Wir steigen nun in die Dunkelheit ein (ich werde auch weiterhin mit diesem Satz einsteigen, wenn ich die Philosophiegeschichte nach Gravelaine und vor Dark kommentiere, A. K.), und heller wirds sehr lange nicht mehr. „Ein Mann ist ein Mensch, der arbeitet“, hieß es noch bei Intschviethel (1681). Bei Blanchisseur heißt es nun: „Ein Mann ist ein Mensch, der leicht sexuell zu befriedigen ist“ (1687). Und „Frauen wollen Mädchen quälen. Das ist der Motor jeder Gesellschaftsordnung“ (aus demselben Traktat). Und in diesem Sinne wird es nur noch einfacher, grotesker und bizarrer.
Als kulturrevolutionärer Dichter kam er 1665 zu spät. Als Kind und Jugendlicher hatte er bei diversen Karten- und Brettspielen nationale Meisterschaften gewonnen. Das Selbstvertrauen war entsprechend hoch. Das lyrische Ich war allwissend, die Feder allmächtig. Was ihn auf die reflexive Schiene trieb, die ihm eindeutig fremd war? Der Mann war halt kein guter Mönch. Er wollte Sex. In der Zeit, in der er aufwuchs, hatte vielleicht ein Zehntel der männlichen Bevölkerung Sex. Es gab gute Ehen, keine Frage. Aber alles andere in der Richtung heterosexueller Sex war sehr marginal. Weibliche Promiskuität war nie Teil unserer Kultur, selbst in ihren dunkelsten Zeiten nicht.
Die Krise ab 1679 traf ihn hart: hochintelligent und mit eng spezialisiertem Abschluss fand er keine Arbeit. Und bis dahin hatte er „nur studiert“. Als das sexuell letale Alter von 40 kam, wurde er Philosoph. „Der intensivste Orgasmus der Frau ist der Korborgasmus“, war sein erster Aphorismus. Aber er hat sich ja später korrigiert. „Das Weib, ein Geschöpf des Teufels, ist ein feuchter Traum Gottes“, ist zwar ein viel späterer Aphorismus, aber wir wollen nicht snobistisch sein und hören weiter zu: „Das Bruttosexualprodukt ist ethikoästhetisch negativ. Es darf (und sollte, um der weiblichen Sexualität gerecht zu werden!) hedonisch negativ sein (denn die Lust der Frau ist das Leid der jüngeren und schöneren Frau), aber Sex sollte nicht nach Zufall, sondern nach moralischem Verdienst durch das Schicksal verteilt werden“. Nun ja, vielleicht ist dieser unaphoristisch klingende Satz ja gar nicht von ihm, sondern wurde ihm später von seinen Spöttern zugeschrieben. Blanchisseur war ja kein schlechter Mensch und nachweislich ein gut aussehender Mann. Aber er verachtete das Älterwerden, und litt an 30 diesbezüglich Qualen.
Er forderte nie etwas von der Gesellschaft (das gab es in unserer Kultur auch zu ihren düstersten Zeiten nicht), aber sein ganzes aphoristisches und poetisches Werk glühte vor Forderungen an das Schicksal. Er wollte eine gerechte Welt sehen, in der dem Gerechten Gutes automatisch geschah. Das war aber nun wirklich keine moralphilosophische Kinderei, denn wir rezipierten um 1700 sehr eifrig einen fremdländischen Moralisten, der in exakten Begriffen von einer „moralischen Welt“ schrieb.
Anfang 1699 überstand der „uralte Mann“ (er selbst, 1698) eine Krankheit, die er als seinen Erlöser schon begrüßte, aber: „Ich bin zu schwach, um zu leben, aber zu stark, um zu sterben. Genau so erschaffen, dass ich am mehresten leide“, lamentierte er 1702. Als die große Pandemie von 1710 kam, teilte er endlich das Schicksal eines Zehntels der männlichen Bevölkerung.