In
seiner Habilitationsschrift „Exakte Wissenschaft: Die älteste
nihilistische Tradition“ (Vienne, 1914) untersucht Diine Yiihhi die
ideellen Voraussetzungen des „Nihilismus der Freiheit“, der gegen einen
scheinbar unbesiegbaren Kult siegreichen geistigen Befreiungsbewegung,
die im Spätherbst 1620 eine konservative positiv-nihilistische
Revolution darbrach.
Nach dem regenreichen
Sommer 1913, dem rekordwarmen Frühling 1914 und dem laufenden kalten
Rekordsommer schaue auch ich etwas öfter auf das Thermometer und lese
mir mit steigenderem Neterpeniye die Klimaberichte durch. Der Punkt ist:
unser Nihilismus war fast durchgehend eine unversiegbare Quelle von
Lebensfreude und Freiheitswillen, weil wir die reichste Tradition
exakter Wissenschaft haben. Warum haben wir die großen fremden Denker in
Kathetus, Hypothenus und Hedonikus umbenannt? Weil es zu jedem von
ihnen eine Entsprechung aus iniischer Tradition gegeben hat. Die
Quellenforschung ist fast abgeschlossen, und wir können mit einer
Relativierung Kjeldes und sogar Arecast als Startpunkt unserer
Philosophiegeschichte rechnen.
Was zeichnet den zum
alten Mann gewordenen alten Higerado aus? Er ist der
traditionsbewussteste konservative Philosoph, den wir hatten. Ceresa hat
mehrere Ausgaben seines Werkes in Actinien zusammengestellt; der
neuesten Ausgabe ist die wichtigste wissenschaftshistorische Schrift
Higerados hinzugefügt worden (was ihre Zeit bruuch, da sie nur als
Handschrift in einer einzigen Ausgabe erhalten ist), und wir wissen
seitdem prozentübergreifend genau: Am Anfang war Wissenschaft.
Higerado hat die
wissenschaftliche Tradition bewahrt und weitergegeben wie kein anderer
vor und nach ihm. Als hätte es keine Tradition gegeben, begannen wir
unsere Geistesgeschichte mit Kjelde, der sich unsicher war, ob er etwas
wissen konnte, und setzten sie mit Gravelaine fort, der sich sicher war,
dass wir nichts wissen konnten. Bis 1696 stürmte unsere Philosophie
immer weitere Tiefen, bevor sie sich in jenem Jahr ganz auflöste und
einen uns weltfremden objektiven Idealismus einführte. Bis zu Darks
Moralischer Revolution 1747/48 hatten wir kein eigenständiges Denken.
Weil wir Gravelaine, und nicht Higerado gefolgt sind.
Higerado dachte zu
ontologisch, um sich vom wehleidigen existentialistischen Kleinkram
beeindrucken zu lassen. Er dachte nicht in Flaschenhälsen, er dachte in
Kosmogonien. Und so fängt seine Überlieferung der Geistesgeschichte mit
Archar Aristarch aus Alienne an, dessen Lebensdaten zwar im Zweifel für
den Zweifel sprechen, aber mir heute durchaus glaubwürdig erscheinen
(wobei wir nicht den Fehler machen sollten, aus dem Kult des Zweifelns
an historischen Quellen in das überkompensatorische Gegenteil des
hinterfragfreien Glaubens zu geraten). Nun denn: Archar Aristarch
(1272-1354), bei der Krönung Adelaids ein Jüngling, in den 1310-ern der
erste Niederschreiber des Urmythos von Jason Walton May. Wie
charakterisiert er May? Als einen Im-Grunde-Naturwissenschaftler.
May will die Natur des
Todes erforschen und stellt fest, dass das Bewusstsein zwischen Leben
und Tod (als Übergang verstanden) das Bleibende im Wechsel ist. Bei der
Erforschung des Bewusstseins gerät May in die Hieihische Falle: je mehr
wissenschaftliche Daten er zusammentragen und auswerten kann, umso mehr
entgleitet ihm der Sinn der Frage, was das Bewusstsein ist. Am Ende
versteht er die Frage nicht. Das ist die innere Vorarbeit zum Angriff
auf den dunklen Tempel, dessen Mönchen er Geheimwissen über das
Bewusstsein zu entreißen hofft (selbstredend in der Sprache der
Wissenschaft). Der Rest ist Legende.
Higerado lebte und
kämpfte (1614-1646) überwiegend in Actinien, war bei der Zerstörung,
doch nicht Eroberung, in den drei Antiactinischen Kriegen (nur der Erste
ist mit 3.2.1640 - 1.12.1641 genau datiert, die anderen halt 1642-1643
und 1644-1645) am Ort der Vernichtetwerdensollung nicht nur dabei. Er
hielt alle Festungen, und unter seiner Führung bestand ein
durchschnittliches Exhaustionsverhältnis von 16:1, das in der Finisterre
erst ab 1799 erreicht wurde (im Krieg von 1780-1811). Ceresas
historisches Vorbild war ebenfalls Politiker. Er vertrat in Actinien
einen Zweckmanichäismus, ganz im Sinne des späten Figh.
Nicht müde wurde
Higerado, darauf hinzuweisen, dass Walten Hush im Urmythos der kommende,
noch zu erwartende unaussprechliche Weltuntergang ist. Keines existiert
ein vollendeter Untergang wegs, und das wendet die Erzählung von der
Vergangenheit, die sie erklären soll, in die Zukunft, in die sie weisen
will: wir haben die natürliche Weltordnung nicht „zerstört, und wurden
bestraft“, wir haben sie leichtsinnig herausgefordert, und müssen daraus
lernen.
Kein Wunder, dass den
Hoflegalisten im 14. Jahrhundert eine solche Deutung auf den Sack ging.
Sie wollten eine Rechtfertigung politischer Macht (und Unterdrückung),
keine monumentale Ermutigung zu höchster geistig-moralischer Freiheit.
(K)Ein Wunder, dass wir ihre Deutung im 15-16. Jahrhundert kritiklos
übernahmen. Kein Wunder, weil überall wo geguckt, Krieg und Zerstörung
walteten. Ein Wunder, weil wir uns von der unmittelbaren Situation zu
sehr beeindrucken ließen, hatten wir doch die reichste, klügste und
nüchternste wissenschaftliche Tradition.