Freitag, 26. Dezember 2025

C. X. Quitongo (1621-1682)

 

 

 

Quitongo kam nach dem Krieg aus Actinien (1647), lernte noch Kjelde kennen, traf sich viel mit den einflussreichsten Denkern seiner Zeit. Er war Kulturpessimist und der wichtigste Vordenker der Nihilistischen Kulturrevolution (1661-1664), die eine Generation später in den Hochnihilismus in zwei Phasen (1685-1688, 1697-1706) mündete.


Das Negationsgetue von van Vernichten hielt Quitongo für irrelevant: er wollte den Nihilismus als positive Grundlage verstehen. Doch es konnte in der Zeit totaler Zerstörung kein entspannter Nihilismus der Freiheit sein.


Die Anhänger und Nachfolger Quitongos waren vor allem Lyriker und Lebenskünstler. „Down and out“ war für ihn kein Endzustand, vielmehr eine emotionale Basis für ein intensives und erfülltes Künstlerleben.


Er kannte keine Bitterkeit, er war grundloser Optimist. Im Leben anders als in der Kulturbetrachtung! Er lachte seinen Zeitgenossen Intschviethel aus wie kein anderer und stand selbst an der entgegengesetzten Seite des philosophischen Spektrums: Materialismus und weltlicher Erfolg war für ihn aus ästhetischen Gründen das Verwerflichste überhaupt. Er sah das nackte Leben in den prekären Nachkriegsverhältnissen und wollte kein besseres Leben als ein unsicheres von Tag zu Tag.


Ein Meister der Kontingenzbewältigung, verstand er das Leben als individuelle Reise im nahezu wörtlichen Sinne.


Das war gelebter Existentialismus pur, mehr ging nicht. Der Staat und die Gesellschaft waren für ihn lustige Fiktionen, und die Kulturrevolution von 1661 ein künstlerisches Werk ohne politischen Anspruch.


Kurz vor seinem Tod merkte er an, dass Gravelaine seit 1664 jeden zeitgenössischen Philosophen beerdigt hat und lud ihn, selbst noch bei voller Gesundheit, schonmal zur eigenen Beerdigung ein. Und wenige Monate später wurde er nach einer Reihe von Wald-, Kletter- und Badeunfällen schwer krank, wonach er schnell verstarb.


Die Leichtigkeit der Existenz in den „miesesten Verhältnissen“ wird für immer sein Vermächtnis bleiben. Wer mit seinen Lebensverhältnissen unzufrieden ist, lebt zu bequem, sagte Quitongo stets im Hinblick auf die Depressivisten. Nur wer loslassen kann, der kann auch leben; und wer mit mehr als nichts unglücklich ist, der muss das Haben überwinden, um das Leben zu erreichen.


Kiite Aurele, 15.4.1915.





„Ich hatte viele Lehrmeister in der Theorie, aber nur einen in der Praxis“.

Gravelaine auf Quitongos Beerdigung, 28.10.1682.


„Da das Sein für einen Seienden eine Selbstverständlichkeit ist, hieß Quitongos Dichotomie Haben oder Leben. Die größte Verirrung war für ihn, das Leben haben zu wollen“.

Alien Dark, 1785.

Rolf Intschviethel (1619-1682)

 

 

 

Aus einer langen Tradition von Naturpositivisten kam dieser Praxistheoretiker des Wirtschaftswachstums. Er sah sich selbst als „realistischer Naturalist“, und die Wirtschaft als die Weiterentwicklung des natürlichen Lebens. Das Leben war für ihn etwas konkret Fassbares: Stoffwechsel auf der höchsten hedonischen Qualitätsstufe. Je erfolgreicher ein Lebewesen, umso besser schmeckendes Essen usw. kann es sich leisten. In einer langen Ableitung von dieser „Selbstevidenz“ stellte Intschviethel das BSP-Wachstum pro Kopf als das höchste Ziel einer Gesellschaft hin.


Er unterschied reales BSP vom fiktiven: ein Mars ist nicht mehr wert, wenn für 3 Mark anstatt 80 Pfennig das Stück ge- oder verkauft. Aber ein Uranus, ein hedonisch neunmal so wertvoller Schokoriegel, sei auch tatsächlich neunmal mehr wert. Und das war für ihn in ausnahmslos allen Lebensbereichen gültig. 


Das Ziel des Individuums sollte nach Intschviethel sein, zu jedem Zeitpunkt des Lebens die wertvollere Option zu konsumieren, vorausgesetzt, dass es selbst erwirtschaftet wird. Ein Billiglöhner, der zur Pause drei Mars snackt, lebt nur ein Drittel so gut wie ein Vielverdiener, der ohne Hast und Eile, auf bequemerem Stuhl und mit besserem Tee einen Uranus vernascht. Und nein, nicht bloß dreimal: Komfort und Gesundheit kommen noch dazu. Es sei also wichtig für eine Gesellschaft, Billigarbeit und Billigkonsum outzusourcen.


Das objektiv sauber berechnete BSP pro Kopf sei das Wertzeugnis einer Gesellschaft, wurde er nicht müde. Das individuelle Problem in schlechten Gesellschaften sei das „Grübeln“, die wirtschaftlich sinnlose Tätigkeit. Wissenschaft sollte schnellstens zur Technologie führen und sei an sich selbst wertlos, aber Kunst und Philosophie seien sogar als Mittel zum Zweck wertlos, und oft sogar vom negativen Wert. Das perfekte Individuum sollte täglich danach streben, eine höhere persönliche Bilanz zu erreichen: Wenn das BSP pro eigenen Kopf höher ist als das durchschnittliche, ist das ein Grund, stolz zu sein, im umgekehrten Fall sollte man sich schämen.


