Das Nihilismusproblem in Fichtes "Bestimmung des Menschen"
Der Mensch existiert auf einer bestimmten Welt
zu einer bestimmten Zeit, und fragt sich selbst nach seiner Bestimmung,
oder, allgemeiner, nach dem Sinn seines Lebens. Um seine Bestimmung zu
erkennen, bedarf es eines hinreichenden Wissens über die Welt, in der
sich der Mensch befindet. Im ersten Buch der "Bestimmung des Menschen"
fängt Fichte mit dem Zweifel an, und stößt schnell auf ein
Determinismusproblem: Freiheit und Determinismus sind theoretisch
unvereinbar. Dies ist ein apodiktisches Urteil, und stößt daher schon
ein erstes Nihilismusproblem an: wenn alles in der Welt determiniert
ist, dann bin ich es - als ein Teil des Weltganzen - notwendigerweise
auch, und kann somit nicht frei sein. Alle Freiheit, die ich intuitiv
empfinde oder moralisch fordere, ist in theoretischer Hinsicht nur
Illusion, was jede Moralität ad absurdum führt.
Fichte stellt fest: "Ich selbst mit allem, was ich mein nenne, bin ein Glied in dieser Kette der strengen Naturnothwendigkeit"
(S. 179). Zugleich kann er nicht leugnen, eine Person zu sein: "Ich
aber, das, was ich mein Ich, meine Person nenne, bin nicht die
menschenbildende Naturkraft selbst, sondern nur eine ihrer Aeusserungen:
und nur dieser Aeusserung bin ich mir, als meines Selbst, bewusst,
nicht jener Kraft, auf welche ich nur durch die Nothwendigkeit mich
selbst zu erklären schliesse" (S. 183). Mit einem spinozistischen
Freiheitsbegriff, nach dem Freiheit nur die ungehinderte Entfaltung der
inneren Notwendigkeit ist, will Fichte Determinismus und Freiheit in
einem System zusammenbringen: "
Gieb
einem Baume Bewusstseyn, und lass ihn ungehindert wachsen, sehe Zweige
verbreiten, die seiner Gattung eigenthümlichen Blätter, Knospen,
Blüthen, Früchte hervorbringen. Er wird sich wahrhaftig nicht dadurch
beschränkt finden, dass er nun gerade ein Baum ist, und gerade von
dieser Gattung, und gerade dieser Einzelne in dieser Gattung; er wird
sich frei finden, weil er in allen jenen Aeusserungen nichts thut, als
was seine Natur fordert; er wird nichts anderes thun wollen, weil er nur
wollen kann, was diese fordert" (S. 184). Gegen ein solches
System wendet sich aber die Stimme der Moral, die ein unbedingtes Sollen
fordert, welches allein aus dem moralischen Gesetz, und nicht wegen
einer Naturnotwendigkeit gelten soll. Was theoretisch durchaus vereinbar
ist (in einem spinozistischen System sind Determinismus und Freiheit
nicht einander widersprechend, sondern komplementär), kann praktisch
nicht gelten, da es Moralität als solche vernichtet. Nun gilt es also,
den theoretisch unumstößlich erscheinenden Determinismus nicht mehr mit
moralischer Freiheit vereinbar zu machen, sondern transzendental zu
hinterfragen.
Im zweiten Buch, "Wissen", das in Form eines Dialogs die Erkenntnis der
ontologischen Einsamkeit des Ich entwickelt, wird der Determinismus um
den Preis der Annihilation der Außenwelt überwunden: nunmehr ist alles
die freie Hervorbringung des Ich. Ich denke nur mein Denken, und nehme
nur meine Wahrnehmung wahr, - die Dinge außer mir sind nur meine
Vorstellung, und die rationlaen Gesetzmäßigkeiten finde ich in der
Außenwelt - die nicht an sich existiert - nicht vor, sondern verursache
sie selbst durch mein Ich-Sein, welches nur die abstrakte Bestimmung des
Subjekts, das sich selbst Objekt ist, bedeutet. Ich bin ich, und mache
mich selbst zum Objekt; zum Zweck der Anschauung bringe ich das
Außereinander im Raum sowie das Nacheinander in der Zeit hervor, wobei
ich Raum und Zeit als Voraussetzungen für die Anschauung wiederum selbst
erschaffe. Die Naturgesetze spiegeln nur die Gesetzmäßigkeiten wider,
die für mich selbst als für ein Ich notwendig gelten. Fichte fasst
zunächst zusammen: "
1) Ich bin
schlechthin, weil Ich Ich bin, meiner selbst mir bewusst, und zwar
theils als eines praktischen Wesens, theils als einer Intelligenz. Das
erste Bewusstseyn ist Empfindung, das zweite die Anschauung, der
unbegrenzte Raum. 2) Unbegrenztes kann ich nicht fassen, denn ich bin
endlich. Ich begrenze daher durch Denken einen gewissen Raum im
allgemeinen Raume, und setze den ersten zum letzten in ein gewisses
Verhältniss. 3) Der Maassstab dieses begrenzten Raumes ist das Maass
meiner eigenen Empfindung; nach einem Satze, den man sich etwa denken
und so ausdrücken könnte: was mich in dem und dem Maasse afficirt, ist
im Raume in dem und dem Verhältnisse zu dem übrigen mich Afficirenden zu
setzen. Die Eigenschaft des Dinges stammt aus der Empfindung meines
eigenen Zustandes; der Raum, den es erfüllt, aus der Anschauung. Durch
Denken wird beides verknüpft, die erstere auf den letzteren übertragen.
