricht der Koitus in jedem Falle der Idee der Menschheit; nicht weil Askese Pflicht ist, sondern vor allem, weil das Weib in ihm Objekt, Sache werden will, und der Mann ihm hier wirklich den Gefallen tut, es nur als Ding, nicht als lebenden Menschen, mit inneren, psychischen Vorgängen anzusehen". Kant leider nicht.



Sage: Alles Käufliche ist billig


Die dekadenten Europäer schimpfen schon seit Jahren auf die puritanischen Amerikaner, und der Stein des Schimpfstoßes ist die Twilight-Saga einer dubios-religiösen Autorin. Was ist das Problem unserer Landsleute, was bringt unsere Kontinentalaffen auf die Palme? Dass die Puritaner eine "strenge" Sexualmoral predigen, z. B. Sex nur in der Ehe, und auch da anständig, sprich ohne übertriebene Sauerei. Was jedoch nur die Quantität eines Lasters vermehrt oder verringert, darf sich nicht Moral nennen. Alle Moral ist ein innerer Wert, keine äußerliche Vorschrift. Für die Amis ist eine Schlampe, die sich teuer verkauft, eben keine billige Nutte mehr, die sich billig verkauft. Das ist die ganze "Moral". Die Europäer stoßen sich nicht an der grundsätzlichen Falschheit (weil Amoralität) dieser heuchlerischen Sexualethik, sondern daran, dass nicht jedes Verhalten gleich bewertet wird: es gibt den anständigen Kerl und den Dreckskerl, die tugendhafte und die verdorbene Frau, und dieser Unterschied wird auf der Ostseite des Atlantiks übel genommen, nicht weil er ein falscher Unterschied ist, sondern weil überhaupt ein Unterschied gemacht wird.



Achtung: Konsequentialistischer Imperativ


Auf die Frage, warum Prostitution grundsätzlich verwerflich sei, antwortete ich Esel noch vor Kurzem, mich auf den kategorischen Imperativ berufend: kannst du denn die von dir behauptete grundsätzliche Vertretbarkeit von Prostitution so verallgemeinern, dass du wollen können müsstest, dass auch deine Schwester oder deine Tochter sich prostituierte? Dieses Beispiel trifft den Begriff nicht. Noch ein Beispiel: wenn alle schwul wären, würden bald alle aussterben, und keiner mehr schwul sein können, also kann man als Schwuler nicht wollen, dass alle schwul sind, und damit muss man auch sein eigenes Schwulsein konsequenterweise ablehnen.

Weininger irrte nicht, als er davon sprach, dass es egal sei, wenn die Menschheit infolge moralisch gebotener Keuschheit ausstürbe. Kants kategorischer Imperativ: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde" ist nicht als eine Anleitung, an die Folgen einer Handlung zu denken, zu verstehen. "Darum kann es auch nicht sittliche Pflicht sein, für die Fortdauer der Gattung zu sorgen, wie man das so oft behaupten hört", wusste Weininger. Wenn die physischen Mittel zum Fortbestehen der Menschheit den Begriff der Menschheit vernichten, dann ist es ein kategorischer Imperativ, sich dieser Mittel zu enthalten.

Montag, 30. Januar 2017

Das edle Egal




Wer davon ausgeht, dass nach dem Tod nichts mehr kommt, müsste doch eigentlich ziemlich entspannt sein. Natürlich wird er vor dem Tod noch leben und angesichts des Todes etwas erleben wollen. Ironisch-symbolisch wird er sich um sein sterbliches Erbe kümmern, wobei ihm, wenn er kein Idiot ist, klar sein wird, dass er weder als Geist den ihm auf seiner Beerdigung gezollten Respekt erfahren wird, noch wie es seinen Kindern oder Vermögenswerten nach seinem Tod weitergeht.

Mit Sicherheit wird jemand, der davon ausgeht, dass nach dem Tod nichts mehr kommt, nicht hetzen. Er wird weder im hedonistischen Bereich den Vogel abschießen wollen noch sich angesichts des kommen ewigen Nichts zu verewigen trachten. Die Lust will tiefe Ewigkeit, ist aber in den Grenzen des in diesem Leben Möglichen schnell erschöpft; der theoretische Nihilist wird epikureisch sein Leid mindern wollen, anstatt unmögliche Lust anzustreben. Nach unmöglicher Lust zu streben, führt zu großem Leid.