Das klingt alles nahe an der Karikatur, ist aber „common sense“, nur explizit und ausdrücklich gesagt: so argumentierte Intschviethel selbst. Das Ziel der Gesellschaftswissenschaft sei, die ungeschriebenen Regeln und die unausgesprochenen Gesetze des Zusammenlebens offenzulegen, um kommunikative Leerläufe und Diskussionen im Allgemeinen zu vermeiden. Eine perfekte Gesellschaft ist ein wachsendes wirtschaftliches Uhrwerk im „harmonischen Flow“, und jeder Einzelne genau dasselbe im Kleinen.


Diine Yiihhi, 7.2.1915.



 
„Das war das Gegenteil des Anspruchshedonismus: das wirtschaftliche Verhalten als weltimmanente Selbstdisziplin, die konkrete Welttätigkeit als klar evaluierbare Selbstkontrolle. Der Konsum war nur das Zeichen nach Außen, dass exzellent gewirtschaftet wurde, und ohne das vorherige Erwirtschaften als nahezu kriminell betrachtet. Der Geltungskonsum des 19. Jahrhunderts war eine direkte Folge eines so gearteten „common sense“, und wäre ohne diesen Zusammenhang nicht zu verstehen. Intschviethel sprach nicht aus, was alle dachten, aber er schrieb auf, was alle taten“.

Eric Bernard, 25.3.1915.


„Es ist viel über die inhumane Absurdität Intschviethels gesagt worden, aber suchtkranke Kriegsveteranen lesen keine stimmungsaufhellende Erbauungsliteratur, sie lesen Intschviethel“.

Kiite Aurele, 31.3.1915.

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„Nach dem devastatorischen Crash vom Ende Januar / Anfang Februar 1679 fasste Intschviethel seine Praxistheorie so zusammen: 1. Was kannst du ändern? 2. Welche Veränderungen kannst du messen? 11 Jahre Wirtschaftskrise, und am Ende waren die, die sich diese minimale Selbstwirksamkeit nahmen, bereit für den Aufschwung. Die Grübler und Sinnsucher waren tot oder äquivalierten dem in ihrer psychischen Verfassung. 1713 wurde von Xetter der Begriff „Weltfremde Autisten“ für Intschviethels „Jünger“ geprägt, aber während die Welterklärer wirtschaftlich und sozial abgehängt wurden, haben diese „Autisten“ so viel Wert akkumuliert, dass sie 1716 eine Whisky-Kultur in der Finisterre begründeten, und an der Börse in Ceachelle und Lxiour mehr Luxus als am Hof von Preteria zur Verfügung hatten. Das waren zweifelsohne alles herzlose Menschen, die nichts von Werten, Kultur und dem Sinn des Lebens verstanden. Ich habe gerade ein Fass aus dem November 1716 erworben, das damals völlig sinnlos für eine unsichere und sicherlich nicht lebenswerte Zukunft mit feinstem Port Eleine befüllt wurde. Dafür musste ich zwanzig Jahre lang Bücher verkaufen; was für eine Fehlinvestition!“

Wolf Irr, 1.4.1915.

Robert Kinrol (1612-1680)

 

 

 

In die einflussreiche Familie Kinrol geboren, war er mütterlicherseits eine Feengeburt. Der Geburtsort ist strittig, doch kurz nach der Geburt wurde er von seinem Vater im Wald abgeholt. Strenge Schule, coole Offizierskarierre. In den 1630-ern Kampfeinsätze an der Küste, ab 1640 in Actinien unter Higerados Kommando. Von ihm lernte er auch die Philosophie.


In den mittleren 1650-ern war er Anhänger van den Kiffens, schrieb mit ihm zusammen, und später auch mit Higerado an einer Geschichte der westlichen Philosophie. Er systematisierte die typischen Philosophiegeschichte als eine fünfgliedrige Kette:


1. Die Phase der Metaphysik. Auf Empfehlung van den Kiffens nannte er sie später die Naturphilosophische Phase. Die ersten drei Generationen einer philosophischen Tradition (die sich von bloßer Mythenerzählung durch ihre Fragestellung und ihr antwortbezügliches Offenheitsbewusstsein abhebt) gelten der rationalen Kosmologie sowie der Bestimmung der Stellung des denkenden Subjekts in der kosmischen Ordnung.


2. Sie Phase der sprachlichen Reflexion (später als die sophistische Phase bezeichnet): Logisches Denken entdeckt Aporien, seine eigene strukturelle und kulturelle Bedingtheit.


3. Als Reaktion auf den drohenden Relativismus folgt die Phase der Systemphilosophie. Diese wird nicht von allen Kulturen erreicht: auf die sophistische Phase folgt eine dogmatische oder mythisch-reaktionäre, insbesondere wenn die Kultur sich in einer Phase der vereinfachenden Konsolidierung befindet.


4. Nach der Systemphilosophie folgt die Systemkritik: es gibt den moralisch-praktischen, den mystischen und den lebensphilosophischen Weg. Die dominierende Philosophie in dieser Zeit ist vor allem von der Entwicklung, der ihr die einzelnen Denker geben, abhängig.


5. Die Phase der Metaphilosophie, für Kinrol noch ausstehend, aber in Ansätzen schon mit van den Kiffen beginnend, ist der kulturellen Abschluss einer philosophischen Tradition. Er selbst hat nur vage angedeutet, was diese Phase bedeutet und wie sie endet. Doch als Betrachter aus der für ihn fernen Zukunft können wir sowohl seiner Systematik folgend als auch faktisch einiges darüber erzählen.