Es ist allerdings so, wie wir oben sagten: dadurch, dass es in den Raum
gesetzt wird, wird mir Eigenschaft des Dinges, was eigentlich nur mein
Zustand ist; aber es wird in dem Raum gesetzt nicht durch Anschauen,
sondern durch Denken, durch messendes und ordnendes Denken. Ein
Erdenken, Erschaffen durch Denken, liegt jedoch in diesem Acte nicht,
sondern lediglich ein Bestimmen des durch Empfindung und Anschauung,
unabhängig vom Denken, Gegebenen" (S. 234f). Doch auch das
Gegebene erweist sich als Illusion, die dadurch entsteht, dass das
transzendentale Ich und das Ich des unmittelbaren Bewusstseins intuitiv
für dasselbe gehalten werden; sobald aber das unmittelbare Bewusstsein
als das zum Objekt der Anschauung und des Denkens gehörende Subjekt
erkannt wird, und Subjekt und Objekt als einander gegenseitig
Bedingendes, und nicht eins als Ursache des anderen, müssen sowohl das
Gegebene als auch das unmittelbare Bewusstsein als zwei Seiten derselben
Schöpfung des Ichs - an sich aber nicht seiend - eingesehen werden: "
Es
giebt überall kein Dauerndes, weder ausser mir, noch in mir, sondern
nur einen unaufhörlichen Wechsel. Ich weiss überall von keinem Seyn, und
auch nicht von meinem eigenen. Es ist kein Seyn. – Ich selbst weiss
überhaupt nicht, und bin nicht" (S. 245). Das "ich denke" erweist
sich, wie bei Kant, als ein empirischer Satz, hier aber mit einer
solipsistischen Konsequenz: "
Das
Anschauen ist der Traum; das Denken, – die Quelle alles Seyns und aller
Realität, die ich mir einbilde, meines Seyns, meiner Kraft, meiner
Zwecke, – ist der Traum von jenem Traume" (S. 245). Es gibt
nichts außer mir, und alles ist nur meine eigene Schöpfung, dessen ich
mir aber nicht bewusst werde, da ich selbst, solange ich ein Bewusstsein
von etwas (das nicht mein eigenes Ich ist) habe, Teil dieser Schöpfung
bin.
Das dritte Buch, "Glaube", beginnt mit dem aus dem Gesagten folgenden Nihilismusproblem: "
Ich
verlange etwas ausser der blossen Vorstellung Liegendes, das da ist,
und war, und seyn wird, wenn auch die Vorstellung nicht wäre; und
welchem die Vorstellung lediglich zusieht, ohne es hervorzubringen, oder
daran das Geringste zu ändern. Eine blosse Vorstellung sehe ich für ein
trügendes Bild an; meine Vorstellungen sollen etwas bedeuten, und wenn
meinem gesammten Wissen nichts ausser dem Wissen entspricht, so finde
ich mich um mein ganzes Leben betrogen. – Es ist überall nichts ausser
meiner Vorstellung..." (S. 248). Ich kann mich zu mir selbst
nicht moralisch verhalten, wenn ich für mich selbst nichts als das
Bewusstsein des Ich=Ich bin, - ich brauche mich selbst zumindest als
Erscheinung, und hierzu eine von mir unabhängige Außenwelt, die der
Erscheinung meiner Selbst eine von mir selbst nicht hervorgebrachte,
reale Substanz zugrunde legt. Wenn ich nur das leere Selbstbewusstsein
bin, das für mein unmittelbares Bewusstsein einen Traum von Existenz
erschafft, dann ist mein Leben sinn- und mein Handeln wertlos. Es muss -
dies ist moralisch gefordert - ein höheres Wesen geben, welches meiner
Existenz Realität verleiht.
Das praktische Weltverhältnis des Ich beschreibt Fichte mit den Worten: "
Von
jenem Bedürfnisse des Handelns gebt das Bewusstseyn der wirklichen Welt
aus, nicht umgekehrt vom Bewusstseyn der Welt das Bedürfniss des
Handelns; dieses ist das erste, nicht jenes, jenes ist das abgeleitete.
