Wir formalisieren bis
wir Kommensurabilität erreichen, letztlich um den Preis, dass wir nicht
mehr wissen, wovon wir reden. Was haben dann von Kommensurabilität?
Technologie. Wozu brauchen wir Technologie? Den Luxus, diese Frage
stellen zu können, erlauben wir uns, weil wir Technologie haben. Hätten
wir sie nicht, wäre die Frage dringlicher, wie wir sie bekommen, und es
gäbe zwei Möglichkeiten: als Magie-für-uns (Technologie, die wir nicht
selbst erschaffen haben und darum nicht verstehen) und auf der Grundlage
der Wissenschaft.
Die Fragen, wie etwas
funktioniert und was es ist, sind grundsätzlich inkommensurabel. Dennoch
können wir die Frage nach dem, was Wissenschaft ist, beantworten, indem
wir zeigen, wie sie funktioniert. Die Inkommensurabilität verschwindet
nicht, sie verschiebt sich nur: Die Frage, warum Wissenschaft
grundsätzlich funktioniert, können wir nicht beantworten. Warum lässt
sich die äußere Mannigfaltigkeit unter formale Gesetze bringen? Dass es
möglich ist, zeigt die angewandte Wissenschaft, die Technologie. Was
sind die Naturgesetze? Wer ist der Gesetzgeber? Solche Fragen sind für
das wissenschaftliche Denken relevant und nicht „Was bedeutet das alles
für mich?“ Die subjektiven Fragen lassen, um mit Hedonikus zu sprechen,
nur subjektive Antworten zu.
Mit Kjelde als
Dekadenzerscheinung kann ich leben. Als Schlusspunkt einer
philosophischen Tradition ist sein Denken nicht so deplatziert als wenn
man ihn an den Anfang stellt: der lebensphilosophische Skeptizismus
setzt voraus, dass es eine lange Tradition objektiven und
allgemeingültigen Denkens gibt. Nun würde ich halt lieber den
Wissenschaftsphilosophen Rafael van den Kiffen als Abschluss dieser
Tradition sehen; und was das Werk von Gravelaine angeht, das ist nicht
mehr Philosophie, das ist Weltliteratur.
Das Prinzip des Kreises
der Wissenschaft (Physik, Chemie, Biologie, Psychologie, Philosophie,
Mathematik, Physik) begründete van den Kiffen in den späten 1630-ern,
das Ziel war interdisziplinäre Kommensurabilität. Mit Verwunderung
betrachtete er das sinkende Interesse an der Wissenschaft; Krieg war für
alle Krieg, und er hatte dazu noch den undankbaren Job des Politikers.
Er gestaltete das erste Parteiensystem in Ceachelle mit. 1651, als der
Dust settelte, rezipierte er das Skandalbuch vom Ende der Wissenschaft,
das sich in Preteria großer Zustimmung der Mächtigen erfreute. Er
facepalmte kopfschüttelnd.
1652-1660 trat seine
metawissenschaftliche integrale Methode bei uns den Siegeszug an, doch
kippte zunehmend ins Lebensphilosophische; nachdem die spirituelle
Erleuchtung als Turbo-Schnellkurs sich illusorisch erwies, wurde seiner
ganzen Wissenschaftsphilosophie enttäuscht der Rücken gekehrt. Der
Nihilismus, der uns immer in positiver, freiheitlicher Form begleitete,
wurde immer düsterer, bis er 1673/74 sogar lebensfeindlich wurde. Auf
diesem Rosse ritt der Ritter Gravelaine, sein Wort war nicht nur Gesetz,
es war Offenbarung. Wie es anders als totale Resignation genannt werden
kann, fällt mir nicht ein.
Van den Kiffen
verbrachte seine späten Jahre als Senator in Lxiour, er hatte auch im
Parlament immer wieder die Partei der Nihilisten angeführt, die sich zu
keinem Zeitpunkt seit ihrem Bestehen einer lebensverneinenden
Philosophie zugewandt hatte, was sie nur verdächtiger machte: die
finstersten Pessimisten galten als die wahren Realisten, die Partei der
Lockerheit als weltfremd.