1299 bis 1354 oder, nach Lust und Laune, bis 1395 erstreckt sich die Gründungsphase, die insbesondere in Preteria schon früh in die sophistische Phase übergeht, wo die Systemphase nicht mehr erreicht wird. Weiter nach Norden, mehr System: Hedonikus in Reburt, Systemschulen in Edelia und Keria. Westlich von Reburt ist die zweite Phase unmerklich in die dritte übergegangen, und diese fließend in die vierte: die Zersplitterungsverhältnisse ließen fast nur Individualphilosophen zu. Mit der Gründung des Staates in der Finisterre wurde die Philosophie sogar noch weiter verdrängt: 1556-1617 wurde nur noch rezipiert, wenn überhaupt. Die Philosophie der Finisterre selbst kann ab dem Ende 1617 der vierten Phase zugerechnet werden, die sehr langsam im 18. Jahrhundert ausklingt; die fünfte Phase fängt in den 1650-ern und ist womöglich noch heute nicht ganz zu Ende.


Unsere Abzweigung der westlichen Tradition ist enttäuschend. Dafür haben wir 1747/48 eine eigene Tradition begründet, die anspruchsvoller ist als jede andere auf der Welt. Die erste Phase beginnt mit Dark und dauert bis Ende 1824 (sie endet mit dem Manifest der absoluten Wahrheit). Die Zweite dauert kurz, mit Ingrets Systembeginn ab 1873 fängt Phase 3 an. Dass die vierte Phase zu früh kommen könnte, psychoanalysiert meine unbewusste Befürchtung beim Historikerstreit im vergangenen Sommer. Doch ich sehe mir die edlen Herrn Ninlinii und Yiihhi an, und mache mir keine Sorgen. Unsere neue Tradition ist eine der Philosophie des Geistes und der exakten Wissenschaft, und die Systemphase fängt gerade erst an. 


Nichts gegen Kultur, doch die 31 Monde unseres Planeten haben nicht nur eine kulturelle Bedeutung, sie sind auch physikalisch da. Und damit zurück zu Kinrol: er sah es als kritisch an, die wissenschaftliche Produktivität der Hochphase einer philosophischen Tradition einzuschätzen, um ihren tatsächlichen Wert zu ermitteln. Eine Tradition, die nur Welterklärung und heiße Luft produziert, ist auch philosophisch nicht sehr wertvoll, denn die geistige Höhe der philosophischen Auseinandersetzung mit den Gegenständen des Denkens setzt eine naturwissenschaftlich und in der Folge technologisch sichtbare Denkschärfe voraus. Die Legalisten von Preteria wollten politische Machtverhältnisse konservieren, für sie wäre jeder wissenschaftliche und technische Fortschritt eine Gefahr gewesen. Das war kurzzeitig schlau, dass sie geistige Entwicklung unterdrückten, aber schon mittelfristig die Ursache für schnellen Verfall. 


Kinrol war um 1675 trotz der allgemeinen miesen Stimmung optimistisch: der Zeitgeist in der Finisterre war pragmatisch orientiert, lebebsphilosophischem Pessimismus und moralisch-religiöser Rhetorik wurde im Großen und Ganzen, wie man es mit jeder Art Terrorismus tun sollte, mit einer grimmigen Indifferenz begegnet.


N. T. van Anderten, 28.12.1914.
 
 

Eric Bernard, 16.2.1915 (Kinrol-Phasen gesamtwestlich):

1. Aristarch und die Kosmogoniker 1299-1395.

2. Legalisten und Nihilisten im 14. und beginnenden 15. Jahrhundert.

3. Systeme von 1431 bis ins frühe 17. Jahrhundert, wobei je nördlicher, umso später das Ende der Systemphilosophie.

4. Ab ca. 1525 überall, große kulturelle Breite, besondere „Nationalphilosophien“, die im 17. Jahrhundert identitätsstiftend wurden.

5. In der Finisterre schon in den 1650-ern, im Westen allgemein im 18-19. Jahrhundert.

Eine einheitliche Denktradition ist seitdem nicht mehr vorhanden, größtenteils leben die Länders des Westens von der alten Tradition und erfreuen sich literarisch und technologisch an der Gegenwartsgeistesgeschichte.


Donnerstag, 25. Dezember 2025

Alfred van Vernichten (1602-1677)

 

 

 

Man kann auch die Zeit verantwortlich machen. Ja, Alfred van Vernichten war ein Kind, ein Jugendlicher und ein Erwachsener seiner Zeit. Er wuchs im Nordosten der Finisterre auf, partizipierte an Krieg und Wiederaufbau. Als er 45 war, war der Krieg vorbei. Als er 50 war, war zumindest für ihn selbst alles in Ordnung. Doch er sah es nicht so; im Krieg zweckmanichäischer Fighianer, entwickelte er sich in der Nachkriegszeit zum bitteren Nihilisten. Er war die ihr Unwesen treibende Kraft bei der nihilistischen Kulturrevolution von 1661.


Sehr eitel war der Mann. Er wollte Figh als Kultfigur übertreffen. Er hatte einen Negationseifer, der aus Pessimismus einen parareligiösen Kult machte. Immer wieder von den Pragmatikern zurechtgewiesen, steigerte er sich in seinen letzten Lebensjahren in den lebensverneinenden Nihilismus südostwestlicher Skeptiker: der notorisch unterentwickelte Teil des westlichen Kontinents, unzähligmals von Horden und Wilderem heimgesucht, war ja seit dem 15. Jahrhundert eine Brutstätte für Antiphilosophen (Ilf Ill und Eric Bernard haben mit dieser Bezeichnung ins Tiefschwarze getroffen). Und unter ihnen hatte van Vernichten 1673 sein strahlendes Vorbild gefunden, selbst schon im weisen Alter von Anfang 70.


