In die einflussreiche Familie Kinrol geboren, war er mütterlicherseits eine Feengeburt. Der Geburtsort ist strittig, doch kurz nach der Geburt wurde er von seinem Vater im Wald abgeholt. Strenge Schule, coole Offizierskarierre. In den 1630-ern Kampfeinsätze an der Küste, ab 1640 in Actinien unter Higerados Kommando. Von ihm lernte er auch die Philosophie.
In den mittleren 1650-ern war er Anhänger van den Kiffens, schrieb mit ihm zusammen, und später auch mit Higerado an einer Geschichte der westlichen Philosophie. Er systematisierte die typischen Philosophiegeschichte als eine fünfgliedrige Kette:
1. Die Phase der Metaphysik. Auf Empfehlung van den Kiffens nannte er sie später die Naturphilosophische Phase. Die ersten drei Generationen einer philosophischen Tradition (die sich von bloßer Mythenerzählung durch ihre Fragestellung und ihr antwortbezügliches Offenheitsbewusstsein abhebt) gelten der rationalen Kosmologie sowie der Bestimmung der Stellung des denkenden Subjekts in der kosmischen Ordnung.
2. Sie Phase der sprachlichen Reflexion (später als die sophistische Phase bezeichnet): Logisches Denken entdeckt Aporien, seine eigene strukturelle und kulturelle Bedingtheit.
3. Als Reaktion auf den drohenden Relativismus folgt die Phase der Systemphilosophie. Diese wird nicht von allen Kulturen erreicht: auf die sophistische Phase folgt eine dogmatische oder mythisch-reaktionäre, insbesondere wenn die Kultur sich in einer Phase der vereinfachenden Konsolidierung befindet.
4. Nach der Systemphilosophie folgt die Systemkritik: es gibt den moralisch-praktischen, den mystischen und den lebensphilosophischen Weg. Die dominierende Philosophie in dieser Zeit ist vor allem von der Entwicklung, der ihr die einzelnen Denker geben, abhängig.
5. Die Phase der Metaphilosophie, für Kinrol noch ausstehend, aber in Ansätzen schon mit van den Kiffen beginnend, ist der kulturellen Abschluss einer philosophischen Tradition. Er selbst hat nur vage angedeutet, was diese Phase bedeutet und wie sie endet. Doch als Betrachter aus der für ihn fernen Zukunft können wir sowohl seiner Systematik folgend als auch faktisch einiges darüber erzählen.
1299 bis 1354 oder, nach Lust und Laune, bis 1395 erstreckt sich die Gründungsphase, die insbesondere in Preteria schon früh in die sophistische Phase übergeht, wo die Systemphase nicht mehr erreicht wird. Weiter nach Norden, mehr System: Hedonikus in Reburt, Systemschulen in Edelia und Keria. Westlich von Reburt ist die zweite Phase unmerklich in die dritte übergegangen, und diese fließend in die vierte: die Zersplitterungsverhältnisse ließen fast nur Individualphilosophen zu. Mit der Gründung des Staates in der Finisterre wurde die Philosophie sogar noch weiter verdrängt: 1556-1617 wurde nur noch rezipiert, wenn überhaupt. Die Philosophie der Finisterre selbst kann ab dem Ende 1617 der vierten Phase zugerechnet werden, die sehr langsam im 18. Jahrhundert ausklingt; die fünfte Phase fängt in den 1650-ern und ist womöglich noch heute nicht ganz zu Ende.
Unsere Abzweigung der westlichen Tradition ist enttäuschend. Dafür haben wir 1747/48 eine eigene Tradition begründet, die anspruchsvoller ist als jede andere auf der Welt. Die erste Phase beginnt mit Dark und dauert bis Ende 1824 (sie endet mit dem Manifest der absoluten Wahrheit). Die Zweite dauert kurz, mit Ingrets Systembeginn ab 1873 fängt Phase 3 an. Dass die vierte Phase zu früh kommen könnte, psychoanalysiert meine unbewusste Befürchtung beim Historikerstreit im vergangenen Sommer. Doch ich sehe mir die edlen Herrn Ninlinii und Yiihhi an, und mache mir keine Sorgen. Unsere neue Tradition ist eine der Philosophie des Geistes und der exakten Wissenschaft, und die Systemphase fängt gerade erst an.
Nichts gegen Kultur, doch die 31 Monde unseres Planeten haben nicht nur eine kulturelle Bedeutung, sie sind auch physikalisch da. Und damit zurück zu Kinrol: er sah es als kritisch an, die wissenschaftliche Produktivität der Hochphase einer philosophischen Tradition einzuschätzen, um ihren tatsächlichen Wert zu ermitteln. Eine Tradition, die nur Welterklärung und heiße Luft produziert, ist auch philosophisch nicht sehr wertvoll, denn die geistige Höhe der philosophischen Auseinandersetzung mit den Gegenständen des Denkens setzt eine naturwissenschaftlich und in der Folge technologisch sichtbare Denkschärfe voraus. Die Legalisten von Preteria wollten politische Machtverhältnisse konservieren, für sie wäre jeder wissenschaftliche und technische Fortschritt eine Gefahr gewesen. Das war kurzzeitig schlau, dass sie geistige Entwicklung unterdrückten, aber schon mittelfristig die Ursache für schnellen Verfall.
Kinrol war um 1675 trotz der allgemeinen miesen Stimmung optimistisch: der Zeitgeist in der Finisterre war pragmatisch orientiert, lebebsphilosophischem Pessimismus und moralisch-religiöser Rhetorik wurde im Großen und Ganzen, wie man es mit jeder Art Terrorismus tun sollte, mit einer grimmigen Indifferenz begegnet.
Eric Bernard, 16.2.1915 (Kinrol-Phasen gesamtwestlich):
1. Aristarch und die Kosmogoniker 1299-1395.
2. Legalisten und Nihilisten im 14. und beginnenden 15. Jahrhundert.
3. Systeme von 1431 bis ins frühe 17. Jahrhundert, wobei je nördlicher, umso später das Ende der Systemphilosophie.
4. Ab ca. 1525 überall, große kulturelle Breite, besondere „Nationalphilosophien“, die im 17. Jahrhundert identitätsstiftend wurden.
5. In der Finisterre schon in den 1650-ern, im Westen allgemein im 18-19. Jahrhundert.
Eine einheitliche Denktradition ist seitdem nicht mehr vorhanden, größtenteils leben die Länders des Westens von der alten Tradition und erfreuen sich literarisch und technologisch an der Gegenwartsgeistesgeschichte.