Wir handeln nicht, weil wir erkennen, sondern wir erkennen, weil wir zu
handeln bestimmt sind; die praktische Vernunft ist die Wurzel aller
Vernunft. Die Handelsgesetze für vernünftige Wesen sind unmittelbar
gewiss: ihre Welt ist gewiss nur dadurch, dass jene gewiss sind. Wir
können den ersteren nicht absagen, ohne dass uns die Welt, und mit ihr
wir selbst in das absolute Nichts versinken; wir erheben uns aus diesem
Nichts, und erhalten uns über diesem Nichts lediglich durch unsere
Moralität" (S. 263). Die Moralität soll das Nihilismusproblem
lösen, indem ein Primat des Praktischen in einer solch extremen Weise
angenommen wird, dass die Resultate des theoretischen Erkennens
geleugnet werden müssen.
Ich kann an meinem Wissen festhalten, und dem Nihilismus anheim fallen,
oder aber handeln, und die Wirklichkeit der Welt, in der ich handle, auf
einen Glauben hin annehmen. Meine Bestimmung als Mensch ist es, zu
handeln, nicht zu wissen, so Fichte. Das Wissen behält er dem
unendlichen, absoluten Geist vor. Eine theoretische Kritik des
praktischen Handelns muss unterbleiben, damit das Nihilismusproblem
nicht aufbricht, und das menschliche Leben sinnlos macht: "
Ich
ässe nur und tränke, damit ich wiederum hungern und dürsten, und essen
und trinken könnte, solange, bis das unter meinen Füssen eröffnete Grab
mich verschlänge, und ich selbst als Speise dem Boden entkeimte? Ich
zeugte Wesen meines Gleichen, damit auch sie essen und trinken, und
sterben, und Wesen ihres Gleichen hinterlassen könnten, die dasselbe
thun werden, was ich schon that? Wozu dieser unablässig in sich selbst
zurückkehrende Cirkel, dieses immer von neuem auf dieselbe Weise wieder
angehende Spiel, in welchem alles wird, um zu vergehen, und vergeht, um
nur wieder werden zu können, wie es schon war; dieses Ungeheuer,
unaufhörlich sich selbst verschlingend, damit es sich wiederum gebären
könne, sich gebärend, damit es sich wiederum verschlingen könne?
Nimmermehr kann dies die Bestimmung seyn meines Seyns, und alles Seyns.
Es muss etwas geben, das da ist, weil es geworden ist; und nun bleibt,
und nimmer wieder werden kann, nachdem es einmal geworden ist; und
dieses Bleibende muss im Wechsel des Vergänglichen sich erzeugen, und in
ihm fortdauern, und unversehrt fortgetragen werden auf den Wogen der
Zeit" (S. 266).
Fichte fordert also 1) ein absolutes Wesen, welches die Realität der
Außenwelt garantiert, 2) etwas Bleibendes in der Welt, das durch das
moralische Handeln bewirkt werden kann, und nicht wieder vergeht. Hier
taucht wieder einmal ein Nihilismusproblem auf: der Mensch soll zwar das
Gute tun, und die Menschheit soll nach dem höchsten sittlichen Zustand
der Welt streben, aber 1) sobald dieser erreicht ist, sind die Zwecke
moralischen Handelns erschöpft, und 2) der höchste sittliche Zustand der
Welt lässt sich nicht allein durch den guten Willen erreichen, sondern
ebensogut, wenn nicht noch sicherer, im Zusammenspiel selbstsüchtiger
Interessen.
Wenn ein absolutes Wesen das Gelingen unserer moralischen Bemühungen
garantiert, dann müssen diese Bemühungen irgendwann zu einem Abschluss
gelangen, wodurch das moralische Handeln danach einen Sinn verliert.
Wenn das moralische Handeln auf einen bestimmten sittlichen Zustand der
Welt ausgerichtet ist, und nicht als bloßer Selbstzweck ausgeführt wird,
dann spielt es keine Rolle, ob der sittliche Zustand der Welt durch
moralisches Handeln oder durch ein Zusammenspiel von einander
bekämpfenden Egoismen zustande kommt. Um das Nihilismusproblem endgültig
zu lösen, muss Fiche also die absolute Geltung des moralischen Gesetzes
postulieren, d. h. das moralische Handeln von endlichen Zwecken
unabhängig machen, und auf einen unendlichen Zweck ausrichten. Aus der
theoretischen Transzendentalphilosophie wird somit eine praktische
Transzendenzphilosophie, die das Jenseits als die wahre Bestimmung des
Menschen offenbart.
Zitiert aus: Johann Gottlieb Fichtes sämmtliche Werke. Band 2, Berlin 1845/1846.