Seine Philosophie ist klar umrissen: überall das versteckte Negative sehen, in jeder Hoffnung eine Täuschung, die das Bewusstsein fesseln und den Leidenden am Leben halten sollte. Er sah die Noosphäre als ein verselbstständigtes parasitisches System, ohne Zweck, ohne Grund. Wie Gravelaine sah er das Ich als das eigentliche Problem: hier dockt der Parasit an; ist das Ich überwunden, existiert nur noch die van den Kiffensche Lockerheit, ein Lebensflow ohne Subjekt. Wer und wozu diesen Zustand erfährt, war für unseren sehr praktisch orientierten Lebensskeptiker eine unzulässige sophistische Frage.


Mit van Vernichten fängt das dunkle Kapitel einer geistreichen Geschichte des Denkens, Intuierens und Vorstellens an; er ist der Latteneinreisser zwischen Kjelde und Gravelaine, der programmatische Zerstörer des denkenden Subjekts. Das größte Problem des denkenden Subjekts ist, dass das denkende Subjekt existiert. Alles ist im Grunde gut, nur die Existenz des Subjekts, der Perspektive der Ersten Person, ist das Problem. Die Welt der Sterne, Bäume und Naturgewalten hatte ihm „nichts getan“, so seine eigene Rechtfertigung für ihre rhetorische Schonung.



Karachinado Ceresa, 10.12.1914.

Mittwoch, 17. Dezember 2025

Rafael van den Kiffen (1599-1676)



Wir formalisieren bis wir Kommensurabilität erreichen, letztlich um den Preis, dass wir nicht mehr wissen, wovon wir reden. Was haben dann von Kommensurabilität? Technologie. Wozu brauchen wir Technologie? Den Luxus, diese Frage stellen zu können, erlauben wir uns, weil wir Technologie haben. Hätten wir sie nicht, wäre die Frage dringlicher, wie wir sie bekommen, und es gäbe zwei Möglichkeiten: als Magie-für-uns (Technologie, die wir nicht selbst erschaffen haben und darum nicht verstehen) und auf der Grundlage der Wissenschaft.


Die Fragen, wie etwas funktioniert und was es ist, sind grundsätzlich inkommensurabel. Dennoch können wir die Frage nach dem, was Wissenschaft ist, beantworten, indem wir zeigen, wie sie funktioniert. Die Inkommensurabilität verschwindet nicht, sie verschiebt sich nur: Die Frage, warum Wissenschaft grundsätzlich funktioniert, können wir nicht beantworten. Warum lässt sich die äußere Mannigfaltigkeit unter formale Gesetze bringen? Dass es möglich ist, zeigt die angewandte Wissenschaft, die Technologie. Was sind die Naturgesetze? Wer ist der Gesetzgeber? Solche Fragen sind für das wissenschaftliche Denken relevant und nicht „Was bedeutet das alles für mich?“ Die subjektiven Fragen lassen, um mit Hedonikus zu sprechen, nur subjektive Antworten zu.


Mit Kjelde als Dekadenzerscheinung kann ich leben. Als Schlusspunkt einer philosophischen Tradition ist sein Denken nicht so deplatziert als wenn man ihn an den Anfang stellt: der lebensphilosophische Skeptizismus setzt voraus, dass es eine lange Tradition objektiven und allgemeingültigen Denkens gibt. Nun würde ich halt lieber den Wissenschaftsphilosophen Rafael van den Kiffen als Abschluss dieser Tradition sehen; und was das Werk von Gravelaine angeht, das ist nicht mehr Philosophie, das ist Weltliteratur.


Das Prinzip des Kreises der Wissenschaft (Physik, Chemie, Biologie, Psychologie, Philosophie, Mathematik, Physik) begründete van den Kiffen in den späten 1630-ern, das Ziel war interdisziplinäre Kommensurabilität. Mit Verwunderung betrachtete er das sinkende Interesse an der Wissenschaft; Krieg war für alle Krieg, und er hatte dazu noch den undankbaren Job des Politikers. Er gestaltete das erste Parteiensystem in Ceachelle mit. 1651, als der Dust settelte, rezipierte er das Skandalbuch vom Ende der Wissenschaft, das sich in Preteria großer Zustimmung der Mächtigen erfreute. Er facepalmte kopfschüttelnd.


1652-1660 trat seine metawissenschaftliche integrale Methode bei uns den Siegeszug an, doch kippte zunehmend ins Lebensphilosophische; nachdem die spirituelle Erleuchtung als Turbo-Schnellkurs sich illusorisch erwies, wurde seiner ganzen Wissenschaftsphilosophie enttäuscht der Rücken gekehrt. Der Nihilismus, der uns immer in positiver, freiheitlicher Form begleitete, wurde immer düsterer, bis er 1673/74 sogar lebensfeindlich wurde. Auf diesem Rosse ritt der Ritter Gravelaine, sein Wort war nicht nur Gesetz, es war Offenbarung. Wie es anders als totale Resignation genannt werden kann, fällt mir nicht ein.


Van den Kiffen verbrachte seine späten Jahre als Senator in Lxiour, er hatte auch im Parlament immer wieder die Partei der Nihilisten angeführt, die sich zu keinem Zeitpunkt seit ihrem Bestehen einer lebensverneinenden Philosophie zugewandt hatte, was sie nur verdächtiger machte: die finstersten Pessimisten galten als die wahren Realisten, die Partei der Lockerheit als weltfremd.


N. T. van Anderten, 5.8.1914.



„Für van Anderten gibt es nur Wissenschaft, Philosophie als Weltbezug versteht er nicht“.

Aus dem Nachlass von Wolf Kress.