Was nach ihm kommt, wird dem theoretischen Nihilisten auf edle Art egal sein: nicht scheißegal, aber egal genug, um sich nicht komplett den Arsch für etwas aufzureißen, was er niemals erleben wird. Er wird wohlwollend sein Erbe an seine Erben weitergeben, aber weder Gier noch Geiz werden beim Aufbauen seines Vermächtnisses seine Begleiter sein. Beschreibt dies den modernen Menschen? Durchaus nicht: der moderne Mensch ist die Unruhe selbst, er hetzt, er strebt nach selbstzerstörerischer Lust, er wirtschaftet gierig und geizig, und betreibt Raubbau an seiner natürlichen und sozialen Umwelt sowie seiner Psyche.

Der neuzeitlich-moderne Mensch bekennt sich, gestützt durch den evidenten technologischen Fortschritt seiner Naturwissenschaft, zum theoretischen Nihilismus, sprich dazu, dass es keinen Gott und keine unsterbliche Seele gibt. Er handelt aber wie jemand, der davon überzeugt ist, dass er bereits verdammt ist, und ohnehin in die Hölle kommt: darum entzaubert und entweiht er berserkerhaft die Welt, ist in seinem Arbeits- und Konsumwahn unersättlich, überbietet sich selbst immer schneller in Tabubrechen und Selbstzerstörung. Wenn nach dem Tod nichts ist, dann ist alles egal. Wenn man in die Hölle kommt, will man es vorher noch krachen lassen. Sage mir, wie du lebst, und ich sage dir, woran du wirklich glaubst.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Wir sind nicht gleich




Die Chancengleichheit ist ein weit verbreitetes Gerechtigkeitsideal. Wer für sie eintritt, geht von der grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen aus. Von Natur sind doch alle gleich, oder? Nein. Jeder ist anders, da hilft kein gewaltsamer Schluss vom Sollen auf das Sein: die Natur hat uns alle verschieden gemacht, und die Umwelt verschärft noch die Ungleichheit der Startbedingungen. Kein künstlicher Ausgleich wird die Verschiedenheit der Menschen abschaffen, - künstliche Beseitigung von Ungleichheiten mündet in der sozialistischen Tyrannei der Ergebnisgerechtigkeit, die die Eigeninitiative ad absurdum führt und die Menschen geistig und moralisch lähmt.

In der Freiheit sind wir aber alle gleich, schließlich hat uns Gott alle gleich geschaffen! Wirklich? Man kann dieses Dogma zur Staatsverfassung machen, wahrer wird es dadurch nicht. In der Bibel findet sich der gemeine Spruch, Gott hätte wie ein Töpfer souverän entschieden, aus wem von uns er ein Gefäß für Reines, und aus wem ein Gefäß für Unreines macht. Ungerecht? Ja, und doch sind wir alle gleich: wir sind Töpfe aus dem gleichen Lehm. Ungleichheit wäre somit gottgewollt, ein willkürlicher Entschluss unseres Herrn, aber "eigentlich" sind wir doch gleich.

Was aber, wenn wir nicht gleich sind? Was, wenn die Ungleichheit nicht erst mit dem Eintritt in eine bestimmte Welt auftritt, sondern bereits in unseren unsterblichen Seelen manifestiert ist? Die Mystik weiß, dass die Seele ungeschaffen ist. Gott hat die Monade Seele nicht geschaffen, er hat sie nur geweckt. Nur weil wir in unserem Wesen ungeschaffen sind, sind wir moralisch frei. Das hat aber die Konsequenz, das wir grundsätzlich ungleich sind, noch vor unserer Geburt. Wir sind Gott ähnlich, wir sind den Tieren ähnlich, und wir sind einander ähnlich. Aber nicht gleich.

Freitag, 11. März 2016

Was ist Religion?