 
„Der stockkonservative Higerado und der steinliberale van den Kiffen dachten über den Sinn des Weltganzen nicht nach, sie setzten ihn stillschweigend voraus. Besser als nur darüber nachzudenken. Doch die eigentliche Frage ist ja, ob unsere Positivisten den Unterschied zwischen Substanz und Funktion verstehen. Van Anderten setzt ihn als bekannt voraus und fragt, ob seine Kritiker den Zusammenhang zwischen Funktion und Substanz auf der Metaebene verstehen. Kjelde hätte ihn verstanden, Gravelaine wahrscheinlich nicht mehr: er war Reduktionist. Und nun stelle man sich einen Existenzphilosophen vor, der nur in Funktionzusammenhängen denkt. Das ist nihilistischer als die metaphysikfreieste Naturwissenschaft“.

Kiite Aurele, 6.8.1914.


Dienstag, 16. Dezember 2025

J. F. Kjelde (1596-1648)

 

 

 

Noch nie ist mir ein weiserer Mann begegnet“. General Grevious, Tagebucheintrag im März 1648, wenige Monate vor dem Tod Kjeldes.



Die alte Tradition beginnt mit Archar Aristarch (1272-1354), der im Jahr der Auflösung des Stadtstaates von Inii stirbt. Aristarch lebt in Alienne, das zum westlichen und noch bestehenden Colochmetien gehört. Der offizielle Anfang unserer philosophischen Tradition ist das Werk „Die Neun Sonnen“ von Aristarch (1299). Kjelde bildet mit Gravelaine den Abschluss dieser Tradition, die zwar postphilosophisch und rezeptiv mit Nhieu, Coona und anderen weiterbesteht, aber mit dem Tod Gravelaines 1683 als abgeschlossen gilt. Wobei das wiederum nur eine Momentaufnahme im Jahr 2005 ist und sich noch ändern kann (viele Denker nach Dark gehören eigentlich der alten Tradition an und sind nicht der Philosophiegeschichte der Finisterre zuzurechnen, die für ernste Systematiker wie mich 1773 beginnt).


Die Postulierung der Logik als Mittel der Welterkenntnis wird von Aristarch selbst als der Bruch des Geistes mit der Welt bezeichnet, und in seiner Interpretation der Geschichte von Jason Walton May ist Walten Hush nichts anderes als die durch den wissenschaftlichen Angriff auf die Natur in Gang gesetzte Weltgeschichte.


Dennoch ist Aristarch ein klarer Befürworter der Wissenschaft, der nur vor deren Verabsolutierung warnt. Nach 1354 nimmt die Weltgeschichte ihren schrecklichen Lauf, und während das siegessatte Colochmetien auf kleine vom Weltlauf weitgehend isolierte Interlesbien zusammenschrumpft, betreten die ersten großen profanen Mächte die Bühne der Geschichte. Die philosophische Tradition der westlichen Waldgänger besteht neben dem Legalismus der Königshöfe, der Naturphilosophie der Abenteurer und Kaufleute und der positiven Theologie der unzähligen Religionsgemeinschaften.


Die Geistesgeschichte bis 1632 ist als bekannt vorausgesetzt. Von da an (in einem Manifest von 1617 wurzelnd) nimmt sie ihre bedeutendste Abzweigung, und zwar in der Finisterre. Die geistige Landschaft in Reburt ist um 1600 karg, und rezipiert im 17. Jahrhundert den objektiven Idealismus aus Vienne und die naturrechtliche Moralphilosophie aus Preteria, die kaum besser ist. Im 18. Jahrhundert ist unser stolzes Reburt weiterhin eine schlafende Stadt. Die westliche Spätphilosophie hat sich vor allem in Ceachelle abgespielt, und so ist es nur angemessen, dass die bis heute wichtigsten Zusammentreffen der besten Denker (Ceachelien) dort stattfinden.


Kaum verständlich, wie die hochreflektierte Essenzphilosiphie der 1630-er einst nicht als Spätphilosophie gesehen wurde, so voraussetzungsreich wie sie ist. Die Existenzphilosophie von Cattangee, die er von 1624 bis 1630 ausgearbeitet hatte, war bereits als Abschluss einer langen Denktradition gedacht. Doch Kjelde ging noch weiter und integrierte in die metawissenschaftliche und postlogozentrische Betrachtungsweise auch die negative Theologie und positive Mystik. Er nahm Fighs Essenztheorie von Gut und Böse ästhetisch ernst, also interpretierte sie im Sinne von Arecast.


Durch das Ausbreiten der epistemischen und mystisch-religiöser Aporetik stellte Kjelde klar, dass nur noch der ästhetische Weg der Erkenntnis offen war, was für die Spätphilosophie einer Tradition spricht. Die Einstellung zum Wissen dürfe nicht reduktionistisch sein, die Einstellung zum Nichtwissen nicht resignativ.


Der vortrefflichste der feindlichen Heerführer, General Grevious, gab 1648 in einem Gespräch mit Kjelde zu, „kriegssüchtig“ zu sein. Er führte bis ins hohe Alter Heere an und starb 1682 unmittelbar nach einer Schlacht. Kjelde sah in seiner Philosophie des Geistes Anfang der 1640-er den Widerspruch als die treibende Kraft des Lebens an, und polemisierte scharf gegen seinen berüchtigten Zeitgenossen, der alle Widersprüche „versöhnen“ wollte. Wenige Jahre nach dem Tod Kjeldes, 1652-1660, betrat ein kreativer Widerspruchslöser mit seinem integralen Ansatz die Bühne, während der für seine Dialektik berüchtigte Originaldenker bis 1696, lange nach seinem Tod, auf die Rezeption in der Finisterre warten musste.


Der Widerspruch ermöglicht dem Denken, zu unerwarteten Ergebnissen zu kommen, und befördert damit echte Erkenntnis. Dass These und Antithese eine Synthese ergeben sollten, sah Kjelde als ein Nullsummenspiel an, bei dem das Denken nichts gewinnt. Im Gegenteil: die Nuancen sowohl der These als auch der Antithese werden auf dem Altar der Synthese geopfert. Das sei „logische Barbarei, nichts weiter“, so Kjelde.


Er sah die Zukunft der Finisterre nach dem Krieg pessimistisch: Weise sah er voraus, dass der strukturelle Widerspruch zwischen dem sich selbst genügenden Hochland von Lxiour und den Städten an der Küste das politische Leben auf Jahrzehnte lähmen würde. Er sollte Recht behalten. Der politische Prozess wurde sogar im weitesten Sinne basisdemokratisch, weil die Politik so gut wie nichts zu entscheiden hatte. Von der Neugründung des Staates 1652 bis zur Moralischen Revolution 1747/48 ging es in der Politik der Finisterre um die „Verwaltung der Ohnmacht“, wenn man schon bei Kjelde und Gravelaine von der philosophischen „Verwaltung des Nichtwissens“ spricht. „Betreute Anomie“, nannte Gravelaine die Zustände in Ceachelle (1680). 



Alfred Kretschet, 5.12.2005.

John Cattangee (1593-1646)

 

 

 

Bevor ich Kjelde gegen die Angriffe von van Anderten und Ceresa in Schutz nehmen will, muss ich den lebzeitlich bekannteren Fremden in Erinnerung rufen; der Einfluss von John Cattangee auf unser Denken im 17. Jahrhundert ist so gewaltig, dass er zu einem weißen Elefanten in einem porzellanlosen Vorraum eines verständnislosen Bahnhofs geworden ist. Kurz: Es lässt sich für und wider argumentieren, so und anders, aus diesen und anderen Gründen. Das war Kjelde mehr als bewusst. Er endete nicht in aporetischen Zwangsrelativismen, er setzte sie bereits voraus.


John Cattangee, ein Ni dom nach J. X. Selff, sah sich als der Endpunkt einer Tradition, und Kjelde sah sich als sein legitimer Nachlassverwalter. Sie kannten sich gut, lebten in Ceachelle und hatten im Krieg keine Position bezogen, aber nicht aus moralischer Apathie. Sie argumentierten, dass wenn die Welt gut ist, sich das Gute schon durchsetzen wird. Das war nicht zynisch gemeint. Doch als die Truppen von General Grevious auf Befehl eines wahnsinnigen Königs Vernichtungszüge unternahmen, die alles, was in der Tradition von Adelaid und Aristarch stand, auslöschen sollten, war die Neutralität mit Weisheit nicht mehr zu begründen. 


Welches Wissen teilten Cattangee und Kjelde, das das teilnahmslose Zusehen dennoch rechtfertigte? Und taten sie denn wirklich nichts? Sie argumentierten für die radikale Vergeblichkeit, aber Cattangee organisierte nicht weniger als neun Flüchtlingsunterkünfte auf dem Land, und Kjelde schmuggelte Dokumente für die Regierung in Lxiour an den Besatzern vorbei. Weder der Feigheit noch des moralischen Relativismus schuldig, verweigerten die Beiden strikt jeden Zweckoptimismus und jeden Zweckmanichäismus erst recht.


So wie Kiite Aurele immer wieder sagt: „Ich habe alle meine Erkenntnisse im Drogenrausch gewonnen, aber macht es mir nicht nach, es wird euch zerstören!“, so hätten Cattangee und Kjelde sinngemäß warnen können: „Wir müssen alles relativieren, aber macht es uns nicht nach, ihr werdet mit den Ergebnissen eures Denkens nicht leben können!“ Denn im Grunde haben sie intuitiv etwas erkannt, was ich erst 250 Jahre später in meiner Sprachkritik expliziert habe: alles Wissen ist aporetisch, die Aporien lösen sich auf einer höheren Ebene zwar auf, aber die Antworten sind dann inkommensurabel mit den ursprünglichen Fragen.


Als ich mit dem Meister von Dorcor zum ersten Mal zusammentraf, wollte ich wissen, ob Bodoncar existiert hat. Er sah mich ruhig an und fragte: „Warum willst du zu Bodoncar Zuflucht nehmen? Was lässt dich an deiner eigenen Existenz zweifeln?“ Der Schlüssel liegt im Erleben, nicht im Denken. Wer aber das Erleben zum bloßen Mittel der Erfahrung macht, um für sein Denken Erkenntnisse zu gewinnen, verfehlt das Leben. Das Denken Cattangees war ein postlogisches Changieren zwischen den Seinsebenen, und Kjelde zog die Konsequenz daraus.


Cattangee legte den Grundstein für den Grundkonsens, dass das Leben als Schnittstelle von Denken und Sein ein nicht auf Prinzipien oder Gesetze reduzierbarer Kontingenzraum ist, und dass daraus ein nihilistischer Relativismus wurde, ist dem steilen Abstieg des philosophischen Denkens in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu verdanken.


Der Preis für das politische Überleben war höher als gedacht: die zweite, negative Phase der Geschichte der Finisterre (1652-1737) war von Resignation und Entfremdung geprägt. Gravelaine war der einzige Stern am Himmel des immer negativer werdenden Nihilismus, und jeder Intellektuelle in den 1670-ern wartete ungeduldig auf die nächste Aphorisnensammlung des Meisters der „Existenz im Unmöglichen“ (Cattangee). Als Gravelaine 1683 starb, hinterließ er eine Leere, die bis 1748 nicht mehr gefüllt werden konnte. Der Nihilismus wurde immer zynischer, die Lyrik sadistisch, die Geschichtsschreibung im schlechten Sinne ironisch. Ab 1696 setzte sich, unseren Geist kolonisierend, ein sehr sophistizierter objektiver Idealismus durch, der von 1703 bis 1710 als absolute Wahrheit gefeiert wurde und 1718 eine präzedenzlose geistige Bankrotterklärung hinnehmen musste. Nein, Kjelde und Gravelaine haben die Tradition nicht vergessen, sie haben implizit immer mit ihr gearbeitet.