Ja, was zur Hölle ist denn Religion? "Die fünf Weltreligionen: Hinduismus, Buddhismus, Chinesischer Universismus, Christentum, Islam", so heißt ein Standardwerk von Helmuth von Glasenapp (München, 1963). Sind das alle Religionen? Mitnichten. Es gibt natürlich viel mehr davon. Doch bevor die Frage, welche Religionen es gibt, gestellt werden kann, muss die Frage gestellt werden, was überhaupt Religionen sind. Sind Hinduismus, Buddhismus, "Chinesischer Universismus", Christentum und Islam alles Religionen? Ohneneffen.

Welche davon Religionen sind, und welche nicht, darüber kann jeder selbst meditieren, und zwar nach der Lektüre eines Zitats aus Peter Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Berlin, 2014, S. 232. Der einzige deutsche Philosoph der Gegenwart schreibt: "Von der bestehenden Kultur besessen sein heißt: keine Alternative zu ihr sehen – und keine sehen wollen, können und dürfen. Wer in den überlieferten Formen aufgeht, findet außerhalb der Zwangsgemeinschaft des Eigenen kein Heil. Das Leben in älteren Volksverbänden folgt zumeist dem Gesetz der totalen Inklusion ins Kollektiv, die, wie bemerkt, seit langem in zuverlässiger Gedankenlosigkeit mit "Religion" verwechselt wird, obschon es sich in der Sache praktisch immer eher um totalitäre Vereinsregeln als um symbolische Verhandlungen mit dem Ungeheuren handelt. Allein die letztgenannte Leistung böte die angemessene Definition der "Funktion der Religion"".

Regelwerke mit totalitärem Geltungsanspruch haben nichts mit Religion zu tun, sie sind Voraussetzungen absoluter Mitgliedschaft in sozialen und ethnischen Gruppen. Religion ist aber individuell, nicht ethnosozial: weder die Gattung noch eine soziale Gruppe, sondern nur das Individuum kann religiös sein, d. h. einen bewussten Bezug zu seiner zeitlichen Vergänglichkeit, ewigen Unsterblichkeit und moralischen Freiheit herstellen. Mitglieder von Alternativlosgemeinschaften gehorchen "totalitären Vereinsregeln", religiöse Menschen führen "symbolische Verhandlungen mit dem Ungeheuren".

Kant, für den die heilige Messe nichts als ein "Afterdienst Gottes" war, kann als ein tiefreligiöser Mensch bezeichnet werden: seine Religionsphilosophie, angefangen mit der Kritik der praktischen Vernunft, in der Religion aus dem Beweis moralischer Freiheit entwickelt wird, ist eine der intelligentesten "Verhandlungen mit dem Ungeheuren". Ein stockfrommer Pfarrer, der strengstens den Vereinsregeln der katholischen Kirche gehorcht, den großen Fragen über Sinn des Lebens, Freiheit und Unsterblichkeit aber im Vertrauen auf eine zur rechten Zeit folgende göttliche Antwort nicht nachgeht, ist kein religiöser Mensch. Er lässt sich, je nach Totalitätsgrad seiner Mitgliedschaft in der pseudoreligiösen Gemeinschaft, eher mit einem Sektenführer, einem kommunistischen Revolutionär, einem Radikalfeministen, einem Ökonihilisten oder einem Fussballfan vergleichen.

Religion hat nichts mit Gattung und Gemeinschaft zu tun, sie ist eine höchst individualistische Veranstaltung; Religiösität ist nicht mit dem Glauben an die Echtheit der Bibel oder des Koran gleichzusetzten, sondern mit der Intensität und existentieller Ernsthaftigkeit des Nachdenkens über die großen Sinnfragen von "Was soll ich in dieser Welt?" bis "Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts".

Kann es Offenbarungsreligionen geben? Können Offenbarungsreligionen Religionen sein, wenn Religion eine Form des Bezugs des Einzelnen zum Göttlichen ist? Natürlich, denn der sich offenbarende Gott spricht nicht zur Herde, sondern zu einzelnen Menschen. Individuen haben Visionen, Eingebungen, Gespräche mit Gott. Es kann also Offenbarungsreligionen geben; damit eine bestimmte Offenbarungsreligion als Religion bezeichnet werden kann, muss gefragt werden: Was fordert diese Offenbarungsreligion vom Individuum? Wird der Einzelne durch sie vom biologischen und sozialen Zwang befreit oder noch gründlicher darin versklavt? Geht es in ihr um etwas anderes als nur um Regeln des Zusammenlebens in der Gemeinschaft, die sich zu dieser Religion bekennt?