Ilf Ill, 24.7.1914.


„Van Anderten ging es um die Wissenschaft, Ceresa um die kulturelle Tradition. Die Ironie war, dass die von ihnen Kritisierten Abschluss, nicht Vorstufe der wissenschaftlichen Tradition waren, und, besonders gegen Ceresa, dass er selbst die kulturelle Tradition angegriffen hatte (die Kultur des 17. Jahrhunderts wäre ohne Kjelde und Gravelaine die Negation nicht nur der Tradition, auch der Kultur selbst, gewesen)“.

Endhold Stockinger, 1998

„Wenn Cattangee, Kjelde und Gravelaine das Ende der Tradition sind, dann beginnt unsere eigentliche Philosophiegeschichte mit Alien Dark 1748, und wir müssen die Jahre von 1312 bis 1683 als unsere Antike betrachten, sagte van Anderten zu Aurele, als der geistesgeschichtliche Paradigmenwechsel sich anbahnte: „Die Alten fingen als Naturwissenschaftler an und endeten als Mystiker. Wir machen es andersrum. Die Frage ist dann eigentlich, warum wir so lange bei den Skeptikern des 17. Jahrhunderts, und nicht bei Dark den Anfang unserer aktuellen Denktradition gesucht haben“. Aurele sah den Grund im tiefen psychologischen Trauma: „Wir haben im Unmöglichen überlebt. Das ist unser Urmythos, die geistig-moralische Basis unserer heutigen Kultur. Wir haben die Lebensphilosophie zum Ursprung gemacht, und haben dieses Narrativ gegen die Faktenlage behauptet. In Wirklichkeit fängt unsere Denkgeschichte, die wirklich die unsere ist, erstens mit Dark an, und zweitens nicht 1748, vielmehr 1773“.

Alfred Kretschet, 2014.

"Van Anderten argumentierte gegen das Vorurteil, es hätte in unserer Vorzeit nur Mythen gegeben; Ceresa kritisierte das Vergessen der Tradition. Mit Higerados Werk, und dort insbesondere die Diskussion des Lebenswerks von Aristarch, zeigte sich, dass die Tradition von Anfang an mit ihrem Vergessen rechnete und es gar nicht für so schlecht hielt".

Fiine Pousteaux, 2021.

Ariel Higerado (1588-1677)



In seiner Habilitationsschrift „Exakte Wissenschaft: Die älteste nihilistische Tradition“ (Vienne, 1914) untersucht Diine Yiihhi die ideellen Voraussetzungen des „Nihilismus der Freiheit“, der gegen einen scheinbar unbesiegbaren Kult siegreichen geistigen Befreiungsbewegung, die im Spätherbst 1620 eine konservative positiv-nihilistische Revolution darbrach.


Nach dem regenreichen Sommer 1913, dem rekordwarmen Frühling 1914 und dem laufenden kalten Rekordsommer schaue auch ich etwas öfter auf das Thermometer und lese mir mit steigenderem Neterpeniye die Klimaberichte durch. Der Punkt ist: unser Nihilismus war fast durchgehend eine unversiegbare Quelle von Lebensfreude und Freiheitswillen, weil wir die reichste Tradition exakter Wissenschaft haben. Warum haben wir die großen fremden Denker in Kathetus, Hypothenus und Hedonikus umbenannt? Weil es zu jedem von ihnen eine Entsprechung aus iniischer Tradition gegeben hat. Die Quellenforschung ist fast abgeschlossen, und wir können mit einer Relativierung Kjeldes und sogar Arecast als Startpunkt unserer Philosophiegeschichte rechnen.


Was zeichnet den zum alten Mann gewordenen alten Higerado aus? Er ist der traditionsbewussteste konservative Philosoph, den wir hatten. Ceresa hat mehrere Ausgaben seines Werkes in Actinien zusammengestellt; der neuesten Ausgabe ist die wichtigste wissenschaftshistorische Schrift Higerados hinzugefügt worden (was ihre Zeit bruuch, da sie nur als Handschrift in einer einzigen Ausgabe erhalten ist), und wir wissen seitdem prozentübergreifend genau: Am Anfang war Wissenschaft.


Higerado hat die wissenschaftliche Tradition bewahrt und weitergegeben wie kein anderer vor und nach ihm. Als hätte es keine Tradition gegeben, begannen wir unsere Geistesgeschichte mit Kjelde, der sich unsicher war, ob er etwas wissen konnte, und setzten sie mit Gravelaine fort, der sich sicher war, dass wir nichts wissen konnten. Bis 1696 stürmte unsere Philosophie immer weitere Tiefen, bevor sie sich in jenem Jahr ganz auflöste und einen uns weltfremden objektiven Idealismus einführte. Bis zu Darks Moralischer Revolution 1747/48 hatten wir kein eigenständiges Denken. Weil wir Gravelaine, und nicht Higerado gefolgt sind.