Nehmen wir naheliegenderweise das Christentum. Was fordert der Namensgeber Christus von einem Menschen, der sich seiner Religion anschließt? In der Einheitsübersetzung des Lukasevangeliums (14,26) spricht er: "Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein". Klingt das nach sozialer Disziplinierungsmaßnahme, nach Gattungsgewühl und Ameisenglück? Fordert der menschgewordene Gott vom Individuum Unterwerfung unter Natur und Gesellschaft? Im Gegenteil, er fordert dazu auf, alle unheiligen Bande aufzulösen: die familiären, die sozialen, die biologischen. Der Mensch ist in den Augen Gottes ein Einzelner, ein Ich.

Das Christentum ist, richtig verstanden, eine echte Religion. Institutionalisiertes Christentum war bisher ein Machtinstrument der Gesellschaft, der Familie, der Gattung, um das Individuum stärker zu binden und totalitär zu versklaven. Man sagte Jesus und meinte Kybele (die große Mutter); der Kult um eine Mutter gewordene Jungfrau, der Marienkult, ist ein Hybrid thomistischer Ausmaße (Thomas von Aquin amalgamierte in seinem Lebenswerk die christliche Theologie mit der aristotelischen Philosophie). Das Christentum ist als Religion früh gescheitert, hat aber als totalitäre Ideologie formidabel reüssiert.

Einfach göttlich: "Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig" (Matthäus 10,35). Das Soziale und das Biologische werden in der Religion unter das Individuelle und Geistige gestellt; nicht die Aufklärung, sondern die Religion ist der Ausgang des Menschen aus seiner (anerzogenen) Unmündigkeit.

Samstag, 19. September 2015

Bewusstsein und Logos




Das Schöne, Wahre und Gute bilden einen ontologischen Kreis und bedingen sich gegenseitig. Obgleich sie in ihrer Totalität als das Göttliche nicht voneinander zu trennen sind, sind sie im endlichen Sein getrennt, und zeigen sich dem Bewusstsein als drei eigenständige Potenzen.

Das rationale Bewusstsein (L3 - Logistik) lebt unter dem Primat des Wahren. L3 ist ein Skeptiker, weil ihm das Wahre nicht sicher ist, sondern erst zu beweisen. Die Mathematik ist seine Metaphysik, die Logik seine Religion (er befolgt stur und unreflektiert Gebote, deren Inhalt beliebig sein kann, solange sie sich nicht gegenseitig widersprechen).

Das transrationale Bewusstsein (L2 - Logik) lebt unter dem Primat des Guten (Kants Primat des Praktischen in der Philosophie). Die Logik ist als sichere Grundlage gegeben, die Moralität ist problematisch, und muss entdeckt und begründet werden. Die Religion ist auf dieser Bewusstseinsstufe romantisch-ästhetisch (Glückseligkeit als Folge der moralischen Pflichterfüllung).

Das vollkommene Bewusstsein (L1 - Logos) lebt unter dem Primat des Schönen. Logik und Moralität sind seine sichere Grundlage, Ästhetik sein weltanschauliches Paradigma. Insofern geht der Ästhetiker Nietzsche über die Ethiker Kant und Hegel hinaus, und zeigt, dass das antike Paradigma des Logos dem neuzeitlichen Paradigma der Logik überlegen ist.

Ein Bewusstsein, dessen sichere Grundlage das Schöne ist, ist das göttliche Bewusstsein, oder das Bewusstsein im paradiesischen Zustand der vollkommenen Glückseligkeit. Das prärationale Bewusstsein (L4 - Logem) kann nicht einmal das Wahre fassen, und lebt im Reich der Vorstellungen (weil es unfähig ist, Begriffe zu bilden). Die Abwesenheit des Schönen, Guten und Wahren im Bewusstsein ist die Verdammnis, die Gottesferne.