Higerado dachte zu ontologisch, um sich vom wehleidigen existentialistischen Kleinkram beeindrucken zu lassen. Er dachte nicht in Flaschenhälsen, er dachte in Kosmogonien. Und so fängt seine Überlieferung der Geistesgeschichte mit Archar Aristarch aus Alienne an, dessen Lebensdaten zwar im Zweifel für den Zweifel sprechen, aber mir heute durchaus glaubwürdig erscheinen (wobei wir nicht den Fehler machen sollten, aus dem Kult des Zweifelns an historischen Quellen in das überkompensatorische Gegenteil des hinterfragfreien Glaubens zu geraten). Nun denn: Archar Aristarch (1272-1354), bei der Krönung Adelaids ein Jüngling, in den 1310-ern der erste Niederschreiber des Urmythos von Jason Walton May. Wie charakterisiert er May? Als einen Im-Grunde-Naturwissenschaftler.


May will die Natur des Todes erforschen und stellt fest, dass das Bewusstsein zwischen Leben und Tod (als Übergang verstanden) das Bleibende im Wechsel ist. Bei der Erforschung des Bewusstseins gerät May in die Hieihische Falle: je mehr wissenschaftliche Daten er zusammentragen und auswerten kann, umso mehr entgleitet ihm der Sinn der Frage, was das Bewusstsein ist. Am Ende versteht er die Frage nicht. Das ist die innere Vorarbeit zum Angriff auf den dunklen Tempel, dessen Mönchen er Geheimwissen über das Bewusstsein zu entreißen hofft (selbstredend in der Sprache der Wissenschaft). Der Rest ist Legende.


Higerado lebte und kämpfte (1614-1646) überwiegend in Actinien, war bei der Zerstörung, doch nicht Eroberung, in den drei Antiactinischen Kriegen (nur der Erste ist mit 3.2.1640 - 1.12.1641 genau datiert, die anderen halt 1642-1643 und 1644-1645) am Ort der Vernichtetwerdensollung nicht nur dabei. Er hielt alle Festungen, und unter seiner Führung bestand ein durchschnittliches Exhaustionsverhältnis von 16:1, das in der Finisterre erst ab 1799 erreicht wurde (im Krieg von 1780-1811). Ceresas historisches Vorbild war ebenfalls Politiker. Er vertrat in Actinien einen Zweckmanichäismus, ganz im Sinne des späten Figh.


Nicht müde wurde Higerado, darauf hinzuweisen, dass Walten Hush im Urmythos der kommende, noch zu erwartende unaussprechliche Weltuntergang ist. Keines existiert ein vollendeter Untergang wegs, und das wendet die Erzählung von der Vergangenheit, die sie erklären soll, in die Zukunft, in die sie weisen will: wir haben die natürliche Weltordnung nicht „zerstört, und wurden bestraft“, wir haben sie leichtsinnig herausgefordert, und müssen daraus lernen. 


Kein Wunder, dass den Hoflegalisten im 14. Jahrhundert eine solche Deutung auf den Sack ging. Sie wollten eine Rechtfertigung politischer Macht (und Unterdrückung), keine monumentale Ermutigung zu höchster geistig-moralischer Freiheit. (K)Ein Wunder, dass wir ihre Deutung im 15-16. Jahrhundert kritiklos übernahmen. Kein Wunder, weil überall wo geguckt, Krieg und Zerstörung walteten. Ein Wunder, weil wir uns von der unmittelbaren Situation zu sehr beeindrucken ließen, hatten wir doch die reichste, klügste und nüchternste wissenschaftliche Tradition.


N. T. van Anderten, 30.6.1914.



Gegen das Narrativ von Limnus (1288-1368) konnte sich die Darstellung von Aristarch (1272-1354) nicht durchsetzen, weil die Legende von Jason Walton May in der Sageweise von Linmus eine tiefere psychologische Resonanz hatte. Limnus griff übrigens die Behauptung des frühen Adelar (1292-1371) auf, Bodoncar hätte nie existiert, um Bodoncar noch legendärer zu machen (Fakten hätten das Narrativ nur gestört). Der späte Adelar vertrat eine negative Theologie und eine positive Kosmologie, die bis zum Existenzpositivismus reichte: so sprach er davon, dass Legenden Nacherzählungen wahrer Ereignisse, und keine bloßen Erdichtungen seien. Die Quellenforschung hat dies bestätigt: die Existenz von Bodoncar gilt als gesichert.

Eric Bernard, 23.7.1914


Der alte Aristarch (1272-1354)  traf 1351 in Dea Hic (1312-1360) und Hypothenus (1306-1385), wobei sie einen spazierakademischen Sommer im Stil von Kathetus (1276-1337) zelebrierten. Hic übertrieb es derart mit dem Positivismus, dass Aristarch erwiderte, die Könige sollten sich lieber die Dichtung von Linmus anhören als den nihilistischen Uratomismus, der alles Tiefere und Innere bewusst ausklammerte. Hic erwiderte wiederum, er meinte seine ganze Philosophie als Scherz, woraufhin Hypothenus ihn davor warnte, davon auszugehen, dass Nichtphilosophen fähig wären, seine Ironie zu verstehen.

Adelar (1292-1371) traf mit Limnus (1288-1368) und Aristarch im Herbst 1352 in Alienne zusammen, sie besprachen den mysteriösen Tod des Magiers Fixus (1309-1352) und mehrere Kosmologien. Adelar ließ apophatische Tendenzen in seinem Denken erkennen, Limnus scheiterte immer wieder daran, den Ursprung der Welt widerspruchsfrei zu erklären. Aristarch prophezeite: "Lasst es geschehen, dass die nächsten Generationen uns drei vergessen und aus ihren eigenen Erfahrungen lernen. Wir sollen nichts in Stein meißeln, jede Generation will die Welt für sich selbst erklären, und ob es richtig oder falsch ist, das haben nicht wir zu entscheiden".

Aus dem Kommentar von Karachinado Ceresa zum Gesamtwerk von Ariel Higerado.